SGB-Präsidium: Frauen-Ikone fällt Barbara Gysi in den Rücken

Im Kampf um die Nachfolge von Paul Rechsteiner kann die St. Galler Nationalrätin Barbara Gysi jede Unterstützung brauchen. Ausgerechnet die Frauenikone Christiane Brunner verweigert ihr diese nun.

Dominic Wirth
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SP-Vizepräsidentin und Nationalrätin Barbara Gysi. (Bild: Keystone)

SP-Vizepräsidentin und Nationalrätin Barbara Gysi. (Bild: Keystone)

Allmählich geht das Rennen um den Posten des höchsten Gewerkschafters im Land in die heisse Phase. In sechs Wochen entscheidet sich beim Kongress des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), wer die Nachfolge von Paul Rechsteiner antritt. Der St. Galler Ständerat tritt nach 20 Jahren ab, und um den Posten des SGB-Präsidenten ist ein Zweikampf entbrannt: Barbara Gysi, die St. Galler Nationalrätin, gegen Pierre-Yves Maillard, den Waadtländer Regierungsrat. Beide können viel politisches Gewicht in die Waagschale werfen. Und beide haben ihren ganz eigenen Bonus: Gysi den ihres Geschlechts, Maillard den seiner Westschweizer Herkunft.

Gysi ist in diesem Duell in Rücklage geraten, nachdem sich die grossen Verbänden mehrheitlich für Maillard ausgesprochen haben. So stellen sich Schwergewichte wie die Unia, die Syndicom und der SEV hinter den Romand; Gysi kann nur auf den VPOD zählen. Und jetzt kommt es für die St. Gallerin noch schlimmer: Christiane Brunner, die in Gewerkschaftskreisen seit ihrer Rolle als Mitinitiantin des ersten Frauenstreiks eine Ikone ist, stellt sich in einem Interview nicht hinter sie – und redet die Frauenfrage klein. In der aktuellen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung «work» sagt die Genferin etwa, dass sich «die Ausgangslage nicht auf die Geschlechterfrage beschränke». Auf die Frage, ob die Wahl eines Mannes an die SGB-Spitze ein Jahr vor dem geplanten zweiten Frauenstreik nicht ein falsches Signal wäre, antwortet die 71-Jährige, dies sei «nicht der springende Punkt».

Gysi: «Ein wenig enttäuscht bin ich schon»

Brunner gehörte 1991 zu den Köpfen hinter dem ersten Frauenstreik. Eine halbe Million Frauen legte damals die Arbeit nieder, um für die Gleichstellung zu demonstrieren. 1993 verursachte die Nichtwahl Brunners in den Bundesrat breite Frauenproteste. An ihrer Stelle wurde der unbekannte Francis Matthey gewählt. Ausgerechnet diese Frau versagt Gysi nun die Unterstützung. Und dies, obwohl die Frauenfrage in Gewerkschaftskreisen derzeit heiss diskutiert wird. Viele sind der Meinung, dass die Zeit reif ist für eine Frau. Die SGB-Frauenkommission macht sich für eine Wahl Gysis stark. Die St. Gallerin wäre erst die zweite SGB-Präsidentin überhaupt, nach Christiane Brunner, die das Amt von 1994 bis 1998 gemeinsam mit Vasco Pedrina ausgeübt hatte.

Barbara Gysi sagt auf Anfrage, es sei «erstaunlich und schade», dass eine profilierte Frauenpolitikerin wie Christiane Brunner sich nicht hinter sie stelle. «Ein wenig enttäuscht mich das schon», sagte sie. Die SP-Vizepräsidentin betont, dass ihr Geschlecht nicht ihr einziges Argument sei, sondern auch ihre Arbeit als Nationalrätin sowie als Gewerkschafterin. «Ich bin aber schon auch der Meinung, dass es Zeit wäre für eine Frau an der Spitze des SGB», sagt Gysi. Anscheinend sei für Brunner aber eine «andere Solidarität als die unter Frauen» wichtiger. Das sei schade, aber mit Blick auf die Gegenkandidatur aus der Westschweiz ein Stück weit auch erklärbar. Das Rennen um das SGB-Präsidium ist für die Wilerin nach wie vor offen, auch wenn ihr Brunner die Unterstützung versagt. «Ich spüre auch ohne Christiane Brunner gerade von vielen Frauen eine grosse Unterstützung, auch von solchen aus der Westschweiz», sagt Gysi.