RÜSTUNG: Auf der Suche nach der «eierlegenden Wollmilchsau» der Fliegerabwehr

Weil die Lenkwaffen immer mehr Wünsche erfüllen mussten, blieb nur noch wenig Schutz fürs Geld. Am Ende wollte das Projektteam zwei als «ungenügend» bewertete Raketen beschaffen.

Eva Novak
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Verteidigungsminister Guy Parmelin am Grossanlass «Thun meets Army & Air Force» der Schweizer Armee vom vergangenen Oktober. Bild: VBS

Verteidigungsminister Guy Parmelin am Grossanlass «Thun meets Army & Air Force» der Schweizer Armee vom vergangenen Oktober. Bild: VBS

Die Schweizer Armee tendiert zu berühmt-berüchtigten Eigenentwicklungen wie dem Geländelastwagen Duro, der derzeit für ein Heidengeld modernisiert wird. Als verhängnisvoll erweist sich auch der Hang, Rüstungsgüter beschaffen zu wollen, die noch nicht fertig entwickelt sind – mit der Begründung, sonst seien sie bei der Einführung schon veraltet. Wozu das führen kann, zeigte der Absturz des als «Papierflieger» beschimpften, da noch nicht fertig entwickelten Gripen-Kampfjets des schwedischen Herstellers Saab.

Beim nächsten Mal sollte alles besser werden. Das nächste Grossprojekt auf der Liste heisst Bodluv 2020, und dieses wollen die Militärs gescheiter anpacken: «Es sind Teilsysteme anzustreben, welche möglichst eingeführt, bewährt und bereits integriert als zukunftsweisende Waffenpaare (...) gelten», lautet die Vorgabe, formuliert im vertraulichen Evaluationsbericht, der kurz nach dem Scheitern des Gripen verfasst wird.

Rundumschutz für das ganze Land

Mit «Teilsystemen» ist erstens ein Fliegerabwehrsystem «grösserer Reich­weite» gemeint. Dieses soll die Lücke schliessen, welche durch den Wegfall des Bloodhound vor der Jahrtausendwende entstanden ist, und ausgedehntere Räume schützen. Zweitens geht es um ein Fliegerabwehrsystem «kurzer Reichweite» zum Schutz wichtiger Objekte, mit dem die Planer in einer späteren Phase die Systeme Rapier, Stinger und 35-mm-Flabkanone ablösen wollen, welche in die Jahre gekommen sind. Beide Teilsysteme setzen sich aus Sensoren (beziehungsweise Radaren), Effektoren (beziehungsweise Lenkwaffen) sowie einem Kontrollzentrum zusammen.

Egal, welche Gefahr aus der Luft naht – die Radare sollen sie aufspüren, und die Lenkwaffen sollen sie vernichten, und das im Endausbau auf dem gesamten Territorium der Schweiz. Im «Einsatzkonzept für Bodluv 2020» aus dem Jahr 2012 liest sich das so: «Die Effektoren von Bodluv 2020 sollen zum Schutz von Schlüsselobjekten, Räumen und Verbänden über die Fähigkeit verfügen, nebst Luftfahrzeugen auch Luft-Boden-Lenkwaffen, Cruise Missiles und im Bogenfeuer verschossene Munition (z. B. Artillerie- und Minenwerfergranaten, ungelenkte Raketen) erfolgreich zu zerstören.» So einfach der Plan tönt, so schwierig gestaltet sich seine Umsetzung. Rasch stellt sich heraus, dass es ein universelles, kostengünstiges System, welches alle Auflagen erfüllt, nicht gibt. Statt Abstriche vorzunehmen, machen sich die Bodluv-Verantwortlichen in Luftwaffe und Armasuisse auf die Suche nach der «eierlegenden Wollmilchsau» der Fliegerabwehr. Sie beschliessen, Radar und Lenkwaffen von unterschiedlichen Anbietern zu beschaffen und zu einem neuen System zu integrieren.

Zum Sündenfall kommt es Ende 2014, als sich die Projektgruppe auf eine Shortlist für die Lenkwaffenanbieter festlegt. Von ursprünglich sechs potenziellen Kandidaten verbleiben noch deren drei: Iris-T des deutschen Rüstungskonzerns Diehl, CAMM-ER des europäischen Anbieters MBDA und Spyder MR der israelischen Firma Rafael. Das Problem: Ein System existiert nur auf dem Papier, eines ist noch nirgends eingeführt, und vom dritten weiss man angeblich zu wenig. Damit verabschiedet sich die Projektaufsicht von der hehren Absicht, nur Bewährtes zu beschaffen, und tut genau das, was man erklärtermassen verhindern wollte: Sie lässt sich auf ein Experiment ein.

