RETTUNG: «Die Rega-Gönner übernehmen die Aufgabe des Staates»

Seit Monaten tobt ein Streit um die Luftrettung. Angeschossen wird insbesondere die Schweizerische Rettungsflugwacht. Nun nimmt der Rega-Chef Stellung.

Gabriela Jordan
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Rega-Chef Ernst Kohler: hier auf einer Aufnahme vor einem Helikopter am Flughafen Zürich. (Bild: Keystone)

Rega-Chef Ernst Kohler: hier auf einer Aufnahme vor einem Helikopter am Flughafen Zürich. (Bild: Keystone)

Ernst Kohler, die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega) steht in der Kritik. Die Attacken kommen vom TCS und von Air-Glaciers, beides Konkurrenten der Rega, wenn es um Rettungsflüge geht. Was ist passiert?

Ernst Kohler*: Warum es jetzt zu diesen Konflikten kommt, ist schwer zu sagen. Es gibt Unternehmen, die Trittbrett fahren wollen, und das geht nicht. Die Rega betreibt seit 60 Jahren Luftrettung in der Schweiz. Im Berner Oberland hatten wir mit Air-Glaciers einen Kompromiss. Das heisst, wir haben dem Unternehmen Aufträge in der Region abgetreten und die Einsätze für sie koordiniert. Mit dieser Situation konnte die Rega gut leben. 2011 hat dann der TCS begonnen mitzumischen. Wir haben nicht versucht, das zu verhindern, sondern zeigten die Konsequenzen auf.

Das heisst?

Kohler: Wenn die Rega Rettungseinsätze fliegt, schickt sie nicht «bloss» einen Helikopter in die Luft. Dahinter steht eine ganze Infrastruktur. Diese kostet uns jährlich über 100 Millionen Franken und sichert die Grundversorgung der Schweizer Bevölkerung. Wer Luftrettung durchführen will, soll entweder diese Infrastruktur selber berappen oder sich unseren Standards anpassen.

Und Letzteres wollen Air-Glaciers und der TCS nicht?

Kohler: Nein. Der TCS möchte die Luftrettung dann betreiben, wenn der Helikopter grad verfügbar ist. Er will auch die Ausrüstung des Helikopters nicht anpassen, etwa eine Rettungswinde einbauen lassen, damit der Helikopter auch tatsächlich für jede Art von Notfall eingesetzt werden kann. Das sei zu teuer, so das Argument. Die Rega könne diese Einsätze ja dann fliegen.

Die Rega herrsche als Monopolistin, verhindere andere Unternehmen, vergolde ihre Helikopter, sei nicht kooperativ, der Chef verdiene zu viel. Die Vorwürfe kamen in letzter Zeit konzentriert. Warum?

Kohler: Seit zwei private Unternehmen im Luftrettungswesen mitmischen wollen, müssen sich die Behörden und die Politik mit dem Thema auseinandersetzen. Das ist ein Novum. Die Kantone mussten nie eine Bedarfsplanung machen und sich fragen, was sie brauchen, um die Luftrettung sicherzustellen. Es war einfach da, denn die Luftrettung hat dank der Rega funktioniert, und was noch wichtiger ist: Die Luftrettung hat weder Bund noch Kantone etwas gekostet. Und nun kommen Leute und sagen, man müsse den Markt spielen lassen. Will man das, muss man sich auch der Konsequenzen bewusst sein.

Freier Markt würde die Preise für die Patienten aber möglicherweise senken.

Kohler: Wenn dem so wäre, begrüsse auch ich den Wettbewerb. Aber das wird nicht geschehen. Die Krankenkassenprämien werden nicht sinken, wenn die Rega ihre Flugminuten günstiger anbietet. Seit 1996 kosten diese gleich viel, sogar die Teuerung wurde nicht angepasst. Es gibt im ganzen Gesundheitswesen keinen anderen Bereich, in welchem die Preise seit 17 Jahren stagnierten. Auch die Gönnerbeiträge sind seit 21 Jahren gleich geblieben. Mit Einnahmen aus der Luftrettung wird man nicht reich. Zudem kann man nicht wie in einem freien Markt das Bedürfnis nach Luftrettung schaffen. Dazu müsste man ja Unfälle provozieren.

