Interview

Romandie-Kultmoderator Darius Rochebin im grossen Interview: «Es gibt den Röstigraben, aber wo ist das Problem?»

Der Westschweizer Tagesschau-Moderator Darius Rochebin (53) verlässt nach rund 25 Jahren «RTS» und wechselt zu einem französischen Privatsender. Der TV-Liebling der Romands spricht im Interview über seine vielen hochkarätige Interviewpartner, den Röstigraben zu Corona-Zeiten und kulturelle Probleme im Land.

Benjamin Weinmann und Stefan Ehrbar aus Genf
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RTS-Aushängeschild Darius Rochebin (53) führt künftig in Frankreich Interviews.

RTS-Aushängeschild Darius Rochebin (53) führt künftig in Frankreich Interviews.

Rts/Anne Kearney / RTS

Rochebin wählt das Café für das Gespräch selber aus: Es liegt an der Rue de la Confédération, dem Eingang zur Genfer Shoppingmeile. Der Ort hat für den 53-Jährigen eine besondere Bedeutung, wie er später im Interview erklärt. Der Vater einer zehnjährigen Tochter spricht auch über seine lange Karriere, in der er so viele mächtige Politiker interviewt hat, wie sonst kein anderer Journalist hierzulande. Und er verrät, welche Deutschschweizer Stereotypen ihm besonders gefallen.

Ihre Premiere als Nachrichtensprecher von «Le Journal» feierten Sie 1996 als 30-Jähriger. Erinnern Sie sich an die Schlagzeilen?

Darius Rochebin: Oh la la, das ist lange her und gerade bei der Tagesschau jagt ein Tag den nächsten. Ich erinnere mich an die Aktualitäten jener Zeit, wie die Überschwemmungen in Gondo. Aber manchmal habe ich Mühe, sie zeitlich richtig einzuordnen. Denn in den Nachrichten beginnt jeder Tag praktisch bei null.

Sie haben Weltgeschichte live in die Westschweizer Stuben vermittelt, von 9/11 über die Tsunamis im indischen Ozean 2004 bis hin zu Fukushima 2011. Welches Ereignis war für Sie besonders emotional?

Nach den Tsunamis ging ich nach Phuket, das war sehr bewegend. Ich traf Familien, die Verwandte im Wasser verloren hatten. Das ging mir sehr nahe.

Als Journalist ist man oftmals von den Themen bewegt, über die man berichtet, aber man konzentriert sich auf die Arbeit. Wie der Arzt, der operiert und die Gefühle beiseitelegt. Das war in Thailand für mich plötzlich nicht mehr möglich.

Muss ein Journalist denn ständig emotionslos sein?

Nein, das nicht. Aber ich glaube sehr stark an die Objektivität. Ich bin überzeugt, dass man über jedes Thema objektiv berichten kann, egal ob man für die Palästinenser oder Israeli, oder für die SP oder SVP Sympathien hegt.

Sie gelten als Chouchou der Romands, als Mr. Perfect. Ist Ihnen eine Sendung je misslungen?

Aber natürlich, oft sogar! Das ist in so vielen Jahren Journalismus doch völlig normal. Manchmal stimmte die Stimmung nicht mit dem Interviewpartner, oder ich war nicht ideal vorbereitet. Einmal sagte ich, die Balearen würden im Atlantik liegen.

Sie haben es geschafft, die Mächtigsten der Welt vor die Kamera zu holen: Wladimir Putin, Emmanuel Macron, Mike Pompeo, Sebastian Kurz und als 25-Jähriger interviewten Sie bereits den Palästinenserführer Jassir Arafat. Wie kam es zu dieser beeindruckenden Liste?

Darius Rochebin (links) beim Interview diesen Sommer mit US-Aussenminister Mike Pompeo.

Darius Rochebin (links) beim Interview diesen Sommer mit US-Aussenminister Mike Pompeo.

Twitter Darius Rochebin

Ich habe mich schon immer für die Geschichte interessiert. Als Journalist interessiere ich mich für Persönlichkeiten, bei denen man ahnt, dass sie eine wichtige Rolle in unserer Zeitgeschichte spielen. Ich erinnere mich auch an ein Interview mit Michail Gorbatschow, wie er danach unseren gläsernen Lift nahm, und das Licht hineinstrahlte. Da hatte er diese Erscheinung einer historischen Figur.

