Rekord bei Neuansteckungen setzt Behörden unter Zugzwang – sechs Fragen und Antworten

Noch nie haben sich in der Schweiz während der Coronakrise so viele Menschen angesteckt. Was bedeutet das?

Bruno Knellwolf, Dominic Wirth und Doris Kleck
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Die Zunahme der Infektionszahlen verunsichert die Menschen. Werden die Massnahmen bald verschärft?

Die Zunahme der Infektionszahlen verunsichert die Menschen. Werden die Massnahmen bald verschärft?

Keystone

1. Wie dramatisch ist die Situation?

Die Infektionszahl von 2823 laborbestätigten Infektionen am 14. Oktober ist hoch. Sie ist deutlich höher als zu Pandemiebeginn. Der höchste Wert lag damals am 24. März bei 1530 positiv Getesteten. Allerdings gab es damals wohl mehr Ansteckungen, die unentdeckt blieben, weil deutlich weniger getestet wurde als heute. Die Dunkelziffer wird auch heute noch als sehr hoch eingeschätzt. Die Positivitätsrate, also der Anteil positiver Tests, lag Ende März bei 26 Prozent, nun bei 13,6.

Das ist eine deutliche Steigerung seit Anfang Oktober, als diese Rate noch bei 5 Prozent lag. Die hohe Positivitätsrate macht dem ehemaligen Taskforce-Chef Matthias Egger Sorgen. «Sie deutet darauf hin, dass noch viel mehr Leute infiziert sind, sich aber nicht testen lassen.» Generell ist die höhere Infektionszahl am Herbstanfang aber keine Überraschung. Das ist in jedem Jahr so bei Atemwegserkrankungen. Schon Daniel Koch hat einen Anstieg vorausgesagt.

Wichtig ist, ob die hohe Zahl ein Einzelereignis ist und morgen die Zahlen wieder sinken. Wenn nicht, und der Trend weiter nach oben geht, muss das die Art der Massnahmen beeinflussen. Denn zurzeit ist auch die Reproduktionsrate, die R-Zahl, zu hoch. Sie liegt zwischen 1,5 und 2. Sie sollte aber unter 1 liegen, weil dann ein Infizierter weniger als eine Person ansteckt, was einen Rückgang der Epidemie bedeutet.

2. Wer steckt sich an?

Die meisten steckten sich in der Alterskategorie von 20 bis 29 Jahre an – etwa ein Fünftel. Ganz knapp dahinter folgen die 30- und 50-Jährigen. Weniger betroffen sind Menschen ab 70.

Diese Altersdurchmischung ist schon seit dem Sommer zu beobachten. Im Frühling waren mehr ältere Menschen betroffen. Allerdings zeigt sich in den vergangenen Wochen bei den Senioren wieder ein Trend zu einer Zunahme.

3. Wo steckt man sich an?

Aufgrund des Contact-Tracings werden Familie und Arbeitsplatz als häufigste Ansteckungsorte genannt. Allerdings muss irgendjemand das Coronavirus zuerst in die Familie bringen. Deshalb gehen Infektiologen davon aus, dass die Viren überall übertragen werden, aber unterschiedlich heftig. Das grösste Gewicht haben gemäss Marcel Tanner von der Taskforce derzeit private Anlässe, die im Gegensatz zu Grossanlässen, bei denen grosse Disziplin herrscht, oft von Sorglosigkeit geprägt sind.

Dabei geht es nicht nur um die Kernfamilie, sondern um das private Umfeld, in dem die Distanz- und Hygienebedingungen oft nicht mehr eingehalten werden. Man kennt sich ja. Hat sich einer aus diesem Umfeld aber in einem Club oder an einer Bar angesteckt, wird die Familie und ihr Umfeld infiziert.

4. Sind die Spitäler am Anschlag?

Gestern hat das BAG 57 Spitaleinlieferungen gemeldet. Im Kantonsspital St. Gallen liegen zum Beispiel zurzeit sechs Covid-Patienten auf der Intensivstation und 16 auf der Normalstation. «Das heisst, wir stellen auch bei uns einen Anstieg fest. Sind aber noch weit weg von einer Überlastung. Letztlich kommt es gerade auf den Intensivstationen aber darauf an, wie viele ‹andere› Patienten gleichzeitig betreut werden müssen», sagt Philipp Lutz vom Kantonsspital St. Gallen.

Tanner hält fest, dass die Hospitalisierungsrate mit etwa zwei Wochen Zeitverzögerung auf die Infektionen reagiert, der Trend sei schon sichtbar. Schlecht sieht die Situation in Schwyz aus. Dort hat die Spitalführung wegen drohender Überlastung einen Hilferuf ausgesandt, weil immer mehr Covid-19-Patienten Sauerstoff bräuchten.

5. Welche Massnahmen sind nun denkbar?

Fest steht, dass ein erneuter teilweiser Lockdown wie im Frühling verhindert werden soll. Matthias Egger sagt, die Fallzahlen würden so bald nicht sinken – und bringt Massnahmen auf nationaler und kantonaler Ebene ins Spiel. Er hält eine nationale Homeoffice-Empfehlung und eine Maskenpflicht in Innenräumen für sinnvoll. Die Kantone sollten in seinen Augen je nach Situation eine Obergrenze für private und öffentliche Veranstaltungen prüfen.

Eine solche Massnahme hat Genf am Mittwoch beschlossen: Im öffentlichen Raum gilt eine Obergrenze von 15 Personen, privat eine von 100. Zudem, sagt Egger, müsse man sich eine vorübergehende Schliessung von Clubs und Diskotheken überlegen. Genf und Waadt, zwei schwer betroffene Kantone, haben bereits zu dieser Massnahme gegriffen. In Zürich gilt ab Donnerstag eine Maskenpflicht in Clubs und anderen Gastro-Betrieben, in denen nicht sitzend konsumiert wird. Zudem muss das Personal in allen Gastro-Betrieben eine Maske tragen.

6. Was ist vom Krisengipfel am Donnerstag zu erwarten?

Der Zufall will es, dass für Donnerstag ein Spitzentreffen zwischen Bund und Kantonen anberaumt ist. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat zu einem Gipfel eingeladen, an dem auch ihre Kollegen Alain Berset und Guy Parmelin, Letzterer wird zugeschaltet, teilnehmen.

Von Seite der Kantone sind Christian Rathgeb, Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen, sowie die obersten Gesundheits- und Volkswirtschaftsdirektoren Lukas Engelberger und Christoph Brutschin dabei. Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen Bund und Kanton zu verbessern und auszuloten, ob es allenfalls neue nationale Massnahmen braucht und ob die Kantone Hilfe benötigen, etwa bei Contact-Tracing.

Entscheide sind allerdings nicht zu erwarten – diese liegen beim Bundesrat und den Kantonsregierungen. Christoph Brutschin könnte sich vorstellen, dass Aufträge erteilt werden, um etwa ein Massnahmenpaket auszuarbeiten, das Bund und Kantone gemeinsam empfehlen, wenn gewisse Fallzahlen erreicht werden.

Jordi, Generalsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz, sagt es so: «Es geht darum, die nächsten Schritte zu beraten. Vielleicht kommt man zum Schluss, dass es gewisse nationale Massnahmen braucht, die der Bund für die ganze Schweiz verordnet. Dies muss aber im Einklang mit den Kantonen passieren.»