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RÜCKBLICK: «Mister Asyl» geht in Pension

Antonio Simona hat fast 30 Jahre lang das Empfangszentrum des Bundes für Asylsuchende in Chiasso geleitet. Der Tessiner «Mister Asyl» plädiert für Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen.
Gerhard Lob, Chiasso
Antonio Simona in einem Gang des Bundesasylzentrums in Losone. (Bild: Simon Golay/Keystone (Losone, 23. April 2016))

Antonio Simona in einem Gang des Bundesasylzentrums in Losone. (Bild: Simon Golay/Keystone (Losone, 23. April 2016))

Gerhard Lob, Chiasso

Das Büro ist bereits geräumt. Offiziell bezieht Antonio Simona die letzten Ferientage, bevor er am 1. Mai in Pension geht. Gleichwohl ist der bald 65-Jährige bereit, in einem Gespräch Bilanz zu ziehen. Treffpunkt ist der Bahnhof Chiasso, ein Symbol für Grenze und Immigration.

Nur wenige Schritte entfernt befindet sich das Zentrum für Asylsuchende. Fast 30 Jahre hat Simona dieses geleitet; an seinen ersten Arbeitstag im Jahr 1988 kann er sich noch bestens erinnern. Die Strukturen waren damals einfach, fast schon handgestrickt. Gerade mal vier Mitarbeiter gab es. Inzwischen rotieren um das Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Tausende von Asylsuchenden klopfen hier jedes Jahr an.

Gegen Vorurteile gekämpft

Ursprünglich hatte Simona in Zürich französische und italienische Literaturwissenschaft studiert. Zwei Jahre lang war der Tessiner für die Depeschenagentur in Bern tätig, bevor er 1983 ins Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement wechselte. Als ein Leiter für das neue Aufnahmezentrum in Chiasso gesucht wurde, bewarb er sich. In dieser Position ist er zum «Mister Asyl» in der Südschweiz geworden; hat in der Öffentlichkeit immer wieder die Entwicklungen erläutert, Verfahrensabläufe und Zahlen kommentiert, hat gegen Vorurteile gegenüber Migranten angekämpft, ohne Missstände schönreden zu wollen.

Denn, so sagt Simona, Chiasso sei aus Schweizer Sicht wie ein «privilegiertes Observatorium», um die Migrationsströme zu beobachten. Als er anfing, waren es Kurden aus der Türkei, welche in die Schweiz flüchteten. Als vor 25 Jahren der Bosnienkrieg ausbrach, fand die erste grosse Belastungsprobe statt. 1998/99 folgte die Kosovokrise; rund 50000 Asylanträge waren die Folge. In den Jahren 2011–2012 spürte Chiasso den arabischen Frühling – pöbelnde Flüchtlinge aus den Maghreb-Ländern sorgten für untragbare Zustände in der Grenzstadt. «Das hat für das Image der Flüchtlinge bis heute verheerende Folgen», sagt Simona. Denn eigentlich habe das Zusammenleben zwischen der lokalen Bevölkerung und den Asylsuchenden immer gut funktioniert.

Die jüngsten Entwicklungen sind bekannt. 2016, nach der Schliessung der Balkanroute, nahm der Druck auf die Schweizer Grenze zu, vor allem mit Flüchtlingen aus Subsahara-Afrika, doch die Asylgesuche gingen tendenziell zurück. Simona lässt durchblicken, dass er die Gründe dafür nicht ganz nachvollziehen kann. «Warum plötzlich so viele Rücküberstellungen? Ich stelle nur die Frage», sagt er mit grosser Vorsicht. Man merkt: Als Mitarbeiter des EJPD will er das zum Finanzdepartement gehörende Grenzwachtkorps nicht kritisieren. Auch in der umstrittenen Frage der Rückweisung von minderjährigen Flüchtlingen zeigt sich Simona betont vorsichtig.

Ballerspiele als Ausgleich

Dabei plädiert Antonio Simona aber dezidiert für Menschlichkeit: «Wir haben es hier mit Menschen zu tun, nicht mit Kartoffelsäcken.» Er ist überzeugt, dass in der Gesellschaft so etwas wie eine «Kultur der Migration» aufgebaut werden muss, eine Bereitschaft, sich mit diesem Phänomen, das nicht vorübergehender Natur sein wird, auseinanderzusetzen.

Dass zunehmend Schulklassen in die Asylbewerberzentren kommen, um sich selbst ein Bild zu machen und das Gespräch zu suchen, hält Simona für einen wichtigen und positiven Schritt. Ein Asylzentrum zu leiten, ist kein gewöhnlicher Job. Irgendwie sei man ständig bei der Arbeit, wenn nicht physisch, so zumindest im Kopf. Die Familie habe das Nachsehen. «Und Notfälle passieren in der Regel auch nicht um 14 Uhr während der Bürozeit», so Simona, der zahlreiche kritische Situationen managen musste, darunter auch einen Hungerstreik im Zentrum.

Als Ausgleich setzt Simona in der Freizeit nicht nur auf Literatur, Astronomie und Astrologie, sondern als leidenschaftlicher Gamer auch auf Videogames, auf Spiele wie Call of Duty oder Battlefield. «Es ist wohl merkwürdig, dass es mir gefällt, am Computer Leute umzubringen», sagt er mit gewisser Selbstironie. Und geht für eine Zigarette nochmals vor den Bahnhof.

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