Welches Interview war für Sie am spannendsten?

Putin. Das war 2015. Es war fast wie in einem Roman. Wir waren im Konstantinpalast in St.Petersburg. Es waren nur wenige westliche Journalisten vor Ort. Und plötzlich sagte man zu uns: Kommen Sie! Dann arbeiteten wir uns von Vorzimmer zu Vorzimmer vor, bis schliesslich Putin vor uns stand. Ich sagte ihm, es habe sich fast wie die Oktoberrevolution 1917 angefühlt, beim Sturm der Bolschewiken auf den Winterpalast. Da musste er lachen.

Wie verlief es danach?

Ich war natürlich angespannt. Denn beim Fernsehen reicht es nicht bloss, die richtigen Fragen vorzubereiten. Auch die Technik muss funktionieren. Die Angst, dass die Kamera ausfällt, ist immer da. Am Schluss war ich zufrieden, obwohl es einen Moment gab, als mir die Fragen ausgingen. Da fragte ich etwas salopp: Und, sprechen Sie Deutsch mit Frau Merkel? Da spürte ich, dass für ihn das Interview zu Ende war. Danach machte ich mir grosse Vorwürfe: Was bist du für ein Idiot, du hast Putin vor dir und stellst so eine banale Frage!

Darius Rochebin beim Interview mit Wikileaks-Gründer Julian Assange in London.

Darius Rochebin beim Interview mit Wikileaks-Gründer Julian Assange in London.

Bild: RTS

Müssen Sie manchmal im Vorfeld zusichern, gewisse Fragen nicht zu stellen?

Ja, auch wenn dies weder bei Putin noch bei den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad oder Hassan Rohani der Fall war. Paradoxerweise stellen die Politiker demokratischer Länder oft mehr Forderungen. Sie müssen die öffentliche Meinung stärker berücksichtigen und die «Sprachregelung» ihrer Verwaltung respektieren.

Ich habe Fälle von Bundesräten erlebt, die strenger sind als Putin (lacht). Sie wissen, wie sie ihre Autorität zur Geltung bringen können.

Denn sie sind für viele Jahre gewählt. Gleichzeitig müssen sie vorsichtig sein. Insofern müssen beide Kompromisse eingehen, der Interviewer als auch der oder die Interviewte.

Finden Sie das gut?

Das hängt von den Vorgaben ab. Wenn Sie nicht absurd sind, respektiere ich sie. Aber es ist immer eine journalistische Abwägung.

Das ist aber eine Art Zensur.

Es ist eine Machtausübung, das auf jeden Fall. Ich interviewte einst eine Bundesrätin, die nur über ein Thema sprechen wollte. Als ich ein anderes Thema erwähnte, nahm sie sofort den Kopfhörer aus ihrem Ort und schmiss ihn auf den Boden. Am Nachmittag rief mich ihr Sprecher an und wir organisierten einen neuen Termin. Das ist typisch schweizerisch. Jeder bäumt sich etwas auf, aber am Schluss gewinnt der Konsens.

Sie hätten auch einfach das misslungene Interview und die Machtdemonstration der Bundesrätin zeigen können.

Ja, wenn es um ein enorm wichtiges Thema gegangen wäre, klar. Aber in diesem Fall war es das nicht wert.

SRF-Moderator Sandro Brotz interviewte 2016 den Kriegsverbrecher und syrischen Präsidenten Baschar al-Assad – und wurde dafür teilweise kritisiert. Zurecht?

Ich finde, man kann als Journalist praktisch jede und jeden interviewen. Bei einem extremistischen Terroristen des Islamischen Staates wird es sicher kompliziert.

Andererseits ist es sehr spannend, heute Interviews mit Hitler zu lesen und zu sehen, wie er die Journalisten blenden konnte, als er zum Beispiel sagte, er wolle Frieden.

Weil die Schweiz ein neutrales Land ist ohne koloniale Vergangenheit, ohne grosse historischen Probleme, können wir sehr offen sein – aber gleichzeitig kritisch bleiben.