Sie sagten, weder Bund noch Kantone würden die Luftrettung subventionieren, obwohl dies ja zum staatlichen Auftrag gehört. Wie ist das möglich?

Kohler: Salopp gesagt zahlen die Gönner diese «Subvention» mit ihren Beiträgen von jährlich 80 Millionen. 60 Millionen berappen leistungspflichtige Dritte, also Versicherer oder Spitäler. Die Rega reinvestiert alle Erträge, die sie erwirtschaftet. Darum können wir etwa Helikopterlandeplätze auf Spitälern mit­finanzieren. Wenn die Gönner nicht wären, müsste der Staat dies übernehmen, wie in allen anderen Ländern auch.

Was würde dies bedeuten?

Kohler: Dass der Staat für die fehlenden Mittel aufkommen müsste. Schliesslich muss er die Gesundheitsversorgung sicherstellen. Am Schluss würde dies wohl auf den Steuerzahler zurückfallen.

Sie sagten, dass man mit Luftrettung nicht reich wird. Aber offensichtlich ist die Branche attraktiv, schliesslich drängen nun Konkurrenten auf den Markt.

Kohler: Luftrettung vermittelt ein gutes Image. Zudem dient sie immer wieder mal als Feigenblatt. Wer kritisiert schon ein Unternehmen, das auch Leben rettet?

Sie werfen den Konkurrenten Rosinenpickerei vor. Wie ist das zu verstehen?

Kohler: Die Einsätze der Rega basieren auf einer Infrastruktur: Zum einen ein eigenes Funknetz, dass sicherstellt, dass wir jederzeit mit unseren Helikoptern in Kontakt stehen. Zweitens führen wir die Einsätze in einer komplexen Zentrale. Wir melden den Patienten im Spital an, kommunizieren mit den Rettern und lotsen die Piloten. Nun verlangen Air-Glaciers und der TCS, dass wir ihnen diese Infrastruktur zur Verfügung stellen, aber nur dann, wenn es ihnen in den Kram passt. Das ist Rosinenpickerei und würde letztlich bedeuten, dass unsere Gönner diese privaten Unternehmen mitfinanzieren. Ich kann aber Hand reichen.

Inwiefern?

Kohler: Wer gewillt ist, sich im Bereich Luftrettung an der Grundversorgung zu beteiligen, den wird die Rega mit offenen Armen empfangen.

Aber Sie stellen Bedingungen?

Kohler: Die Helikopter müssen immer verfügbar sein und die gleichen Standards wie jene der Rega haben. Zudem muss sich das Unternehmen an den Fixkosten der Infrastruktur beteiligen. Dass die Rega in solchen Fällen kooperiert, zeigt das Beispiel von Genf. Dort fliegt auch ein anderer Helikopter.

Vor einer Woche haben Sie die Zusammenarbeit mit Air-Glaciers im Berner Oberland gekündigt. Warum?

Kohler: Wir haben den Helikopter bis anhin disponiert und dem Unternehmen jährlich rund 100 Einsätze verschafft. Trotzdem kritisierte Air-Glaciers immer wieder, wir würden unsere Helikopter bevorzugen, auch wenn die Maschinen weiter weg sind. Wir wollen uns nicht jedes Mal rechtfertigen. Auch aus Rücksicht auf unsere Mitarbeiter, welche diese Entscheide oft unter Zeitdruck fällen müssen.

Die Situation wirkt verfahren. Was ist Ihre Lösung für die Situation?

Kohler: Die Rega kann mit ihrer nationalen Einsatzzentrale, 17 Helikoptern auf 13 Basen die Luftrettung der Schweiz sicherstellen. Wenn es Kantone gibt, die andere Betreiber zulassen wollen, sollen sie sie auch selbst einsetzen und alarmieren. Es gibt kein Versorgungsproblem, und von der Rega wird niemand im Stich gelassen.

Hinweis

* Ernst Kohler (50) ist Chef der Rega. Der gelernte Elektromonteur übernahm nach einem Nachdiplomstudium in Betriebswirtschaft 2004 die Leitung des Militärflugplatzes Meiringen, bevor er zur Rege wechselte. Der Vater von vier Kindern wohnt mit seiner Frau in Meggen.