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REMO LARGO: Berühmtester Schweizer Kinderarzt: «So kann es nicht mehr weitergehen»

Der berühmteste Kinderarzt der Schweiz, hat sein letztes Buch geschrieben. Es geht darin um die Suche nach dem guten Leben. Geht es nach ihm, müssten wir Wirtschaft, Schulen und Wohnformen radikal umbauen, um glücklich zu werden.
Katja Fischer De Santi
Kinderarzt und Buchautor Remo Largo (73) in seinem Haus in Uetliburg SG. Bild: (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Kinderarzt und Buchautor Remo Largo (73) in seinem Haus in Uetliburg SG. Bild: (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Interview: Katja Fischer De Santi

Remo Largo hat anstrengende Tage hinter sich. Alle wollen etwas vom 73-jährigen Kinderarzt. In seinem Haus im sanktgallischen Uetliburg mit fantastischem Weitblick über die Linthebene klingelt ständig das Telefon. Obwohl seit bald einem Jahrzehnt in Pension, gilt Largo noch immer als die Schweizer Koryphäe im Bereich der Entwicklungspädiatrie. Sein Wort hat Gewicht, seine Bücher sind alles Best- und Longseller. Sein erstes Buch «Babyjahre» gehört auch bald 20 Jahre nach der Erstauflage noch immer zur Grundausstattung frischgebackener Eltern. Den todsicheren Tipp, wie man das Baby zum Durchschlafen bringt, findet man darin zwar nicht. Dafür viele Tabellen und Fallbeispiele. Largos Thema ist die Entwicklung des Kindes. Mit seiner Botschaft «Jedes Kind ist anders» hat er Generationen von Eltern zu mehr Gelassenheit verholfen – mit seinem neusten Buch «Das passende Leben» ist er bei den Erwachsenen angekommen.

Herr Largo, haben Sie ein passendes Leben gelebt?

Ganz sicher nicht, wie die meisten Menschen nicht. Sich jeden Tag aufs Neue anzupassen, das gehört zum Leben.

Wann hat Ihnen Ihr Leben nicht gepasst?

Ich hatte immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. In den 1970er-Jahren erkrankte ich schwer, habe das Gehör verloren, litt unter Schwindelanfällen, war zum Teil gelähmt. Mein Traum, Kinderchirurg zu werden, zerplatzte. Das war die erste von vielen Krisen und Schicksalsschlägen, die mein Leben prägten.

Sie haben sich mehr als 30 Jahre lang mit der kindlichen Entwicklung befasst. Was haben die Kinder Sie gelehrt?

Fast alles. Vor allem aber, wie unterschiedlich sich Kinder entwickeln und wie gross die Vielfalt auch unter uns Erwachsenen ist, auch wenn wir das nicht immer wahrhaben wollen. Ein Beispiel: Es gibt Dreijährige, die sich das Lesen selber beibringen. Die meisten Kinder beginnen mit sieben Jahren zu lesen. Und dann gibt es noch jene 500000 Erwachsene in der Schweiz, deren Lesekompetenz trotz neun Schuljahren leider nur ausreicht, einfachste Texte zu lesen.

Da hat dann wohl unser Bildungssystem komplett versagt.

Nein, unser Bildungssystem ist ziemlich gut. Selbst die beste Schule der Welt würde einige Analphabeten hervorbringen.

Warum?

Weil eben nicht alle alles können. Wie auch nicht alle Menschen 190 Zentimeter gross werden. Unsere unterschiedlichen Erbanlagen sind dafür verantwortlich. Bei den geistigen Fähigkeiten ist das nicht anders. Die Unterschiede sind sogar noch weit grösser. Das sollten wir bei uns selbst und den Mitmenschen akzeptieren und toleranter werden.

Das widerspricht der populären Auffassung, dass, wer nur will, alles schaffen kann.

Das stimmt eben nicht, das haben unzählige Studien längst bewiesen. Man kann einen Menschen nicht über sein individuelles Begabungspotenzial hinaus fördern. Wenn Sie ein Kind überfüttern, wird es nicht grösser, sondern dick.

Wenn wir einem Kind aber zu wenig zu essen geben, dann stört dies sein Wachstum. Wie sollen Eltern erkennen, wo gute Förderung aufhört und die Überforderung beginnt?

Dafür muss man zuerst verstehen, wie Kinder lernen. Wenn ein Kind mit sechs Jahren noch kein Interesse an Buchstaben hat, dann kenne ich keine Methode, kein Programm, mit dem man das Kind interessieren könnte. Man muss schlicht abwarten, bis es dazu bereit ist. Alles andere ist ein Murks und richtet beim Kind nur Schaden an.