Sie führen auch in der sonntäglichen Sendung «Pardonnez-moi» Gespräche mit Gästen wie Gérard Dépardieu, François Hollande oder Julian Assange. Und 2011 interviewten Sie als weltweit erster Journalist Roman Polanski nach seinem Hausarrest in Gstaad. Welches Interview war am kompliziertesten?

Das war Assange, dem Wikileaks-Gründer. Ich führte das Interview zusammen mit einem Kollegen in seinem kleinen Apartment in London. Wir mussten unsere Handys in den Kühlschrank legen, damit sie keinen Empfang hatten. Vis-à-vis gab es einen Supermarkt und er wusste, dass er von dort aus vom britischen Geheimdienst abgehört wurde. Er ist eine brillante Person, aber möglicherweise ein bisschen verrückt. Das spürte man auch während des Gesprächs.

Rochebin mit Frankreichs Filmstar Gérard Depardieu.

Rochebin mit Frankreichs Filmstar Gérard Depardieu.

Bild: RTS

Bei wem haben Sie die Hoffnungen auf ein Interview aufgegeben, Barack Obama oder Donald Trump zum Beispiel?

Es ist in der Tat sehr schwer, an die mächtigen US-Politiker heranzukommen. Aber nein, ich gebe die Hoffnung nie auf. Selbst wenn jemand Bekannter gestorben ich, frage ich mich jeweils für eine Millisekunde, ob es nicht doch noch möglich wäre, mit dieser Person ein Interview zu führen (lacht). Ich bin wirklich sehr hartnäckig.

Welche Frage würden Sie Donald Trump gerne stellen?

Etwas Persönliches. Denn er hat eine mysteriöse Seite, wie ich finde. Er kann sehr brutal sein, aber auch sehr intuitiv agieren. Ich würde gerne seinen Charakter etwas besser verstehen.

Was bei der Liste Ihrer Interviewpartner auffällt: Es sind vor allem weisse Männer. Wie erklären Sie sich das?

Ich habe auch Tidjane Thiam interviewt, den Ex-Chef der Credit Suisse. Aber die Liste entspricht zu einem grossen Teil nun mal den gegebenen Machtverhältnissen im Westen, wo vor allem Männer an der Macht sind. Dennoch versuchen wir stets, uns zu verbessern und die Diversität zu berücksichtigen.

Rochebin mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Rochebin mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Twitter

Die «Black Lives Matter»-Bewegung sorgte auch in der Schweiz für heftige Diskussionen. Wie beurteilen Sie den Rassismus hierzulande?

Der Umgang mit dem Ausland ist in der Schweiz durchaus speziell. Das habe ich auch als Kind mit iranischen Wurzeln erlebt. Mein Vater kam aus dem Iran nach Genf. Übrigens: Er arbeitete sein Leben lang gleich hier gegenüber in der Apotheke. Er ging jeden Mittag in ein Restaurant in der Nähe, wo meine Mutter arbeitete. Er versteckte immer die Gabel und sagte ihr jeweils, Mademoiselle, Sie haben die Gabel vergessen. So lernten sie sich kennen.

...und was meinten Sie mit dem speziellen Verhältnis zum Ausland der Schweiz?

Ich würde sagen, das Verhältnis zum Ausland und den Ausländern ist nicht immer warmherzig, aber es ist fair, wenn der Ausländer sich integriert und arbeitet. Dieses Integrationsmodell fand ich immer interessant. In Frankreich spielen die Ethnie, die Identität und die Geschichte eine viel grössere Rolle. Dort muss man die «Marseillaise» singen können. Hier ist man pragmatischer. Das heisst nicht, dass es in der Schweiz keine Xenophobie gibt. Aber generell funktioniert die Integration gut.

Aber Sie selbst haben Ihren iranischen Nachnamen geändert, von Khoshbin zu Rochebin.

Ja, das habe ich mit 21 Jahren gemacht, aber nicht weil ich Rassismus spürte. Ich spreche kein Persisch und habe praktisch keinen Bezug zum Iran. Dennoch wurde ich oft darauf angesprochen. Und es waren persische Buchstaben. Die Aussprache ist die gleiche geblieben.

