Ruedi Lustenberger tritt zurück: «Die Politik ist hektischer geworden»

Ruedi Lusten­berger verabschiedet sich aus dem Nationalrat. Dabei erzählt er, warum ihm sein Nationalratspräsidium in Erinnerung geblieben ist und wie seine Zukunft aussehen wird.

Interview Lukas Leuzinger
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Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger m Präsidentenzimmer der Wandelhalle im Bundeshaus Bern. (Archivbild Nadia Schärli / Neue LZ)

Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger m Präsidentenzimmer der Wandelhalle im Bundeshaus Bern. (Archivbild Nadia Schärli / Neue LZ)

Interview Lukas Leuzinger

Vom Schreinerlehrling zum Präsidenten des eidgenössischen Parlaments: Ruedi Lustenberger kann auf eine eindrückliche Karriere zurückblicken. Bei den Wahlen im Herbst wird der CVP-Nationalrat nicht mehr antreten – er will frischen Kräften Platz machen. Auf den Höhepunkt seiner Zeit als Parlamentarier angesprochen, muss der Entlebucher nicht lange überlegen: Es war sein Jahr als Nationalratspräsident im 2014. Doch Lustenberger erlebte auch dunkle Stunden.

Ruedi Lustenberger, Sie gehören dem Nationalrat seit 1999 an. Was hat Sie dazu bewogen, im Herbst nicht mehr zur Wiederwahl anzutreten?

Ruedi Lustenberger:16 Jahre sind eine schöne Zeit. Es ist nicht so, dass das politische Feuer in mir erloschen wäre, doch wir haben in der CVP Luzern das ungeschriebene Gesetz, dass man nach 16 Jahren zurücktritt. Das ermöglicht eine Verjüngung und Erneuerung innerhalb der Partei.

Wie hat sich die Parlamentsarbeit in den letzten 16 Jahren verändert?

Lustenberger:Durch die elektronischen Medien ist die Politik hektischer geworden. Zudem haben Globalisierung und die Internationalisierung dazu geführt, dass die Vorlagen immer komplexer geworden sind. Das zeigte sich beispielsweise bei der Bewältigung der Finanzmarktkrise. Die parlamentarische Arbeit ist anspruchsvoller geworden.

Ist angesichts dieser Komplexität das Milizparlament, wie es die Schweiz kennt, noch zeitgemäss?

Lustenberger:Natürlich muss man die Güterabwägung machen zwischen Professionalität und Milizsystem. Ein Parlamentarier muss in der Lage sein, mindestens 50 Prozent seiner Arbeitszeit seinem Amt zu widmen. Trotzdem sollten wir darauf achten, das Milizsystem zu erhalten. Die direkte Demokratie bedingt eine gewisse Bodenhaftung und Nähe zur Bevölkerung. Ein Berufsparlament könnte diese nicht garantieren und wäre daher schlecht kompatibel mit der direkten Demokratie.

Als Nationalratspräsident waren Sie selbst Berufspolitiker. Konnten Sie die Bodenhaftung bewahren?

Lustenberger:Ja, und das haben mir auch viele Leute bestätigt. Ich war zwar oft auf Reisen, aber ich bin auch immer wieder gerne zurückgekehrt ins Entlebuch, und wenn ich dort mit meinen Kollegen zusammenkam, war ich immer noch der Gleiche wie vor 20 Jahren. Das Gute ist: Ein Präsidialjahr ist zu kurz, als dass man abheben könnte.

Was war der Höhepunkt ihrer Zeit als Nationalrat?

Lustenberger:Ich hatte das Privileg, dass mir meine Ratskollegen das Amt des Nationalratspräsidenten anvertraut haben. Ich wäre des Amtes nicht würdig gewesen, wenn ich das nicht als Höhepunkt sehen würde.

Und was war der Tiefpunkt ihrer politischen Karriere?

Lustenberger:Während meiner 16 Jahre im Nationalrat sind zwei meiner Luzerner Ratskollegen, Heinrich Estermann und Otto Ineichen, im Amt verstorben. Das hat mich sehr getroffen, und ich denke auch heute noch oft an die beiden.

Wo sehen Sie heute die grössten Herausforderungen für die Schweiz?

Lustenberger:Die grössten Herausforderungen haben ihren Ursprung ausserhalb der Schweiz. Innenpolitisch haben wir das Land, denke ich, recht gut in Ordnung. Auch die Frankenstärke ist im Prinzip ein Ausdruck dafür, dass unsere Volkswirtschaft gesund ist. Die grössten Probleme sind in der Globalisierung, im Verhältnis zur EU sowie in den modernen Völkerwanderungen begründet.

Wie sollen wir diesen Problemen begegnen?

Lustenberger:Der langjährige Urner Ständerat Franz Muheim sagte einst: «In allen Fällen wäre es unrealistisch, den Wirklichkeiten der grossen Welt entfliehen zu wollen, wie immer diese auch geartet sind.» Ein Zurück in die Vergangenheit gibt es nicht. Wir müssen uns mit der Situation, wie sie sich uns stellt, arrangieren.

Was werden Sie nach Ihrem Rücktritt aus dem Nationalrat machen?

Lustenberger:Im April werde ich 65 Jahre alt und erreiche somit das ordentliche AHV-Alter. Ich bin nach wie vor Präsident des Schweizerischen Schreinermeisterverbands, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gewerbeverbands und habe noch ein paar weitere Ämter. Eingeplant ist auch ein bisschen mehr Zeit für meine Leidenschaft – die Jagd. Es wird mir also nicht langweilig werden.