Analyse

Reist, so viel ihr wollt!

Die Coronazahlen steigen weltweit weiter an. Doch derzeit ist ein Aufenthalt an einigen Orten auf der Welt ungefährlicher als ein Nachmittag in einer Stadtzürcher Badeanstalt. Eine Replik auf den Kommentar von Patrik Müller («Niemand muss für Ferien ins Ausland»).

Anna Miller
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Anna Miller.

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CH Media

Jetzt spült es uns wieder diese ganzen Bilder in die Timelines, von herumtorkelnden, grölenden Jugendlichen, die auf irgendwelchen Inseln im Mittelmeer Parties feiern, der Alkohol fliesst, und nach mir die Sintflut. Die Corona-Infektionszahlen steigen derweil weltweit weiter an, und auch die Schweiz, die nach der ersten Welle viele Schritte in Richtung Öffnung und Bewegungsfreiheit unternommen hat, hat wieder über hundert Fälle am Tag.

Die Ferienzeit, die nun angebrochen ist, der Hunger nach der Reise über die Grenze, nach Selbstvergessenheit und dem Bruch mit dem Alltag, ist eine gefährliche Zeit.

Denn die Bewegung an sich, das wurde uns in den letzten Monaten der Krise eingetrichtert, ist eine potenzielle Gefahr. Jeder Schritt aus unseren eigenen vier Wänden heraus ist ein Schritt in eine neue Ungewissheit geworden, ein Schritt in einen potenziellen Viren-Sprühnebel, und keiner, der uns rechtzeitig vor Ablauf der 14 Tage Inkubationszeit warnen könnte. Nicht mal die Covid-App des Bundes.

Jede vierte Neuansteckung mit Corona ist eingeschleppt

Umso wütender reagieren wir auf diejenigen, die es wagen, die Grenzen in andere Länder zu überqueren. Und, als wäre es nicht schlimm genug, dass sie sich Freiheiten anmassen, die wir in den eigenen Köpfen für unseren Sommer verbannt haben, dann auch noch infiziert zurückkommen. Jede vierte Neuansteckung mit Corona ist eingeschleppt, zeigen die neusten Zahlen. Und die ersten rufen schon nach Einreisebeschränkungen. Nicht mehr lange, und die Frage der Grenzschliessungen ist wieder en vogue.

Die Ferienzeit ist nun angebrochen.

Die Ferienzeit ist nun angebrochen.

Getty Images

Dabei ist die Reise, die Fortbewegung an sich doch gar nicht das eigentliche Problem. Ja, in der Masse, bei Hunderttausenden, macht sie einen Unterschied, und ja, dort, wo viele Menschen sind, sind auch viele Tröpfchen. Doch derzeit ist ein Aufenthalt an einigen Orten auf der Welt ungefährlicher als ein Nachmittag in einer Stadtzürcher Badeanstalt. Auch in der Schweiz stecken sich viele Menschen bei Ansammlungen neu an, derzeit offenbar vorwiegend in Clubs, an Wochenenden, bei Freinächten, im Ausgang.

Ausserdem schützen Masken sowie die Wahrung von Hygiene – und Mindestabstandregeln nach neustem Erkenntnisstand weltweit – im Schweizer Pendlerverkehr genauso wie am italienischen Strand.

Hedonistisches Abschalten der Spassgesellschaft

Wer also reist, sich an die Vorschriften hält und seinen gesunden Menschenverstand walten lässt, der ist nicht zu denunzieren, nicht anzuschwärzen, nicht moralisch in Verruf zu bringen. Wir sollten, statt nach Reiseverboten zu schreien, lieber genauer anschauen, welche Art von Fortbewegung uns eigentlich diese Ansteckungsflut beschert. Und mit welcher Geisteshaltung sie einhergeht.

Denn es ist nicht das Reisen mit Achtung und Respekt vor Umwelt und Gegenüber, es ist ein hedonistisches Abschalten, das, aus einer Spassgesellschaft herausgeboren, nur darauf abzielt, sich selbst und alles um sich herum für ein paar Stunden zu vergessen.

Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass von dieser Art von Selbstvergessenheit eher jüngere Menschen betroffen sind. Menschen, die gerade ihre Matura bestanden haben. Junggesellen auf der Suche nach ein bisschen Ablenkung und billigem Alkohol. Wir wissen aber auch, dass es vermessen wäre, nur diese spezifische Altersklasse ins Verhör zu nehmen. Wir haben uns als Gesellschaft in den letzten Jahren und Jahrzehnten an Sofortbuchungen, Pauschalarrangements und Billig-Angebote gewöhnt, daran, dass wir alles sofort haben können, und uns auch vieles einfach zusteht, weil wir dafür bezahlen. Auch wenn dieses Verhalten jenseits von monetären Dimensionen sehr viel kostet.

Vermüllte Strände und zerstörte Buchten

Diese Art von Reise, die gar keine Reise ist, sondern einfach nur dem masslosen Konsum von Ressourcen und fremder Kultur gilt, auf nichts Rücksicht nimmt und zerstörerisch wirkt, hat es schon vor Corona gegeben. Wir haben dieser Art von Reise den Weg geebnet, weil wir hofften, dass wir damit die kurzzeitigen Bedürfnisse derjenigen Leute befriedigen, die sowieso nicht sonderlich viel Konstruktives mit sich und ihrer freien Zeit anzufangen wissen. Und gaben uns damit ab und an auch selbst ein bisschen Pause vom sonst so anstrengenden Alltag – ist ja nicht weiter schlimm, denken wir.

Am Ende stehen wir dann plötzlich vor vermüllten Stränden in Barcelona und zerstörten Buchten in Venedig, und klicken dann, während Corona seinen Höhepunkt erreicht, fasziniert auf Videos im Netz, auf denen zu sehen ist, wie die Natur sich die leergefegten Touristenstrände an den Hotspots dieser Welt wieder zurückerobert.

Es ist also nicht an der Zeit, die Reise an sich zu kritisieren oder verbieten zu wollen. Sondern es wäre an der Zeit, sich zurückzubesinnen, darauf, was Reisen im Kern eigentlich ist: Eine Erkundung von unbekanntem Terrain. Äusserlich und innerlich. Mit Respekt und Vorsicht. Und sich bei der nächsten Reise daran zu erinnern.

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