Auf jeden Fall zeigt es, dass man auch mit ausländischen Wurzeln die Tagesschau moderieren kann. Nochmals: Die Schweizer Integration funktioniert meiner Meinung nach gut.
Das spannendste Interview für Rochebin war jenes mit Wladimir Putin.

Das spannendste Interview für Rochebin war jenes mit Wladimir Putin.

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Beim SRF gibt es nur eine dunkelhäutige Moderatorin. Beim RTS?

Niemanden.

Ist das Verhältnis zum Ausland in der internationale UNO-Stadt Genf anders als im Rest der Schweiz?

Ich denke nicht. Die Schweizer Tradition basiert auf der Co-Existenz, egal welche Religion oder welche politische Haltung man ausübt. Ich fragte die Bundesräte oft nach ihrer Religion und sie sprachen problemlos darüber. In Frankreich oder England geht das nicht. Tony Blair ist sehr katholisch. Als man ihm nach seinem Glauben fragte, funkte sein Pressesprecher Alistair Campbell Alistair Campbelle sofort dazwischen und sagte: «We don’t do God». Da ist man im Ausland oft viel sensibler als in der Schweiz.

Und wie haben Sie es mit dem Glauben?

Ich bin Agnostiker. Ich spreche in den TV-Gesprächen aber nicht über meine Haltung, denn sonst hegen die Zuschauer sofort Verdacht, wenn ich zum Beispiel ein leichtes Schmunzeln hätte bei einem Bericht über den Papst.

Sie verlassen RTS nach 25 Jahren und wechseln im September zum französischen Privatsender LCI, der zu TF1 gehört. Wie wird sich Ihre Arbeit in Frankreich verändern?

Ich werde noch mehr Interviews führen. Und ich werde mich vom tagesaktuellen News-Geschäft etwas verabschieden. Das ist die grösste Veränderung. Ich werde meinen persönlichen Stil in den Gesprächen weiter schärfen können. In der «Tagesschau» spreche ich direkt alle Zuschauer an. Im Fernsehgespräch setze ich mich nur mit einer Person auseinander.

Am 24. August startet Ihre neue Sendung auf LCI. Wer wird Ihr erster Gast?

Ich weiss es noch nicht, ich bin immer noch auf der Suche, aber ich bin zuversichtlich.

Mit Ihrem Abgang bei RTS haben Sie in der Romandie ein Erdbeben ausgelöst. Haben Sie damit gerechnet?

Nein, ganz ehrlich nicht.

(Ein Teenager läuft vorbei und ruft zu Rochebin: «Bonne Chance!» Viel Erfolg!)

Wirklich nicht?

Nein, definitiv nicht! Ich denke, die vielen Reaktionen haben damit zu tun, dass ich diesen Job schon sehr lange mache. Dieser junge Mann, der eben vorbeigelaufen ist, schaut beispielsweise sicher kein klassisches Fernsehen mehr. Aber mittlerweile gibt es hier sogar schon Memes mit mir. Die Menschen werden sicher nicht ewig trauern, wenn ich weg bin, aber natürlich sind das schöne Erinnerungen. Es zeigt auch, welche wichtige Funktion die Tagesschau nach wie vor übernimmt. Sie ist eine Art Grund-Infrastruktur.

Am Wochenende verabschiedeten Sie sich vom RTS-Publikum, ohne Tränen.

Ich versuche, nie zu viele Emotionen zu zeigen. Als ich einer anderen Zeitung ein Interview gegeben habe, musste ich etwas Deutsch sprechen. Da habe ich das Wort «nüchtern» gelernt. Ich denke, das drückt es am besten aus: Nüchternheit ist eine Schweizer Qualität, und sie ist gerade fürs Fernsehen wichtig. Das ist etwas, das die alemannische Welt der frankophonen voraus hat. Das hat sich in der Coronakrise gezeigt.

Wie meinen Sie das?

Merkel hat beispielsweise sehr überlegt und nüchtern kommuniziert. In Frankreich war alles viel theatralischer. Die Diskussion über die Massnahmen wurde sehr emotional geführt. Dabei schadet es in solchen Krisen bestimmt nicht, überlegt zu agieren.