Risiken sehenden Auges in Kauf genommen

Nicht allen ist wohl dabei. «Wollen wir ein System für die Zukunft oder etwas, das in Betrieb ist, aber eigentlich veraltet? Für ein neues System müssen wir Risiken eingehen», versucht ein hoher Flab-Offizier die Bedenken zu zerstreuen. Ein anderer weist darauf hin, dass das Risiko umso grösser sei, als man das System nie in der Schweiz im scharfen Schuss testen könne. Dennoch stellen sich alle dahinter, nachdem Luftwaffenkommandant Aldo C. Schellenberg versichert hat, er werde Verteidigungsminister Ueli Maurer aufzeigen, «dass es kritische Punkte in dieser Lösung gibt».

Einer der drei Hersteller, die es nicht auf die Shortlist geschafft haben, beschwert sich per Brief an Rüstungschef Martin Sonderegger über seine Nichtberücksichtigung: Vor Einreichen der Angebote habe es geheissen, man wolle nur ein eingeführtes System evaluieren, weshalb man nur ein solches angeboten habe, das aber als ungenügend beurteilt worden sei. Obwohl das nun nicht mehr gelte, habe die Armasuisse als Rüstungsbeschafferin des Bundes den besagten Hersteller kein verbessertes, erst im Projektstadium bestehendes System präsentieren lassen. An die Öffentlichkeit dringt das genauso wenig wie die Probleme der Projektaufsicht mit den drei verbliebenen Lenkwaffen.

Im Sommer 2015 muss die Shortlist weiter gekürzt werden. Nach dem Nein zum Gripen wird das Projekt beschleunigt, damit es keine Kreditreste gibt und das Geld für die Armee gesichert werden kann. Die Zeit reicht nicht mehr, um alle drei Raketen vertieft zu prüfen und die Beschaffung rechtzeitig für das Rüstungsprogramm 2017 zu beantragen. Also muss eine weg. Doch welche?

Alle Lenkwaffen hätten Vor- und Nachteile, gibt ein Armasuisse-Vertreter in der Projektaufsicht zu bedenken: «CAMM-ER hat einen Radarsuchkopf und ist allwettertauglich, Iris-T hat einen Infrarotsuchkopf und ist deshalb nur bedingt allwettertauglich, der IR-Suchkopf kommt aber nur in der letzten Phase zum Einsatz, vorher wird die Lenkwaffe vom Radar gesteuert. Spyder hat zwei Lenkwaffen, eine mit Radarsuchkopf, die andere mit Infrarotsuchkopf. Iris-T ist am weitesten in der Entwicklung und hat erfolgreich Probeschüsse absolviert. CAMM-ER steht kurz vor der Vollendung, über Spyder wissen wir zu wenig.»

Der Kandidat, der alles kann, wird von der Liste gestrichen

Spyder solle deshalb gestrichen werden, beantragt Projektleiter Gregor von Rotz als Vertreter der Armasuisse. Die Luftwaffenvertreter wehren sich: Das israelische System erfülle die Anforderungen am besten, geben sie zu bedenken (vergleiche Ausriss Seite 5). Spyder sei beiden Mitbewerbern «mindestens ebenbürtig», erklärt ein hochrangiger Flabist. Er erhält Sukkurs vom Projektverantwortlichen der Luftwaffe: «Wir haben bei zwei Effektoren Vorbehalte, ob das Pflichtenheft erfüllt werden kann. Deshalb sollte man alle drei Lenkwaffen im Rennen lassen.» Die Israelis seien zu teuer und verhielten sich wenig kooperativ, hält Luftwaffenchef Schellenberg dagegen. Er wird von der Armasuisse unterstützt: «Rafael zeigt nicht das gleiche Engagement wie die anderen Hersteller.» Mit nur einer Gegenstimme entscheidet die Projektaufsicht schliesslich, Spyder aus dem Rennen zu werfen.

Zuvor fragt ein Teilnehmer nach, ob auch eine «Mixlösung» denkbar sei – also der Kauf jener zwei verbliebenen Lenkwaffen, von denen nicht sicher ist, ob sie das Pflichtenheft erfüllen. Projektleiter von Rotz und Schellenberg bejahen dies. Die Variante «Zwilling» ist geboren. Man schreibt den 25. August 2015. Am 19. Januar 2016 wird sich die Projektaufsicht für genau diese Variante entscheiden mit der Begründung, dass nur beide Lenkwaffen zusammen die Anforderungen erfüllen könnten. Denn Iris-T sei mangels Radarsuchkopf nicht allwettertauglich, und CAMM-ER verfüge nur über eine geringe Reichweite.

