Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

RENTEN-ENDSPURT: Die Schweizer und ihre Rente

Diese Woche entscheidet sich in Bern, wie es mit der Reform der Altersvorsorge weitergeht. Das betrifft alle Schweizer, doch wie sehr interessieren sie sich für das, was im Bundeshaus passiert? Ein Stimmungsbericht aus dem grössten Bahnhof im Land.
Dominic Wirth, Zürich
Bis zu 500000 Pendler pro Tag: Der Hauptbahnhof Zürich ist der grösste Verkehrsknotenpunkt der Schweiz. Bild: Ennio Leanza/Keystone (7. Juni 2016)

Bis zu 500000 Pendler pro Tag: Der Hauptbahnhof Zürich ist der grösste Verkehrsknotenpunkt der Schweiz. Bild: Ennio Leanza/Keystone (7. Juni 2016)

Dominic Wirth, Zürich

Wenn der Nationalrat heute in Bern zusammenkommt und sich ein weiteres Mal über die Rentenreform beugt, läutet er die Woche der Wahrheit ein. Es geht jetzt um alles im Bundeshaus. Bis am Freitag müssen die Parlamentarier entscheiden, wie es weitergeht mit den Renten. Und es ist durchaus möglich, dass am Ende nach über zwei Jahren Arbeit nur ein Scherbenhaufen bleibt.

Was auch immer passiert: Es geht alle im Land etwas an, die Frauen und die Männer, die Reichen und die Armen, die Jungen und die Alten. Und sogar jene, die noch nicht einmal auf der Welt sind. Wie aber kommt das Gezerre um die Renten bei den Schweizern an? Ein Nachmittag im Hauptbahnhof Zürich, dem grössten Verkehrsknoten der Schweiz, wo sich das Land in all seinen Facetten trifft wie nirgendwo sonst, ­liefert Antworten.

Die 70 Franken in aller Munde

Zur Mittagszeit gehört das Untergeschoss ganz den Schnellessern. Krawattenträger eilen mit Sushi-Boxen durch das Gängegewirr; Schüler drängen sich um Stehtische; Handwerker beissen auf der Rolltreppe in ihre Sandwiches. Etwas abseits rührt Werner Rohrer in einem Kaffee, zeigt dann mit dem Löffel auf die Tasse und sagt: «Ich zahle auch Mehrwertsteuer für meinen Kaffee. Also sollte ich auch die 70 Franken zusätzliche AHV bekommen.» Rohrer, dem man ­seine 88 Jahre kein bisschen ansieht, hat an diesem Tag Hemd und Pullover und den schönen Mantel angezogen; später will er mit seiner Lebenspartnerin nach Wädenswil fahren, zum Tanznachmittag für Senioren.

Rohrer ist als junger Mann von Buchs im St. Galler Rheintal nach Zürich gezogen, er hat viele Jahre beim Kanton gearbeitet und es bis zum Kanzleisekretär gebracht. Er sagt, er habe gut verdient und komme zurecht. In der Genossenschaftswohnung draussen in Schwamendingen wohnt er schon so lange, dass die Verrücktheiten des Zürcher Wohnungsmarkts spurlos an ihm vorbeigezogen sind. Aber Rohrer sieht in seinem Umfeld auch Menschen, denen es weniger gut geht. Alleinstehende Frauen etwa, die jeden Franken umdrehen müssen. Sich schämen, Ergänzungsleistungen zu beziehen, die ihnen eigentlich zustünden. Deshalb, findet Rohrer, müssten alle in den Genuss des AHV-Zuschlags von 70 Franken kommen. Die Verfechter dieses Zuschlags, angeführt von der CVP und der SP, wollen ihn aber nur Neurentnern zusprechen. Werner Rohrer findet das «nicht ganz fair», weil er und die anderen Rentner zwar kein ­zusätzliches Geld bekämen, von einer anderen geplanten Massnahme aber ­betroffen wären: der Erhöhung der Mehrwertsteuer um 1 Prozent.