Nun gehen Sie als «kleiner Schweizer» ins grosse Paris. Haben Sie keine Angst, unterzugehen?

Natürlich, in Paris ist der Medienkuchen viel grösser. Aber es ist ein offener, interessanter Markt. Und wenn sich das Ganze gut entwickelt, dann kann einiges daraus entstehen.

Ist die französische Politik spannender als die Schweizer Politik?

Nicht unbedingt. Aber natürlich hat das Land eine andere, faszinierende Geschichte. Sogar die kleinsten Gemeinden haben eine komplizierte Vergangenheit, in der sich beispielsweise der Widerstand und Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg gegenüberstanden. Das wurde an die nächsten Generationen weitergegeben. Die Geschichte ist stärker verankert in den Köpfen als beispielsweise in einem Freiburger Bergdorf. Doch die Schweizer vergessen auch gerne, welche Rolle ihr Land spielt.

Inwiefern?

Unser Finanzsystem ist sehr wichtig für die ganze Welt. Und wir haben ein stabiles Regierungssystem, für das wir uns sicher nicht verstecken müssen. Ich gehe auf jeden Fall ohne Komplexe nach Paris. Die Schweiz ist ein wohlhabendes, sicheres Land.

Aber nicht unbedingt ein geeintes: Der Röstigraben spaltet die West- und die Deutschschweiz. Während der Coronakrise wurde er sogar noch grösser, als die Angst vor der Pandemie und der Ruf nach dem starken Staat in der Romandie deutlich grösser waren.

Natürlich gibt es den Röstigraben und er ist auch sichtbar. Aber wo liegt das Problem?

Die Schweiz hat ein sehr spezielles Modell. Wir leben miteinander, aber wir müssen nicht alles voneinander verstehen und uns lieben. Das ist wie bei einem alten Ehepaar.

Jeder schaut auf seinem Tablet einen Film, aber man sitzt Seite an Seite auf dem selben Sofa. Gut, die Leidenschaft ist weg. Aber die Beziehung hält trotzdem. Sie ist pragmatisch. Das finde ich nicht schlimm. In der Politik ist Leidenschaft sowieso keine gute Sache. Die Coronakrise hat uns gezeigt, dass es in diesem Land verschiedene Ansichten gibt. Aber das hat keine politische Krise zur Folge.

(Eine ältere Frau erkennt Rochebin und sagt ihm, dass sie ihn sympathisch findet)

Es könnte aber zu einer werden, wenn die Westschweizer Kantone zunehmend das Gefühl haben, dass sie nicht gehört werden.

Das glaube ich nicht, im Gegenteil.

Das ist sehr optimistisch.

Das passt zu meinem Namen: «Roche» heisst «gut»,«bin» heisst «sehen» – übersetzt also etwa «das Gute sehen».

Fakt ist: Die Deutschschweiz ist grösser als die Westschweiz und dominiert die Beziehung.

Das sehe ich nicht so. Bei der SRG, wo ich arbeitete, hatte ich beispielsweise nie das Gefühl, dass wir von der Deutschschweiz überstimmt wurden oder Druck aufgebaut wurde. Jeder leistet seinen Teil, aber man sucht nicht um jeden Preis eine Verschmelzung.

Wie werden wir Deutschschweizer in der Westschweiz denn wahrgenommen?

Natürlich gibt es Stereotypen.

Sie dürfen ehrlich sein.

Was mich immer ein wenig amüsiert, ich aber gleichzeitig bewundere, ist die äusserst sachliche Art, die viele Deutschschweizer an den Tag legen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Politiker, die beim Papst vorsprechen, geben sich meistens Mühe, zu zeigen, wie sehr sie seine Ideen teilen und wie wichtig ihnen die Armen sind. Als Johann Schneider-Ammann beim Papst war, sprach er hingegen über unser duales Bildungssystem, die Wirtschaft oder unser Bruttoinlandprodukt. Den Papst hat das übrigens sehr interessiert. Natürlich haben wir uns in der Romandie danach etwas über Schneider-Ammann lustig gemacht. Aber ich bewundere diese Herangehensweise. Sie ist eine Stärke des Landes. Natürlich gibt es auch hier Diskussionen beispielsweise um Ausländer, aber am Schluss zählt das Resultat. Dieses Denken ist sicher Deutschschweizerischer als Welsch.

