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RÜTLI: Kontroverse um die Wiege der Schweiz

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) kämpft für eine neue Hymne. Das Vorhaben polarisiert. Bürgerliche Politiker wollen die SGG jetzt abstrafen.
Kari Kälin und Sasa Rasic
Die 1.-August-Feier auf dem Rütli ist immer wieder Gegenstand politischer Diskussionen. Im Bild: die Bundesfeier 2015. (Bild Roger Grütter)

Die 1.-August-Feier auf dem Rütli ist immer wieder Gegenstand politischer Diskussionen. Im Bild: die Bundesfeier 2015. (Bild Roger Grütter)

Kari Kälin und Sasa Rasic

Man brätelt Würste, feuert Böller ab, beschwört landauf, landab den nationalen Zusammenhalt: Am 1. August feiert die Schweiz Geburtstag. Ausgerechnet das Rütli avanciert nun zum Schauplatz einer Kontroverse. Am Ursprung steht die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG), die Hüterin der historischen Wiese am Vierwaldstättersee, die im Besitz der Schweizerischen Eidgenossenschaft ist.

Als Organisatorin der Bundesfeier sorgt die SGG dafür, dass der Schweizer Jugendchor vor mehr als tausend Gästen nicht nur den Schweizer Psalm («Trittst im Morgenrot daher»), sondern auch den neuen Hymnentext («Weisses Kreuz auf rotem Grund») singen wird. Der Hintergrund: Die SGG hatte letztes Jahr in einem öffentlichen Wettbewerb eine neue Landeshymne erkoren. Die aktuelle erachtet sie als veraltet.

Konfessionelle Gräben überbrücken

Der grosse Auftritt der neuen Hymne auf dem Rütli, wo gemäss Legende einst die drei Eidgenossen einen Bund gegen die tyrannischen Habsburger schlossen, kommt bei bürgerlichen Politikern schlecht an. So schlecht, dass der Nidwaldner SVP-Nationalrat Peter Keller der SGG die Verwaltung des Rütlis entziehen will. In der nächsten Herbstsession wird er eine entsprechende Motion einreichen. «Im Gegensatz zum Schweizer Psalm stiftet die Hymnenaktion der SGG Unfrieden. Darauf hat niemand gewartet», sagt Keller. Für den Historiker hat die aktuelle Version einen zeitlosen Wert: das Überbrücken konfessioneller Gräben. Die Melodie zum Schweizer Psalm komponierte 1835 der Urner Mönch Alberik Zwyssig, den Text schrieb sechs Jahre später der Zürcher Liederdichter Leonard Widmer. Das katholisch-protestantische Gemeinschaftswerk entstand also in einer Zeit, in der hierzulande grösste religiöse Spannungen herrschten.

Keller kritisiert, die SGG habe sich von ihrem Sinn und Zweck, der Gemeinnützigkeit, immer mehr entfernt. Nun missbrauche sie ihre Position, um eine neue, politisch nicht legitimierte Hymne zu installieren. «Sie ist der würdigen Aufgabe als Hüterin des Rütlis nicht mehr gewachsen. Es braucht eine andere Lösung», sagt Keller. Er könnte sich vorstellen, das Rütli zum Beispiel dem Kanton Uri anzuvertrauen. Es brauche jedenfalls eine Trägerschaft, die im Gegensatz zur SGG nicht polarisiere und nicht verpolitisiert sei.

«Antidemokratisches» Verhalten

Die Hymnenaktivitäten der SGG sind auch dem Walliser Nationalrat Yannick Buttet ein Dorn im Auge. Der CVP-Vizepräsident hat den Bundesrat bereits in der Sommersession in einem Vorstoss dazu aufgefordert, der SGG das Rütli wegzunehmen. Buttet spricht von «unlauterem» und «antidemokratischem» Verhalten im Zusammenhang mit der Nationalhymne. Konkret moniert er, dass die SGG sämtliche 2350 Gemeinden der Schweiz ermuntert hat, an der 1.-August-Feier neben dem alten auch den neuen Hymnentext zu singen. Das Echo der Gemeinden fällt bis jetzt zwar bescheiden aus (Ausgabe vom 9. Juli). Dennoch sagt Buttet: «Die SGG will durch die Hintertür eine neue Hymne einführen.» Sie suggeriere, es handle sich um einen von der Politik gutgeheissenen Text, was nicht der Fall sei. «Dieses Vorgehen widert mich an», sagte Buttet der Zeitung «Le Temps». Die SGG schade der Schweiz, indem sie einen internationalistischen Text propagiere, der die Existenz unseres Vaterlandes verneine.

«Wir verwalten das Rütli gerne»

Das Rütli nicht mehr in den Händen der SGG? Diese Forderung tauche alle paar Jahre wieder auf, sagt SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger. «Die Frage lautet nur: Wer soll das Rütli im Idealfall verwalten?», gibt Niederberger zu bedenken. Er wisse nicht, ob eine andere Nichtregierungsorganisation oder eine Stiftung bereit wäre, jährlich 150 000 Franken für den Unterhalt aufzuwenden. Und der Staat wolle sich sicher auch keine neuen Ausgabeposten aufhalsen. «Wir verwalten das Rütli jedenfalls gerne und freuen uns, jeweils die 1.-August-Feier zu organisieren und zu finanzieren.»

Wiese 1859 gekauft

Die Geschichte der 1810 gegründeten SGG ist eng mit dem Rütli verknüpft. Die SGG kaufte 1859 die Wiese, um darauf den Bau eines Hotels zu verhindern. Das Geld organisierte sie mit einer nationalen Sammelaktion, bei der sich die Schweizer Jugend stark engagierte. Ein Jahr später schenkte die SGG der Schweizerischen Eidgenossenschaft das Rütli, behielt aber deren Verwaltung in den eigenen Händen. «Es gibt viele Parlamentarier, die das Rütligeschenk der SGG an die Eidgenossenschaft sowie den Dienst der SGG auf dem Rütli schätzen und darum den Forderungen von Peter Keller und Yannick Buttet kaum zustimmen würden», sagt Niederberger.

Niederberger kontert auch die Kritik an der neuen Hymne. Die SGG wolle sie niemandem aufzwingen, sagte er. Zudem sei auch der Schweizer Psalm während 140 Jahren gesungen worden, bis ihn der Bundesrat 1981 zur offiziellen Landeshymne erklärte.

Bundesrat sieht keinen Bedarf

Die SGG will den neuen Text dem Bundesrat erst dann unterbreiten, wenn er an jeder «Hundsverlochete» gesungen wird, wie Niederberger sagt. «Bei uns an der Basis ist man sich bezüglich des Bedarfs an einem neuen Text für die Hymne einig», sagt Niederberger. Wenn er in zwei bis drei Jahren nicht genug bekannt oder zu wenig beliebt sei, habe sich die SGG getäuscht. Und: «Wir überlassen den Entscheid, welcher Text bevorzugt wird, dem Volk.»

Der Bundesrat sieht derweil keinen Bedarf an einer neuen Hymne. Er stellte dem Parlament in Aussicht, ihm eine allfällige neue Version zur unterbreiten. Eine gesetzliche Grundlage dazu gibt es aber nicht. Deshalb wird Peter Keller eine neue Motion einreichen, um aus dem politischen Entscheid zu einer neuen Hymne einen referendumsfähigen Beschluss zu erzwingen. In der Sommersession hat der Nationalrat eine gleich lautende Motion zwar abgelehnt. Da das Ergebnis (93 Nein- und 87 Ja-Stimmen) knapp ausfiel, unternimmt Keller einen neuen Anlauf.

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