RELIGION: Wenn Gotteshäuser die Besitzer wechseln

Was tun mit kaum mehr genutzten Kirchen? Dieses Thema hat auch unsere Region erreicht – und es wird weiter an Bedeutung gewinnen. An Fitness- oder Nachtclubs im Kirchenschiff wird man sich hierzulande aber wohl kaum gewöhnen müssen. Auch nicht an Moscheen.

Christian Peter Meier
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Die reformierte Kirche Rosenberg in Winterthur dient seit kurzem als Asylunterkunft. In den nächsten Jahrzehnten könnten immer mehr Gotteshäuser umgenutzt werden. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Die reformierte Kirche Rosenberg in Winterthur dient seit kurzem als Asylunterkunft. In den nächsten Jahrzehnten könnten immer mehr Gotteshäuser umgenutzt werden. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Am letzten Wochenende stimmten die Katholiken der Kirchgemeinde Buchrain-Perlen dem Verkauf der Kirche St. Josef zu. Das Gotteshaus geht für 1,2 Millionen Franken an die serbisch-orthodoxe Kirche. Der Entscheid sorgte im Vorfeld für heftige Emotionen, was sich auch im Abstimmungsresultat niederschlug: Immerhin 42 Prozent der Abstimmenden lehnten den Handel ab – obwohl der Kirchenrat als Alternative dazu die Schliessung des Gotteshauses in Aussicht stellte.

«Zu viele Gottesdienstorte»

Bald dürfte es häufiger zu solchen Handänderungen kommen – diesen Eindruck gewinnt man auf alle Fälle als sporadischer Kirchgänger. Denn die meist nicht mehr so zahlreichen Gottesdienstbesucher gehören mehrheitlich einer älteren Generation an. In 10, 20, 30 Jahren werden sie nicht mehr zu den Nutzern der kirchlichen Dienstleistungen gehören. Schon heute gibt es einen Überschuss an sakralen Räumen. Das bestätigt kein geringerer als Bischof Felix Gmür, dessen Bistum unter anderem die Kantone Luzern und Zug angehören: «Wir haben zu viele Gottesdienstorte», sagte er kürzlich im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Basel – und illustrierte die Aussage mit den Verhältnissen vor Ort: Die kirchliche Struktur in der Stadt Basel sei auf 90 000 Menschen ausgerichtet, die immer in die Kirche kommen. «Jetzt haben wir 30 000 Menschen, die ab und zu in die Kirche kommen.»

Religiöse Gefühle nicht verletzen

Den Verkauf in Perlen betrachtet Gmür gemäss der Newsplattform kath.ch als optimale Lösung, weil die Kirche hier einer anderen christlichen Gemeinschaft überlassen werde. Das gilt fraglos auch für das ehemalige Zuger Kapuzinerkloster, das nach dem Abzug der letzten Mönche 1997 von der katholischen Gemeinschaft der Seligpreisungen bezogen wurde. Doch die Zahl christlicher Gemeinden auf der Suche nach einem Domizil ist beschränkt, und entsprechend gibt es nicht bei jedem Kirchenverkauf eine «optimale Lösung». Umso mehr Fingerspitzengefühl ist in solchen Fällen gefragt.

Beim Bistum Basel hat man dazu eine klare Devise: «Abgelehnt werden Nutzungen, die das religiöse Gefühl der Menschen vor Ort verletzen», sagt Generalvikar Markus Thürig. Sein «Chef», Bischof Gmür, wurde an besagter Podiumsrunde sogar noch konkreter: «Einer Umnutzung zu einer Moschee würde ich nie zustimmen.»

«Die Kirche bleibt im Dorf»

Generalvikar Thürig widerspricht im Übrigen der These, künftig würden deutlich weniger sakrale Bauten gebraucht: «Der Bedarf an Kirchenräumen wird weitgehend dem heutigen entsprechen, weil die Kirche im Dorf bleibt.» Kongruent dazu kommuniziert die katholische Kirche im Kanton Luzern: «Zurzeit zeichnen sich im Kanton Luzern keine Umnutzungen ab», sagt Bischofsvikar Ruedi Heim – um dann zu relativieren: «Wir wissen natürlich nicht, wie dies in 10, 15 Jahren aussieht.»

Auch bei der Reformierten Kirche Luzern stellt sich die Frage einer Umnutzung von Kirchenräumen derzeit kaum, wie Mediensprecherin Regina Hauenstein sagt. «Das hat damit zu tun, dass viele unserer Gebäude später gebaut wurden als bei den Katholiken. Als Minderheitenkirche haben wir überdies von Anfang an auf die Multifunktionalität unserer Zentren geachtet, da sie vielfältig genutzt werden sollten.» So seien etwa bei Neubauten von Kirchenräumen oder bei Renovationen keine fixen Bänke eingebaut worden. «Kurz und gut: Einen möglichen Wandel haben wir schon beim Bau vorweggenommen.» Im Übrigen habe die Reformierte Kirche Luzern ihre Infrastruktur in der letzten Zeit sogar noch ausgebaut. «So hat beispielsweise die Kirchgemeinde Sursee im Sommer 2011 das neue ‹Kirchenzentrum Michaelsamt› in Gunzwil eröffnet. Wobei in solchen Fällen schon diskutiert wurde, ob wir noch in Gebäude investieren sollen.»