Und unser Akzent?

Ich liebe den Deutschschweizer Akzent, vor allem wenn er so richtig stark ist. Stärker als bei Emil sogar (lacht).

Ein weiterer Unterschied ist, dass die Westschweiz häufiger links abstimmt und wählt.

Ja, das hat sich stark geändert in den letzten Jahren. Ein urbanes Milieu wie in Lausanne oder Genf wählt heute linker. Weshalb, weiss ich nicht. Die Ansichten haben sich allgemein gewandelt. Als ich als Journalist angefangen habe, galt es noch als unverschämt, einen Wirtschaftsführer nach seinem Gehalt zu fragen. Heute wird es einem angekreidet, wenn man die Lohn-Frage nicht stellt.

2013 gab es einen Austausch zwischen dem RTS und SRF. Tagesschau-Sprecher wechselten in den anderen Landesteil. Braucht es mehr solche Projekte?

Solche Projekte sind sicher sinnvoll. Aber sie bringen die Unterschiede nicht zum Verschwinden, die nun mal existieren und mit denen wir gut leben können.

Im Zuge der Coronakrise reisen viele Deutschschweizer in die Westschweiz in die Ferien und umgekehrt. Hilft das, einander besser zu verstehen, vielleicht etwas Leidenschaft in die Beziehung zurückzubringen?

Nein. Ich denke, der Militärdienst und das Au-Pair-System hatten früher einen solchen Effekt, aber die Ferien wohl eher nicht.

In der Schule wird heute zuerst Englisch gelernt, erst danach Französisch.

Das hingegen sehe ich als Problem. Natürlich ist es wichtig, Englisch zu können, aber wir verdecken hier ein kulturelles Problem, das nichts mit dem Röstigraben zu tun hat. Es geht um die Amerikanisierung. Unsere Kinder kennen Disney-Prinzessinnen besser als die Bibel oder die griechische Mythologie. Das ist ein kulturelles Problem.

Wie ist bei ihrer 10-jährigen Tochter?

Die kennt auch die Disney-Prinzessinnen (lacht).

Mögen Sie die amerikanische Kultur nicht?

Darum geht es nicht. Es erinnert mich einfach an die Gallier, die von der römischen Kultur absorbiert wurden. Als Greta Thunberg nach Lausanne kam sprach sie ohne Übersetzung auf Englisch, als ob das selbstverständlich wäre. Ich finde das bizarr. Das zeigt, wie sehr wir von der amerikanischen Kultur kolonialisiert wurden.

Trinken Sie noch Starbucks-Kaffee?

Nein. Aber ich bin nicht Mitglied einer Widerstandsbewegung, wenn Sie das meinen.

Wir haben nun selbst gemerkt, dass sie hier sehr bekannt sind. Der Publizist Peter Rothenbühler hat einmal geschrieben, sie seien süchtig nach Aufmerksamkeit. Stimmt das?

Nein. Natürlich gefällt mir die Aufmerksamkeit. Wenn ich mich selbst analysieren müsste, würde ich sagen, dass es mir wichtiger ist, interessante Menschen zu treffen und so ein wenig die geschichtliche Ereignisse mitzuerleben.

Sie sind auf Twitter sehr aktiv. Warum?

Diese Form der globalen Konversation halte ich für sehr wichtig, gerade für Journalisten.

Wer heute einen Fehler macht, wird in der gleichen Sekunde auf Twitter korrigiert. Das hilft den Medien.

Man kann heute nicht einfach Dinge behaupten, die dann unkorrigiert stehen bleiben.

Die Schattenseite davon: Es gibt viel schneller Shitstorms.

Das stimmt, aber am Schluss dominieren die wahren Informationen, davon bin ich überzeugt.

