«RITES DE PASSAGES»: Ehe unter göttlichem Schutz

Die Hochzeit ist das festlichste Ereignis im Leben eines Hindus. Sie wird mit vielen Gästen, Farben und bedeutungsvollen Ritualen gefeiert.

Benno Bühlmann
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Die Brautleute geben sich als Liebeszeichen etwas zu essen.
Links Hindupriester Sasitharan Ramakrishnasarma. (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Die Brautleute geben sich als Liebeszeichen etwas zu essen. Links Hindupriester Sasitharan Ramakrishnasarma. (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Ein strahlend schöner Samstagvormittag, 10 Uhr: In der «Linden»-Halle im zugerischen Neuheim bereiten viele Helferinnen und Helfer das grosse Fest vor, das in einigen Stunden beginnen soll. Dass der Saal üppig dekoriert werden muss, ist für die Tamilinnen und Tamilen eine Selbstverständlichkeit. Nicht umsonst besagt eine alte hinduistische Redensart, dass «eine Hochzeit vom Paradies organisiert» werde. Das in Neuheim lebende Brautpaar Suthakaran Rasan (32) und Arulmoli Sinnaraja (28) hat traditionsgemäss in einer von den Eltern arrangierten Ehe und unter Berücksichtigung der Horoskope zusammengefunden.

Pünktlichkeit ist kein Thema

Kokosnüsse, Bananen mit Räucherstäbchen, Rosenwasser und eine Menge Reiskörner warten auf die 300 Gäste. Das ist für tamilische Verhältnisse nicht viel: Hochzeitsfeste mit 600 oder gar 900 Personen sind keine Seltenheit. Sasitharan Ramakrishnasarma, der als Hindupriester etwas später das aufwendige Hochzeitsritual vornehmen wird, richtet auf der Bühne einen speziellen Altar mit unzähligen Utensilien ein: wie verschiedene Öllampen, Blumengirlanden, Gefässe mit heiligem Wasser, Bananen und Milch. Wann genau das Ritual beginnen wird, kann auch der Hindupriester nicht so genau sagen, denn die Pünktlichkeit steht bei solchen Festen nicht im Vordergrund. Tatsächlich treffen die Gäste erst nach und nach ein. Es stört denn auch niemanden, wenn die Feier eine oder zwei Stunden später beginnt.

Heilige Schnur schützt vor Unglück

Um 12 Uhr ist es so weit: Der Bruder der Braut und die Eltern des Bräutigams treffen ein. Die Braut wird erst später erwartet, denn zuvor hat der Hindupriester noch einige vorbereitende Rituale zu vollziehen: Nach einem Opfer für Gott Ganesha legt er dem Bräutigam die heilige Schnur um das rechte Handgelenk: Symbol des Schutzes vor negativen Einflüssen wie Trauer und Unglück. Dann folgt die Verehrung des Gottes Shiva und seiner Frau Parvati. Mit neun Wassergefässen, die rechts vom Priester stehen, wird auch den neun Planeten gehuldigt, die dem Brautpaar Wohlergehen schenken sollen. Nun führt die Schwester des Bräutigams die Braut auf einem roten Teppich in den Saal. Ihr Gesicht ist mit einem weissen Tuch verhüllt, sie trägt einen Blumenstrauss. Dann übergeben die Eltern ihre Tochter dem Bräutigam und umwickeln sie mit einer Blütengirlande, während der Priester die Namen der Vorfahren der Brautleute aufzählt.

Glückskette als Zeichen der Ehe

Nachdem der Bräutigam seiner Braut das neue Sari-Gewand überreicht hat, folgt der wichtigste Teil der Hochzeitszeremonie: Mit dem Reichen der Hände wird das gegenseitige Eheversprechen abgegeben. Dann überreicht der Bräutigam seiner Braut die goldene Halskette Thali, welche die verheiratete Frau fortan um den Hals trägt. Der Bräutigam spricht dabei die Worte: «Durch das Anziehen dieser heiligen Kette sollen dir Glück und hundert Lebensjahre geschenkt werden.» Während dieser Handlung ertönt lautes Trommeln, damit störende Geräusche oder schlechte Worte übertönt werden.

Unverzichtbarer Teil der Hochzeitszeremonie ist auch das Pani Graham, das Reichen der Hände. Dabei nimmt der Bräutigam die rechte Hand der Braut in seine rechte Hand und spricht: «Ich ergreife deine Hand und trete mit dir in das Eheleben ein. Ich verspreche dir ein glückliches Leben. Lass uns bis ins hohe Alter unzertrennlich sein.» Nun macht er seiner Frau erstmals einen roten Punkt auf die Stirn – das Erkennungszeichen aller verheirateten Frauen, Symbol für die Göttin Lakshmi.

Eheringe im Wasser

Als Zeichen der Fruchtbarkeit werden nun Milch und Bananen serviert. Damit nimmt das Brautpaar an seinem Hochzeitstag erstmals Nahrung zu sich, nachdem es sich vorgängig dem traditionellen Fasten unterworfen hat. Dann folgt die Besteigung eines Sockels aus Marmor. Das bedeutet, dass das Herz der Frau gegenüber negativen Einflüssen hart sein soll wie Stein.

Anschliessend müssen die Brautleute die Eheringe in einem Eimer voll Wasser suchen. «Das bedeutet, dass auch bei Problemen eine Lösung gesucht und manchmal nachgegeben werden muss», erklärt der Hindupriester. Als Abschluss folgen Fruchtbarkeitsriten: Das Brautpaar umschreitet dreimal das Opferfeuer und wirft anschliessend dreimal gebratene Reiskörner ins Feuer.

Alle Anwesenden segnen es mit ein paar Reiskörnern, vermischt mit heiligem Gras und Turmericpulver. Dann folgen der obligate Fototermin und das gemeinsame Festmahl.