Ist es nicht eine etwas banale Erkenntnis, dass wir alle verschieden sind? Das ist doch offensichtlich.

Könnte man meinen. Trotzdem hat sich diese scheinbar banale Erkenntnis, die ich seit 30 Jahren vertrete, noch nicht durchgesetzt. Ich habe in meinem Berufsleben Tausende Kinder kennen gelernt, die mir zugewiesen wurden, weil sie von der «Norm» abwichen. Sie konnten beispielsweise nicht gut rechnen. Das eigentliche Problem dieser Kinder war, dass sie, weil sie den Normvorstellungen nicht entsprachen, nicht «sie selbst» sein durften. Sie litten etwa unter Schlafstörungen oder sozialem Rückzug.

Was haben Sie unternommen, um diesen Kindern zu helfen?

Wir haben versucht, die Erwartungen der Eltern und Lehrer mit den Fähigkeiten des Kindes abzugleichen. Meist besserte sich das Wohlbefinden der Kinder sofort. Jedes Kind, jeder Mensch strebt danach, mit seinen individuellen Bedürfnissen und Begabungen in Übereinstimmung mit der Umwelt zu leben, das nenne ich das Fit-Prinzip, das passende Leben.

Sie schreiben, dass Menschen ihr ganzes Leben danach streben, sechs Grundbedürfnisse zu stillen: Geborgenheit, Leistung, körperliche Integrität, existenzielle Sicherheit, Selbstentfaltung und soziale Anerkennung. Welches Grundbedürfnis kommt in unserer Gesellschaft oft zu kurz?

Geborgenheit und soziale Anerkennung. Wir Menschen haben während 200 000 Jahren in Lebensgemeinschaften gelebt, in denen man sich gut kannte und aufgehoben fühlte. Wir sind nicht dafür gemacht, in einer anonymen Massengesellschaft zu leben. Wir brauchen eine stabile, tragfähige Lebensgemeinschaft um uns. Die Kleinfamilie genügt dafür nicht.

Unsere anonymisierte Massengesellschaft bietet aber auch den maximalen Individualismus, viel Selbstbestimmung, etwas, wonach der Mensch auch strebt.

Ja, das stimmt. Vielen graut es vor einem Leben im Dorf, vor dem Gerede, der sozialen Kontrolle, dass es auch mal Streit gibt. Da wohnen sie lieber in der Stadt im 23. Stock eines Wohnhauses. Das Problem ist einfach, dass wir Menschen soziale Wesen sind, wir können nicht alleine leben. Unser Bedürfnis nach Geborgenheit, nach sozialer Anerkennung ist so elementar wie der Hunger.

Ihre Lösung dafür ist die Lebensgemeinschaft etwa in Mehrgenerationenhäusern. Das klingt utopisch.

Der moderne Mensch hat während 200 000 Jahren ausschliesslich in Lebensgemeinschaft vertrauter Menschen gelebt. Heutzutage geht es immer mehr Kindern und Alten schlecht und jene in der Mitte, vor allem Eltern müssen sich unglaublich abstrampeln, weil sie glauben, alles alleine stemmen zu müssen. So kann es ja nicht mehr weitergehen.

Verklären Sie da nicht etwas die vergangenen Zeiten, als Kinder in Grossfamilien aufwuchsen mit vielen Tanten und Geschwistern?

Eine Lebensgemeinschaft, wie sie mir vorschwebt, ist kein Vergnügungspark. Die Menschen haben Pflichten, etwa sich gemeinsam um die Kinder und die Alten zu kümmern. Sich um einander zu sorgen, schafft tragfähige Beziehungen.

In der NZZ hiess es kürzlich, Ihre Ideen klängen nach Kommunismus, weil Sie ein Grundeinkommen postulieren und den Privatbesitz von Boden abschaffen möchten. Ist da was dran?

Dieser Vorwurf ist absurd. Der Kommunismus hat versagt, weil er die Vielfalt und Individualität der Menschen missachtet hat. Dies geschieht leider in der heutigen Gesellschaft und Wirtschaft in einem hohen Masse. Ich will genau das Gegenteil, dass jeder Mensch seine Individualität leben kann. Dafür braucht es andere gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Ist dies Ihr letztes Buch, sozusagen Ihr Lebenswerk?

Es ist mein letztes Buch, ja. Ich bin gesundheitlich gar nicht mehr in der Lage, ein weiteres Buch zu schreiben.

In einem Satz: Welchen Rat geben Sie den Menschen mit?

Sie sollen sich selbst treu bleiben.

Remo H. Largo: «Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können». S. Fischer

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