Die Franzosen freuen sich auf den «Federer des Interviews»

Von Stefan Brändle aus Paris

Die französische Presse wartet ungeduldig auf die Ankunft des TV-Stars aus der Romandie. Obwohl Darius Rochebin seinen neuen Job bei dem ältesten französischen Newssender LCI erst Ende August aufnehmen wird, eilen ihm die Medienberichte voraus. Die Zeitung Le Parisien bezeichnet den Westschweizer als «Federer des Interviews». Sie glaubt zu wissen, dass er unter der Woche täglich um 20 Uhr ein längeres Interview mit einer bekannten Persönlichkeit führen soll. 20 Uhr ist der neuralgische Moment für die Einschaltquoten: Dann beginnen auf den grössten Publikumssendern die Tagesschauen, in Frankreich «journaux télévisés» genannt. Rochebin soll diesen Blockbustern, die ingesamt mehr als zehn Millionen Zuschauer vereinen, das Wasser abgraben.

Niemand zweifelt, dass der «petit Suisse», wie man in Paris die «kleinen Schweizer» mit einer gewissen Nonchalance und in Anlehnung an eine Käsesorte nennt - dazu in der Lage ist. Wie Ex-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey französischen Journalisten erklärte, hat Rochebin «Charisma». Der Pariser Starautor Sylvain Tesson, den Rochebin bereits zweimal auf Radio Télévision Suisse (RTS) interviewt hatte, sagt von dem TV-Mann mit Anspielung an den Lac Léman: «Er verkörpert die Schweiz – solid wie ein Fels, sanft wie der See.»

Rochebin weiss, dass er es in der Pariser Medienarena nicht leicht haben wird. Der Irano-Schweizer ist einer der ersten Schweizer Journalisten überhaupt, die auf der Pariser Medienbühne gleich ganz oben einsteigen. In einem Interview mit der Zeitschrift le point sagte er, er sei sich bewusst, dass die französische Politik «hysterisiert» sei. Er wolle aber nicht nur das Plakative und Konfliktuelle, sondern die feineren Nuancen herausarbeiten. Den netten «Schweizer vom Dienst» will er aber auch nicht spielen, wie er betonte: Gerade weil seine Tagesinterview eine gewisse Zeitdauer von bis zu zwanzig Minuten hätten, könne er wenn nötig auch «den Angriffswinkel wechseln». Um anzufügen: «Der Überraschungseffekt gehört zur Kriegskunst.» Wenn die Pariser Politiker meinen, sie könnten den zivilisierten Interviewer mit ihrer berüchtigten Eloquenz einlullen oder an die Wand reden, könnten sie noch getäuscht haben. Von wegen Schweizer Granit.

ENTWEDER ODER?

Genf oder Paris? Genf, weil die Stadt viel älter ist.

Zürich oder Bern? Bern. Ich mag die ruhige Schweiz.

Jet d’Eau oder Eiffelturm? Ich bevorzuge die Natur, zum Beispiel das Lavaux.

Pierre Maudet oder Emmanuel Macron? Ich werde keine Stellung zur Politik nehmen (lacht).

Stan Wawrinka oder Roger Federer? Federer. Ich habe ihn häufig interviewt, und ich hatte nie den Eindruck, dass ich ihn alles gefragt habe. Ich hatte stets Lust auf ein weiteres Gespräch.

Stress oder Edith Piaf? Was Musik betrifft, bin ich eine Null.

Micheline Calmy-Rey oder Karin Keller-Suter? Ich mag beide. Eine leichte Präferenz habe ich für Calmy-Rey. Ich habe Sie schon so häufig interviewt, sie ist schon fast eine (Bekannte). Porte bonheur.

Fox News oder MSNBC? RTS!

Darius Rochebin

Von der Zeitung zum News-Sender

Rochebin (53) stieg nach seinem Studium der französischen Literatur beim «Journal de Genève» in den Journalismus ein. Später schrieb er für L’Illustré, bevor er 1996 zum Fernsehen RTS wechselte. Schon zwei Jahre später präsentierte er erstmals die Hauptausgabe der Westschweizer Tagesschau. In der Sendung «Pardonnez-moi» sprach Rochebin jeden Sonntag mit einem prominenten Gast. Der iranischstämmige Rochebin ist Vater einer zehnjährigen Tochter. Nun wechselt er zum Nachrichtensender LCI, der zur TF1-Gruppe gehört. Dort führt er durch eine tägliche Interviewsendung.