Als die «Zentralschweiz am Sonntag» am 14. Februar diesen Entscheid publik macht, versucht Luftwaffenkommandant Schellenberg die Kritik zu entkräften mit einer beschönigenden Aktennotiz an den Armeechef vom 24. Februar. Brigadier Marcel Amstutz, Mitverfasser der Aktennotiz und Kommandant des Flab-Lehrverbands 33, spricht an einem Kaderrapport in Emmen gar von «Gräuelmeldungen», die sich «eindeutig als falsch erwiesen» hätten. Kurz darauf veröffentlicht die «Rundschau» die Papiere über den «Zwillings»-Entscheid und beweist damit deren Richtigkeit.

Zu dem Zeitpunkt geht es längst nicht mehr darum, das ganze Land zu schützen. Um dies gewährleisten zu können, fliegen beide ausgewählten Lenkwaffen nicht weit genug. Wollte man mit ihnen die ganze Landesfläche abdecken, müsste man so viele kaufen, dass es Milliarden kosten würde. Die Anforderungen an die Reichweite werden stufenweise an diese Realität angepasst.

Wachsende Wunschliste, schrumpfende Reichweite

Im Einsatzkonzept von 2012 ist noch von einer Distanz von 50 Kilometern die Rede, welche die Raketen zurücklegen können sollen. Ein Jahr später schrumpft die Reichweite auf 30 bis 40 Kilometer, je nach Dokument. Am Ende sind es nur noch etwas mehr als 20 Kilometer, und man justiert den Namen: Aus «grösserer Reichweite» wird «mittlere Reichweite».

Während die Reichweite kürzer wird, wächst der Rest der Wunschliste: Die Projektgruppe versucht, alle möglichen Eventualitäten abzudecken und jede noch so unwahrscheinliche Lücke zu schliessen. So sollen die – für grössere Distanzen konstruierten – Lenkwaffen auch in engen Tälern eingesetzt werden, in einem Gelände, in dem es Kanonen und keine Raketen braucht. Als Folge des Perfektionismus sinkt die Menge der Hardware, die man noch beschaffen kann. Das führt zur absurden Situation, dass man für ein Mehrfaches der ursprünglich geplanten Kosten nur einen Bruchteil dessen erhält, was man ursprünglich wollte (vergleiche auch Grafik oben).

Dass es auch anders ginge, zeigen Angebote der Rüstungsindustrie, die nach der Sistierung an Sicherheitspolitiker herangetragen werden: Rheinmetall präsentiert einen abgespeckten «Rettungsanker» für Bodluv mittlerer Reichweite, der für 700 Millionen Franken zu haben wäre und weite Teile der Schweiz abdecken könnte. Die norwegische Firma Kongsberg gibt gar vor, mit ihrem System Nasams, das es nicht auf die Shortlist geschafft hat, den gleichen Schutz für 500 Millionen bieten zu können. Und Hans-Peter Wüthrich, Berater in Diensten des Rüstungskonzerns Diehl, legt Wert auf die Feststellung, mit der Iris-T könne man für 700 Millionen Franken das ganze Land schützen. Ganz abgesehen davon, dass die deutsche Lenkwaffe in Kombination mit einem modernen Bodenradar «absolut allwetterfähig» sei.

Wie wenn man mit einem Traktor Autorennen fahren möchte

Grundlage der wechselnden Anforderungen und damit Stein des Anstosses ist das militärische Pflichtenheft. Darin finden sich als Vorgabe sogenannte «Referenzszenarien». Diese definieren virtuelle Bedrohungslagen für verschiedene Räume, in welchen sich die Lenkwaffen bewähren müssen, und dienen als Auswahlhilfe. Eine Schweizer Spezialität, die in der Rüstungsindustrie jenseits der Grenzen für Kopfschütteln sorgt. Wenn die Luftwaffen anderer Staaten Fliegerabwehr-Mittel kaufen wollen, kommen sie nicht mit Referenzszenarien. Sondern sie benennen Räume und Objekte, die sie schützen wollen, und fragen, welches Material sie dazu brauchen.

Auch im Inland stösst das Schweizer Vorgehen auf keine Begeisterung. «Bodluv wurde mit den falschen Referenzszenarien kaputt geschossen», sagt Fabian Ochsner, Flab-Experte beim Rüstungskonzern Rheinmetall und früherer Präsident der Gesellschaft der Luftwaffenoffiziere Avia. Die Fachleute in der Projektaufsicht hätten ihren Job nicht richtig gemacht, indem sie unterschiedliche Anforderungen an die Systeme miteinander vermischt hätten, bemängelt er. Das sei genau so, wie wenn man mit einem Traktor Autorennen fahren wolle. «In enge Täler stellt man keine Lenkwaffen, das reduziert die Leistungsfähigkeit», urteilt auch Werner Siegenthaler vom Flabcollegium, einer Vereinigung ehemaliger Flab-Offiziere. «Der Versuch, überall dicht zu machen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt», erklärt Ochsners Amtsvorgänger Roger Harr.