Die 70 Franken, das zeigt sich an diesem Nachmittag deutlich, sind so ­etwas wie das Merkmal der Reform ­geworden. Die Leute im Zürcher Hauptbahnhof kommen fast immer auf sie zu sprechen, wenn man sie nach ihrer Meinung fragt. Es ist aber keineswegs so, dass es alle Rentner mit Werner Rohrer halten und den Zuschlag auch für sich fordern. Da ist etwa die Frau, die seit drei Jahren nicht mehr arbeiten muss und sagt: «Ich hatte einen anderen Umwandlungssatz, also habe ich auch kein Recht auf den Zuschlag.» Oder der pensionierte Arzt, der mit seiner Frau vor einem Kleidergeschäft steht und von den 70 Franken gar nichts hält. «Man würde besser den Ärmsten mehr geben statt allen ein bisschen mehr», sagt er, der sich manchmal darüber ärgert, dass in den Zeitungen immer steht, die Jungen müssten für die Renten der Alten zahlen. Man dürfe, sagt der Mann, eines nicht vergessen: «Wir haben viel gearbeitet als junge Leute, es gab damals noch keine Arbeitszeitregeln. Und heute schauen wir zu unseren Enkeln, wie das keine Generation vor uns gemacht hat. Wir geben also den Jungen schon etwas zurück.»

Fatalismus und Desinteresse bei den Jungen

Es ist kurz vor 15 Uhr, als Mariano de Sole in die mächtige Haupthalle des Zürcher Bahnhofs tritt. De Sole, ein Mann um die 50, trägt eine dünne Brille und einen Mantel; die grau melierten Haare hat er sorgfältig gekämmt. Der Sozialarbeiter macht sich Sorgen um das Schweizer Rentensystem. «Es muss etwas passieren, und natürlich ist es sinnvoll, den Umwandlungssatz zu senken. Aber wie lange hilft das? Ich bin schon etwas verunsichert», sagt de Sole. Und das ist ein Gefühl, das der gebürtige Italiener mit vielen Befragten teilt.

Dass etwas passieren muss, weil die Leute immer länger leben, die Renditen ­tiefer sind als früher: Das stellt an diesem Nachmittag eigentlich niemand in Frage. Sozialarbeiter de Sole findet aus diesem Grund auch, dass die Reform «unbedingt gelingen» müsse. «Ein Scheitern wäre eine Katastrophe. Die Politiker müssen sich jetzt zusammenraufen und dürfen keine Parteipolitik mit diesem Thema mehr betreiben.»

Sogar das Rentenalter, dessen Erhöhung die meisten Parteien scheuen wie der Teufel das Weihwasser, ist für viele im Zürcher Bahnhof eigentlich kein Tabuthema. Dennoch gibt es Vorbehalte: «Das Problem ist doch nicht, dass die Leute länger arbeiten sollen, sondern vielmehr, dass die Firmen die älteren Mitarbeiter nicht mehr wollen», sagt dazu eine Frau. Und Werner Rohrer, der alte Mann mit dem Kaffee, gibt zu bedenken, dass es in den Firmen auch Platz brauche für die jungen Leute. Dass künftig auch die Frauen bis 65 arbeiten sollen, stört niemanden, nicht einmal die Frauen selbst. Die meisten sehen das wie ­Janine van Pujenbroek, die einen Kinderwagen durch den Hauptbahnhof schiebt und findet, dass diese Gleichbehandlung «nur konsequent» sei. Zwei Mädchen, 16 Jahre alt und in der Ausbildung zur Pharma-Assistentin, teilen diese Ansicht – wollen aber einen Mann, der dafür dann auch den Haushalt zur Hälfte macht und zu den Kindern schaut.

Als es allmählich Abend wird, wogen die Pendlermassen durch den Bahnhof. Zwei junge Männer in Arbeitshosen tragen ein Bier aus einem Laden. «Wir kriegen sowieso keine Rente mehr», sagt einer der beiden Sanitärmonteure, bevor er einen Schluck nimmt. Sätze wie diesen kriegt man von den Jungen oft zu ­hören. Sie, die von der Rentenreform am meisten betroffen sind, kümmern sich kaum darum, was in Bern läuft. Auch der Raumplaner mit Hornbrille, der bald 30 Jahre alt wird und auf den Zug ins Bündnerland wartet, begegnet dem Thema mit dieser Mischung aus Fatalismus und Desinteresse. «Ganz ehrlich: Das interessiert mich einfach noch nicht», sagt er, dem die Politik sonst keineswegs egal ist. Bei den Nationalratswahlen 2011 hat er sogar im Wahlkampf mitgeholfen, bei der GLP. Ende Woche könnte just diese Partei im Parlament das Zünglein an der Waage spielen. Der junge Raumplaner wird das nur am Rande mitverfolgen, ganz so wie die zwei Sanitärmonteure, die sowieso nicht auf die Politik hoffen. Beide haben sich längst eine dritte Säule eingerichtet. «Es gibt nur eines für uns Jungen», sagt einer: «Wir müssen selber für uns schauen.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.