Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

RÜCKTRITT: Der Beinahe-Bundesrat tritt ab

Zweimal stand Hansjörg Walter vor dem Sprung in die Landesregierung. Einmal verhinderte seine Partei die Wahl, dann wurde er verheizt. Nun verlässt der Bauernvertreter nach 18 Jahren den Nationalrat.
Roger Braun
Wieder mehr Zeit für seinen Hof: Der ehemalige Nationalratspräsident Hansjörg Walter tritt kürzer. (Bild: Coralie Wenger (Wängi, 5. Dezember 2012))

Wieder mehr Zeit für seinen Hof: Der ehemalige Nationalratspräsident Hansjörg Walter tritt kürzer. (Bild: Coralie Wenger (Wängi, 5. Dezember 2012))

Roger Braun

Hier spricht ein Mann, dem die Worte sichtlich schwerfallen. «Ich muss Ihnen mitteilen, und das aus meinem freien Entscheid, dass ich nicht als Kandidat zur Verfügung stehe und dass ich eine allfällige Wahl ablehnen würde.» Als Hansjörg Walter ­diese Worte am Rednerpult des Parlamentssaals ausspricht, ist er den Tränen nahe. Er ist zerrissen zwischen Loyalität zur Partei und dem Ehrgeiz eines Politikers.

Es ist der 10. Dezember 2008, der Nachfolger von Bundesrat Samuel Schmid wird gewählt. Das politische Klima ist rau. Ein Jahr zuvor spedierte eine Mitte-links-Mehrheit Christoph Blocher aus dem Bundesrat, Eveline Widmer-Schlumpf wird samt ihrer Kantonalpartei aus der SVP geworfen, Samuel Schmid gemobbt, bis er entnervt aufgibt. Nun will die SVP Blocher mit aller Kraft zurück in den Bundesrat hieven und nominiert daneben Parteipräsident Ueli Maurer als zweiten Kandidaten.

Nur seine eigene Stimme fehlte

Und da ist noch der Thurgauer Hansjörg Walter – ein Bundesratskandidat wider Willen. Mitte-links hat ihn auserwählt, um Blocher und Maurer zu verhindern. Walter fühlt sich sichtlich unwohl in der Rolle des Sprengkandidaten, zögert aber bis zuletzt, sich klar aus dem Rennen zu nehmen. Kurz vor dem ersten Wahlgang schliesslich tritt er ans Rednerpult und bittet die Bundes­versammlung nicht ihn, sondern Ueli Maurer zu wählen.

Beinahe ist es jedoch zu spät. Im zweiten und dritten Wahlgang fehlt Walter eine einzige Stimme zum Bundesrat – es ist seine eigene, die er Maurer gegeben hat. Schliesslich wird Maurer hauchdünn gewählt. «Dies war sicher der dramatischste Moment meiner politischen Karriere», sagt Walter nun am Tag seines Rücktritts. Noch heute werde er von der Bevölkerung regelmässig dar­auf angesprochen. Und natürlich fällt immer wieder dieselbe Frage: Hätte er die Wahl angenommen, falls er gewählt worden wäre? Selbst nach all den Jahren berührt ihn die Frage. «Ich wäre hin und her gerissen gewesen», sagt der 66-Jährige mit einem verlegenen Lächeln. Er wisse es schlicht nicht. «Der Druck war extrem.» Sicher hätte er sich mit der Partei abgesprochen.

Walter war der ideale Sprengkandidat für die Gegner von Maurer und Blocher. Der Meisterlandwirt aus Wängi hat gute Kontakte zu allen Parteien. Er ist ein klassischer Vertreter der Thurgauer SVP: bodenständig, respektvoll und auf Ausgleich ­bedacht. Gleichzeitig hatte er als langjähriger Präsident des Bauernverbands den Rückhalt der SVP-Basis; ein Rauswurf wäre der Partei schwerer gefallen als bei Widmer-Schlumpf. Seine politische Erfahrung war unbestritten. Nach seinem Eintritt in die Politik 1985 hatte er sich im Schulrat, im Gemeinderat und im Kantonsrat engagiert. 1999 wurde er in den Nationalrat gewählt.

Wäre das Bundesratsamt nicht die Krönung seiner politischen Karriere gewesen? «Gekonnt hätte ich es schon», sagt Walter. «Ich hätte das Amt auch mit grosser Freude ausgeübt.» Doch der Zeitpunkt sei schlecht gewesen. Er habe Maurer, den er aus der Verbandsarbeit gut kenne, nicht in den Rücken fallen wollen. «Zudem hätte eine Wahl von mir zu einer Zerreissprobe ­innerhalb der SVP und der Landwirtschaft geführt», sagt Walter. «Das wollte ich nicht.» Drei Jahre später eröffnet sich für Walter die nächste Chance. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist allerdings ungleich kleiner.

Vom Sprengkandidaten zum Bauernopfer

Nach den Wahlen 2011 versucht die SVP, den Sitz von Widmer-Schlumpf anzugreifen. Sie möchte das mit den Nationalräten Bruno Zuppiger und Jean-François Rime tun. Kurz vor der Wahl kommt allerdings aus, dass Zuppiger eine Erbschaft veruntreut hatte. Als sich die SVP nach einem Ersatz umschaut, steht Walter bereit. Der war zwar einige Tage zuvor erst grad zum Nationalratspräsidenten gewählt worden – «der Höhepunkt ­meiner politischen Karriere» –, stellt sich aber trotz minimaler ­Chancen aus Parteiräson zur Ver­fügung. Widmer-Schlumpf wird komfortabel gewählt. Die Medien werden später von einem «Bauernopfer» sprechen.

Es wirkt grotesk: Da vereitelt die SVP die Wahl von Walter mit aller Kraft, nur um ihn drei Jahre später selbst als Kandidaten vorzuschlagen. Wurde er von seiner Partei damit nicht um das Bundesratsamt gebracht? Walter sagt, er sei frei von Groll. «Es war einfach eine andere Ausgangs­lage: 2008 waren Maurer und Blocher die Kandidaten der SVP. Das musste ich akzeptieren.»

Denkt er manchmal daran, wie das Leben verlaufen wäre, hätte er damals seinen eigenen Namen auf den Zettel geschrieben? «Das darf ich nicht», sagt Walter und geht einen kurzen Moment in sich. «Ich will nichts Verpasstem nachtrauern, sondern nach vorne schauen.»

Nach vorne: Das ist die Zeit ohne Politik. Ihm werde nicht langweilig, wenn er Ende ­November Platz mache für die Unternehmerin Diana Gutjahr, sagt der 66-Jährige. Er spricht von der Arbeit auf seinem Hof, seinen Verwaltungsratsmandaten und seiner Frau, mit der er wieder mal verreisen möchte. Und die Politik? Werde er nicht vermissen, sagt er. «Es war eine gute Zeit, doch jetzt sage ich mit grosser Befriedigung: Das war’s.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.