Das militärische Pflichtenheft, welches genau dies versucht, wird ständig weiterentwickelt und angepasst. Damit offenbart Bodluv einen weiteren Systemfehler, an dem Rüstungsbeschaffungen hierzulande kranken. Ein Insider, der die Materie seit Jahren aus nächster Nähe verfolgt, formuliert es so: «Das Hauptproblem der grossen Projekte in der Armee ist, dass man am Anfang die Anforderungen nicht klar definiert und das Projekt sozusagen während des Projektverlaufs entwickelt. Damit wird es viel teurer und komplexer, und es kommt zu Eiereien.»

Diese gibt es im Gegensatz zur eierlegenden Wollmilchsau sehr wohl.

Eva Novak

Zwei Kreise und ein Entscheid

Typen-Entscheid Wie ist es dazu gekommen, dass die Projektgruppe am 19. Januar dieses Jahres entschied, zwei Lenkwaffen zu beschaffen, welche die von ihr selbst aufgestellten Anforderungen nicht erfüllten? Die Protokolle der fraglichen Sitzung der Projektaufsicht geben darüber keine Auskunft. Denn ein entscheidendes Detail steht nicht darin: Bevor die Sitzung im Theoriesaal Mythen in der Flab-Kaserne in Emmen begann, hatte es eine Vorbesprechung im kleinen Kreis gegeben.

Teilnehmer waren Projektaufsichtschef Aldo C. Schellenberg, sein Stellvertreter sowie ein Vertreter der Armasuisse, welche als Rüstungsbeschafferin des Bundes den Projektleiter stellte. Dabei sei der Entscheid vorgespurt worden, vermuten Insider. Die eigentliche Sitzung beginnt mit fast einer halben Stunde Verspätung. Es nimmt ein inneres und ein äusseres Dutzend teil, und die Rechte sind ungleich verteilt.

Den inneren Kreis bilden die Mitglieder des Projektausschusses. Sie gruppieren sich um den rechteckigen Tisch und beteiligen sich an der Diskussion, während aussen herum die Mitglieder des Integrierten Projektteams (IPT) – zusammengesetzt aus Experten der Luftwaffe und der Armasuisse – sitzen, ohne Tisch und ohne das Recht, sich in die Diskussion einzumischen. Sie können nur wortlos zuschauen, wie draussen die Flocken fallen.

Das IPT hat zuvor getagt. Eigentlich hätte es die Variante «später» bevorzugt, weil die Spezialisten beide Lenkwaffen als nicht genügend taxiert haben. Doch die Beschaffung muss bereits im Rüstungsprogramm 2017 erfolgen, damit keine Kreditreste entstehen, und die Zeit reicht nicht, um eine Neuevaluation mit weiteren Kandidaten vorzunehmen. Deshalb beantragt das Team, trotz Vorbehalten gegenüber beiden Lenkwaffen sowohl Iris-T als auch CAMM-ER zu beschaffen: die Variante «Zwilling».

Eine spätere Beschaffung ist kein Thema

Den Antrag vertritt Luftwaffenchef Schellenberg. Ein Mix erfülle die geforderten Fähigkeiten «genügend» und führe zum grösstmöglichen Fähigkeitszuwachs, sagt er, «auch wenn die Mengengerüste der einzelnen Systeme kleiner ausfallen» würden. Die Variante «später» sei keine Lösung, da es später auch nichts Besseres geben werde. Ein Teilnehmer gibt sich überzeugt, dass es bereits jetzt bessere Systeme gebe, welche keine einsatzrelevanten No-Gos aufwiesen. Sein Einwand wird nicht weiter diskutiert. Schellenberg will wissen, ob die Anforderungen nicht erfüllbar oder die falschen Systeme auf der Shortlist seien. Eine Antwort bleibt aus, auch als ein Teilnehmer nachfragt, ob es die geforderten Systeme «einfach nicht gibt». Man kenne keine anderen Systeme, die man noch evaluieren könne, wird ihm beschieden. Und dass die Variante «Zwilling» den Anforderungen genüge.

Die IPT-Mitglieder im äusseren Kreis müssen den Mund halten. Innen geht die Taktik auf: Die Variante «später» hat gegen die Variante «Zwilling» keine Chance. Mit dem Rüstungsprogramm 2017 soll die Iris-T beschafft werden, 2020 dann die CAMM-ER.

Eva Novak

Die Spezialisten im Projektteam wussten schon früh, dass zwei Lenkwaffen nicht genügten: Ausriss aus einem vertraulichen Papier vom August 2015.Bild: ZVG

Die Spezialisten im Projektteam wussten schon früh, dass zwei Lenkwaffen nicht genügten: Ausriss aus einem vertraulichen Papier vom August 2015.Bild: ZVG

Bild: Grafik: Lea Siegwart

Bild: Grafik: Lea Siegwart