ROM: «Ein Impuls für unsere Kirche»

Die Familiensynode ist zu Ende. Abt Urban vom Kloster Einsiedeln zieht ein positives Fazit. Die Verantwortung der Priester und Seelsorger sei gestärkt worden.

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Abt Urban Federer, hier vor dem Kloster Einsiedeln. (Bild: Nadia Schärli /  Neue LZ)

Abt Urban Federer, hier vor dem Kloster Einsiedeln. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Was für ein Fazit ziehen Sie über die Familiensynode?

Urban Federer: Ich bin positiv überrascht! Ich hatte die Sorgen, dass eindeutige Aussagen zu verschiedenen Themen spaltend wirken könnten. Nun hat der Papst einen anderen Weg gewählt: Er liess Leute drei Wochen miteinander diskutieren, die ihre unterschiedliche Haltungen zwar kannten, aber nicht ins Gespräch darüber kamen. Da gab es eine neue Dynamik in der Gesprächskultur. Ich erhoffe mir davon einen Impuls für unsere Kirche vor Ort.

Somit sind Sie zufrieden mit dem Ausgang.

Federer: Ja, weil die Synode nicht abschliessend ist, sondern einen Beginn setzt. Nun bin ich und sind andere Verantwortungsträger der Kirche Schweiz selbst gefordert bei der Umsetzung.

Was kann man sich nun Konkretes daraus erhoffen – beziehungsweise was könnte sich ändern?

Federer: In erster Linie haben sich die Sprache und die Sensibilität für die Realität geändert. Weiterhin hat die Kirche eine Linie, eine Lehre, und das ist gut so. Darüber hinaus heisst es nun von offizieller Seite, dass Urteile zu vermeiden sind, die den komplexen Lebenssituationen von Menschen nicht Rechnung tragen. Da ist nun ausdrücklich die Rede von der Notwendigkeit, aufmerksam hinzuschauen, wie Menschen leben und angesichts ihrer Situation leiden.

Was wünschen Sie sich, dass sich ändert?

Federer: Dass das nun konkrete Folgen hat. Die Synodenväter sprechen von einem Weg der Begleitung und Integration anstelle von Strafe und Ausschluss. Offensichtlich wird damit die Verantwortung der begleitenden Priester und Seelsorgerinnen und Seelsorger gestärkt. Das liegt ja ganz in der Linie von Papst Franziskus, der den weltweit kulturell unterschiedlichen Bedingungen rund um Fragen nach der Familie durch Dezentralisierung gerechter werden will. Es wird sich etwas ändern, wenn diese prozessorientierte Sicht in der Verkündigung der Kirche mehr zum Bewusstsein kommt. Ganz wichtig ist auch, dass der Begriff des «Gewissens» im Dokument eine zentrale Bedeutung hat. Es gibt neben der objektiven Lehre auch die Eigenverantwortung jedes und jeder Einzelnen.

Im Vorfeld haben Sie sich geäussert, dass sich die Sprache gegenüber Homosexuellen ändern sollte. Wird dies geschehen?

Federer: Wer im Abschlussbericht danach sucht, muss dies zuerst verneinen. Ich möchte mithelfen, dass diese neue Dynamik aber auch im Sprechen mit Homosexuellen zum Tragen kommt.

Zu einer anderen Thematik: Wie wünschen Sie sich die Rolle der Kirche in der aktuellen Flüchtlingskrise?

Federer: Sie muss die Würde jedes Menschen hochhalten. Bei allen verständlichen Ängsten, die in unserer Gesellschaft der Flüchtlingskrise gegenüber herrschen, müssen wir diese Würde auch konkret schützen. Ich kann einem Menschen, der vor meiner Türe steht, nicht sagen: Du darfst nicht sein.

Wie positioniert sich das Kloster Einsiedeln dazu?

Federer: Wir nehmen nicht nur seit den 80er-Jahren offiziell Flüchtlinge auf und versuchen sie durch entsprechende Programme zu integrieren; das haben wir in den letzten Wochen erneut getan. Auch in der Zwischenzeit helfen wir immer wieder mit Wohnraum aus, wenn eine Familie oder Einzelpersonen für eine gewisse Zeit ein Dach über dem Kopf brauchen. Auch in der Frage der Flüchtlinge wünsche ich mir die Dynamik der Familiensynode: Niemand kann fertige Antworten auf ein so komplexes Thema liefern. Wir müssen über alle Meinungs- und Parteigrenzen hinaus das Gespräch suchen und die Nöte und Sorgen der betroffenen Menschen nicht aus den Augen verlieren.

 

Christoph Clavadetscher