«Antworten finden – ohne Tabus»

Deutlich anders tönt es bei der Katholischen Kirche der Stadt Luzern, wo man sich mit dem Thema intensiv auseinandersetzt: «Der gegenwärtige Bestand an Kirchenräumen wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren geplant. Damals lag der Gottesdienstbesuch bei über 50 Prozent der Mitglieder; heute sind es rund 10 Prozent. Es ist klar, dass wir darauf eine Antwort finden müssen», sagt der für das Ressort Bau verantwortliche Kirchenrat Herbert Mäder und betont, dass es auf der Suche nach dieser Antwort keine Tabus geben dürfe. Dabei hält er grundsätzlich auch «den Verkauf oder die Vermietung einer Kirche mit anschliessend anderer Nutzung» für möglich – auch wenn derzeit ein solcher Schritt nicht geplant sei.

«Bereits heute leben wir nach dem Grundsatz, dass Kirchenräume für ein breites Spektrum an Aktivitäten offen stehen sollen, also auch für Musik, Theater, Ausstellungen, soziale Aktionen, Gemeinschafts- und Quartieranlässe, die christliche Werte fördern», sagt Mäder. Er spricht in diesem Zusammenhang nicht von Umnutzung, sondern von «erweiterter Nutzung» und kann ausserdem auf das Erfolgsmodell «MaiHof» verweisen, bei dem bekanntlich eine Luzerner Kirche samt Pfarreiheim zu einem sehr breit einsetzbaren Zentrum umgestaltet wurde. «Abgesehen von sexistischen, fundamentalistischen oder gar gewaltverherrlichenden Veranstaltungen ist hier alles möglich.»

Kloster plant sein eigenes Ende

Auch Ordensgemeinschaften stehen zunehmend vor der Frage, was dereinst mit den klostereigenen Immobilien passieren soll. Pragmatisch gehen die Heiligkreuz-Schwestern in Lindencham mit dem Thema um. Für ihr Areal mit Schwesternhaus, Ökonomiegebäude und den Gebäuden eines ehemaligen Lehrerinnenseminars haben sie einen Bebauungsplan ausarbeiten lassen, der vom Volk abgesegnet wurde. Er sieht in Etappen den Ersatz der meisten Gebäude und den Bau von Miet- und Alterswohnungen vor. Auch das Schwesternhaus soll verschwinden – wenn das Kloster in ein paar Jahrzehnten aufgelöst wird. Über die Nutzung der Klosterkapelle allerdings dürfen gemäss Grundbuch nicht die Ordensfrauen bestimmen. Hier hat die katholische Kirchgemeinde das Sagen.

Fitnesscenter und eleganter Nachtklub

«Kirchenumnutzungen werden zunehmen», ist sich Johannes Stückelberger sicher. Der Dozent für Religions- und Kirchenästhetik an der Universität Bern hat letztes Jahr zu genau diesem Thema den «Ersten Schweizer Kirchenbautag» organisiert. 2017 wird ein weiterer Anlass zum Thema durchgeführt, was dessen Aktualität illustriert.

Im Unterhalt zu teuer

In der Regel gebe der teure und zunehmend schwierig zu finanzierende Unterhalt der Gebäude den Ausschlag, dass eine Umnutzung oder allenfalls sogar ein Verkauf von Kirchen zum Thema werde, weiss Stückelberger. «Grundsätzlich ist es kein Drama, wenn eine Kirche aufgegeben werden muss. Das hat es schon immer gegeben», sagt er und verweist etwa auf die Profanisierung von Klöstern in früheren Jahrhunderten oder auf die Barfüsserkirche in Basel, die schon lange das Historische Museum beherbergt. Aus denkmalpflegerischer Sicht ist ihm wichtig, dass die neuen Nutzer eine möglichst langfristige Perspektive aufzeigen können. «Es ist nicht gut, wenn historische Gebäude alle paar Jahre einer neuen Verwendung zugeführt werden.»

Wenn eine Kirche wie in Perlen einer anderen christlichen Glaubensgemeinschaft verkauft werden könne, sei dies ein Idealfall, sagt Stückelberger. «In der Nutzungshierarchie an zweiter Stelle stehen kirchennahe Verwendungen etwa für kulturelle Zwecke oder durch eine soziale Institution.» Abgeraten wird vom Verkauf an kirchenferne Institutionen und vom Abriss eines Kirchengebäudes.

Wohnen in der Kirche?

Was sagt Johannes Stückelberger zu solch spektakulären Umnutzungen, wie sie derzeit in einer Ausstellung in Basel thematisiert werden? Dort – in der ebenfalls auf eine Umnutzung wartenden Kirche Don Bosco – sind etwa Bilder von einem Gotteshaus in Neapel zu sehen, das zu einem Fitnesscenter umgebaut wurde. Ein anderes Objekt in Mailand beherbergt nun einen eleganten Nachtklub. Es gibt auch Beispiele von ehemaligen Kirchen, die neu als Moschee, Theater oder Privatwohnung dienen. «In der Schweiz sind solche Umnutzungen bislang die Ausnahme, ausser bei kleineren Kapellen von vorwiegend freikirchlichen Gemeinschaften», sagt Stückelberger. Die italienischen Beispiele seien auch für Italien nur bedingt repräsentativ, da es sich fast ausschliesslich um private Kapellen handle.

Kirche als Quartierzentrum

«In der Schweiz jedoch gehören die meisten sakralen Gebäude einer der Landeskirchen und damit einer öffentlich-rechtlichen Institution.» Deshalb empfehle der «Erste Schweizer Kirchenbautag» für die öffentlichen Bauten der Landeskirchen möglichst eine öffentliche Neunutzung zu suchen, wie sie etwa bei einem Gotteshaus in Lausanne gefunden wurde. Die Kirche dient jetzt als Quartierzentrum.

Christian Peter Meier