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RÜTLIRAPPORT: So weckte Guisan den Widerstandsgeist

Vor 75 Jahren hauchte der General deprimierten Schweizern frischen Mut ein. Für die Zeitgenossen stieg er nach dem Rütlirapport zum Landeshelden auf. Später kritisierten Historiker die Réduit-Taktik.
Auf der Rütliwiese versammelt General Henri Guisan am 25. Juli 1940 seine Kommandeure zum Rütlirapport und erläutert ihnen den Grundgedanken des Réduitsystems. (Bild: Keystone/Fotostiftung Schweiz/Theo Frey)

Auf der Rütliwiese versammelt General Henri Guisan am 25. Juli 1940 seine Kommandeure zum Rütlirapport und erläutert ihnen den Grundgedanken des Réduitsystems. (Bild: Keystone/Fotostiftung Schweiz/Theo Frey)

Kari Kälin

Schlagzeilen machte der Rütlirapport vorerst keine. Es dauerte einige Tage, bis die Presse über den Anlass berichtete, der «zu Recht zum Begriff eines historischen Wendepunkts» wurde, wie Historiker und Guisan-Biograf Willi Gautschi später urteilte. Am 29. Juli, vier Tage nach dem Ereignis, druckte das «Vaterland», gleich wie andere Zeitungen, eine Mitteilung des Armeestabs ab, in dem dieser den helvetischen Kampfgeist beschwörte. General Henri Guisan (1874–1960), hiess es da, habe einen «Wachbefehl» ausgegeben: «Widerstandswille gegen jeden Angriff von aussen und gegen Gefahren im Innern wie Erschlaffung, Defaitismus; Zutrauen in den Wert dieses Widerstandes.» Die denkwürdige Veranstaltung auf der mythischen Wiese hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Schweiz eingebrannt. Mit der relativ kurzen und frei gesprochenen Rede stieg Guisan zur Symbolfigur des schweizerischen Widerstandes auf. Bewusst hatte er das Rütli als Symbol helvetischer Unabhängigkeit als Schauplatz des Rapports gewählt. «Ich war überzeugt, dass dort jeder mich besser als irgendwo anders verstehen würde», sagte der General aus dem Kanton Waadt.

Armee verschanzt sich in Alpen

Was war geschehen? Am Donnerstag, 25. Juli, bestiegen in Luzern General Guisan und 420 Offiziere das Schiff «Stadt Luzern». Nach einer rund eineinhalbstündigen Fahrt versammelte sich die gesamte Armeeführung im Halbkreis. Die Armee habe auf ihrem Posten zu stehen, solange bedeutende Kräfte jederzeit gegen die Schweiz zum Angriff schreiten könnten, betonte Guisan. Erstmals erklärte er öffentlich die Réduit-Idée, den Rückzug der Armee ins Gebirge. Mit dieser Strategie sollten die Alpenübergänge bis zum Letzten verteidigt oder zerstört werden, bevor sie dem Feind intakt in die Hände fielen.

Biograf Willi Gautschi erblickte in der Veranstaltung des Generals nichts weniger als ein «Rütliwunder» und schlussfolgerte: «Der Rapport des Generals führte zu einer grundlegenden Wende der inneren Haltung des Grossteils der Armee und des Volkes: An die Stelle von Verzagtheit und Resignation trat die ruhige bis fanatische Entschlossenheit, komme was wolle, einem noch so überlegenen Angreifer zu trotzen und, falls nötig, die Haut so teuer als möglich zu verkaufen.»

Flugzeugabschüsse verärgern Hitler

Verzagtheit und Resignation? Um diese deprimierende Stimmungslage zu verstehen, muss man sich die geopolitische Lage im Sommer 1940 vergegenwärtigen. Hitler liess Angriffspläne gegen unser Land aushecken. Die Schweizer Armee hatte den Diktator verärgert, weil sie auf Schweizer Gebiet elf deutsche Kampfflugzeuge abgeschossen hatte. Und die deutsche Kriegsmaschinerie hatte soeben Frankreich überrollt, die Schweiz war von den Achsenmächten eingekreist, Bevölkerung und Behörden geschockt. Viele zweifelten, ob der neutrale, demokratische Kleinstaat im neuen Europa seine Unabhängigkeit behaupten könne. Konnte da vielleicht der Bundesrat ­neuen Mut einimpfen?

