Interview

Rücktritt des obersten Protestanten: Es geht «unter anderem um sexuelle und psychische Grenzverletzungen»

Christoph Weber-Berg, Präsident der Aargauer Reformierten, kennt Frauen, die mutmassliche Grenzverletzungen von Gottfried Locher beklagen. Er sagt: Die offizielle Kirche nehme die Grenzverletzungen noch zu wenig ernst und versage in der Kommunikation komplett.

Lucien Fluri
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Gottfried Locher, Präsident der Reformierten Kirche Schweiz, trat vor Pfingsten zurück. Ihm werden Grenzverletzungen vorgeworfen.

Gottfried Locher, Präsident der Reformierten Kirche Schweiz, trat vor Pfingsten zurück. Ihm werden Grenzverletzungen vorgeworfen.

Key/Anthony Anex

Gottfried Locher, oberster Protestant der Schweiz, stand bereits unter Druck, bevor er vergangene Woche von seinem Amt zurückgetreten ist. Es standen Vorwürfe von Grenzverletzungen im Raum. Publik gemacht haben diese vier Kantonalkirchen, indem sie Fragen an die Reformierte Kirche Schweiz veröffentlichten. Zu ihnen gehört auch Christoph Weber-Berg, Präsident des Aargauer Kirchenrates. Er fürchtet Schaden für die Reformierten, wenn er sieht, wie die Schweizer Kirchenoberen derzeit handeln.

Fühlen Sie sich wohl in Ihrer Haut als Reformierter?

Christoph Weber-Berg: Ja, ich habe mich an Pfingsten gerade sehr gefreut, dass wieder Gottesdienste möglich sind. Ich bedaure aber, dass dieses Ereignis von negativen Schlagzeilen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz überschattet wird.

Gottfried Locher, der oberste Reformierte, ist vergangene Woche zurückgetreten, aber niemand weiss warum. Sind Sie irritiert?

Natürlich. Aber ich bin nicht ganz überrascht. Seit April, als eine Kirchenrätin zurücktrat, standen sehr viele Fragen im Raum. Offensichtlich wurde nun der Druck zu gross. Locher erklärt, dass er mit seinem Rücktritt ermöglichen wolle, dass sich die Kirche auf ihre Arbeit konzentrieren kann. Ich glaube, dass er sich da Illusionen macht. Wir können jetzt nicht einfach zur Tagesordnung hinübergehen. Es sind mehr Fragen im Raum als Antworten.

Er spricht von einem kommunikativen "Totalversagen" der Reformierten Kirche Schweiz: Christoph Weber-Berg von der Aargauer Kantonalkirche.

Er spricht von einem kommunikativen "Totalversagen" der Reformierten Kirche Schweiz: Christoph Weber-Berg von der Aargauer Kantonalkirche.

Sandra Ardizzone

Welche?

Wie kommt es zu den beiden Rücktritten? Wie kommt es dazu, dass der Rat gar keine sichtbaren Anstrengungen unternimmt, um Klarheit zu schaffen? Man weiss, dass es eine externe Untersuchung gibt. Aber zu welchen Vorwürfen genau?

Es mangelt demnach an Kommunikation?

Die Kommunikation der Evangelischen-reformierten Kirche Schweiz ist katastrophal; ein Totalversagen. Wem es an Glaubwürdigkeit und Transparenz gelegen ist, kommuniziert nicht so. Man ist nicht bereit, Klarheit zu schaffen. Das ist sehr bedauerlich für die ganze reformierte Kirche. Das tut mir weh.

Auch Ihnen wird die Kommunikation vorgeworfen. Die „NZZ am Sonntag“ schreibt, Sie hätten die Vorwürfe gegen Locher gesammelt, blieben aber "bei konkreten Fragen unbestimmt".

Zuerst einmal: Ich habe nicht aktiv Vorwürfe gesammelt. Betroffene Personen haben Erfahrungen gemacht und haben sich an zwei Präsidenten und zwei Kirchenrätinnen von Kantonalkirchen gewendet. Wir haben Kenntnis von sieben Frauen, die uns Grenzverletzungen berichtet haben.

Sie könnten die Vorfälle also transparent machen.

Transparenz entsteht nicht, indem ich Details zu den mutmasslichen Grenzverletzungen an die Öffentlichkeit bringe, sondern indem der Rat Licht ins Dunkel bringt. Er sollte jetzt zeigen, dass er ernst nimmt und umsetzt, was er auf seiner Homepage zum Umgang mit Grenzverletzungen empfiehlt. Im Moment sehe ich, dass er das Gegenteil davon macht. Der Vizepräsident stellt die Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin in Frage, indem er sagt, es sei nichts erhärtet. Er verharmlost ihre Beschwerde, indem er darauf hinweist, dass die Vorwürfe sich auf Ereignisse von vor zehn Jahren beziehen.

Das Wort Grenzverletzungen sagt viel, aber gleichzeitig auch fast nichts. Können Sie immerhin das erklären?

Es wird von den Betroffenen von Grenzverletzungen unter anderem psychischer und sexueller Natur gesprochen, die im kirchlichen Umfeld geschehen sein sollen. Ich sage nicht, Herr Locher hat dies oder jenes getan. Ich war nicht dabei. Aber was ich höre, bereitet mir Sorgen. Wenn gegen den höchsten Reformierten solche Vorwürfe im Raum stehen, muss dies dringend unabhängig untersucht werden. Dabei geht es nicht um eine moralische Beurteilung. Es geht um das Verhalten in einer institutionellen Machtposition.

Sie haben Gottfried Locher zuvor bereits aus anderen Gründen kritisiert. Es heisst nun aus gewissen Krisen, Sie würden jetzt die Gelegenheit nutzen, um ihn loszuwerden.

Wer das sagt, sitzt im falschen Kino. Mir geht es nicht darum, jemanden loszuwerden. Ich engagiere mich für eine glaubwürdige Kirche.

Was erwarten Sie von der Kirche künftig, welche Entwicklung braucht es?

Künftig braucht es eine Kirche, die bei Vorwürfen von Grenzverletzungen rasch glaubwürdig agiert und Transparenz schafft. Es braucht auch eine unabhängige Stelle, an die sich Personen wenden können, die Grenzverletzungen erfahren haben. Und es braucht eine Kirche, die tatsächlich die Nulltoleranz lebt, die sie sich selbst vorgeschrieben hat.

Der Rat scheint kein mächtiges Gremium, das dem Präsidenten widerspricht. Ist er falsch konzipiert?

Da möchte ich noch kein Urteil abgeben. Die Arbeit des Rates und der Geschäftsprüfungskommission, die offenbar gewisse Untersuchungen geführt hat, muss nun kritisch aufgearbeitet werden. Wir als Trägerkirchen wollen Klarheit, was gelaufen ist.