Am 25. Juni 1940, drei Tage, nachdem Frankreich und Deutschland einen Waffenstillstand unterzeichnet hatten, passierte genau das Gegenteil. Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz (1889–1958), ein Freisinniger aus dem Kanton Waadt, wandte sich via Radio ans Volk. Die deutsche Version verlas der konservative Zuger Bundesrat Philipp Etter (1891–1977). Pilet-Golaz befeuerte die allgemeine Verunsicherung, weil man seine schwammige, vor Allgemeinplätzen strotzende Rede als anpasserisch deuten konnte. Der Bundespräsident sonderte Sätze ab wie: «Die Zeit der Wiedergeburt ist gekommen. Jeder von uns muss den alten Menschen ablegen.» Und: «Eidgenossen, an Euch ist es nun, der Regierung zu folgen, als einem sicheren und hingebenden Führer, der seine Entscheidungen nicht immer wird erklären, erläutern und begründen können.» Was meinte der Bundespräsident mit Erneuerung und Wiedergeburt? Weshalb brauchte er das Wort Führer? Liebäugelte er mit einem autoritären System? Wieso war nirgends von Freiheit, Unabhängigkeit oder Widerstand die Rede? Wollte er die Demokratie opfern? Auch die einzig konkrete Ansage nährte Zweifel am Widerstandswillen: Pilet-Golaz kündigte nämlich eine stufenweise Demobilmachung an. «Das wirkte wie eine Kapitulation», schreibt Historiker und Guisan-Biograf Markus Somm. Pilet-Golaz rutschte, wie es im Bundesratslexi­kon von Historiker Urs Altermatt heisst, in die «Rolle einer zweifelhaften Figur». 1944 trat er quasi als eidgenössischer Buhmann zurück, während Guisan die Herzen der Schweizer zuflogen. Pilet-Golaz beneidete den General für dessen Popularität.

Anders als Pilet-Golaz einen Monat zuvor, fand Guisan an jenem 25. Juli 1940, als Wolken die Zentralschweizer Berge verhüllten, jene klaren Worte, die sich das Volk wünschte. Er wischte die nebulösen, bundespräsidalen Formulierungen weg. Widerstand anstatt Anpassung lautete nun die Losung. In der 1.-August-Radioansprache doppelte der General nach und beschwor «die unvergleichlichen Widerstandsmöglichkeiten» der hiesigen Berge.

Guisan war ein «Star», wie Markus Somm festhält. Zu seiner Beerdigung erschienen im Jahr 1960 eine Viertelmillion Menschen, sein Porträt hing bis in die 1970er-Jahre an unzähligen Schweizer Wänden. Mittlerweile ist es aus den meisten Beizen, Stuben oder Amtsstellen verschwunden. Anders als die meisten Zeitgenossen schreiben Historiker einer neuen Generation Guisan und der Armee längst nicht mehr die überragende Bedeutung als Schweiz-Retter zu.

Dafür gibt es einige Gründe. Guisan ging mit dem Bundesrat einig, im Sommer 1940 rund zwei Drittel der zuvor 450 000 mobilisierten Soldaten heimzuschicken – dies ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Schweiz von den Achsenmächten umzingelt war. Die Réduit-Taktik verschliss viel weniger personelle Ressourcen. Somit stieg das Arbeitskräftepotenzial auf einen Schlag markant an. Die Mehrheit der Bevölkerung vertraute zwar auf die abschreckende Wirkung des Réduits. Gleichzeitig bedeutete der Rückzug ins Gebirge aber die «Preisgabe von rund vier Fünfteln der schweizerischen Bevölkerung, der Industrie und des Volksgutes», wie Historiker Hans-Rudolf Kurz schreibt.

Arbeitskräfte für die Nazis?

Bei Journalisten und Historikern machte sich einige Jahrzehnte nach Kriegsende eine neue These breit: Die Schweiz zog sich ins Réduit zurück, um genügend Arbeitskräfte freizuschaufeln, die für Deutschland Waffen fabrizierten. Hitler, hiess es nun, verschonte die Schweiz, weil sie ihm als Kriegsmaterialherstellerin und Finanzdrehscheibe unentbehrlich erschien. So sagte etwa Historiker Jakob Tanner, Mitglied der Bergier-Kommission, 1997 in einer Fernsehsendung: «Es war dann der gute Einfall von General Guisan, das Konzept des Réduits mit der Idee des Widerstands zu verbinden und zu sagen, wir ziehen uns zwar zurück in die Alpenfestung, aber gleichzeitig leisten wir Widerstand. Wenn ich das nun analysiere als Wirtschaftshistoriker, dann sehe ich, dass dieser Rückzug ins Réduit überhaupt erst die Ressourcen freigesetzt hat für diese sehr enge Zusammenarbeit mit Deutschland.» Im Übrigen, sagte Tanner später gegenüber unserer Zeitung, sei die Schweiz nicht durch das Réduit, sondern den Sieg der Allierten von der Bedrohung durch den Nationalsozialismus befreit worden. Markus Somm kontert: «Die 68er-Historiker überschätzen die Relevanz der Schweizer Wirtschaft für die Nazis massiv.»

Manuskript tauchte 1985 auf

Dass Guisan bei den Zeitgenossen Heldenstatus erlangte, hatte er vielleicht auch seiner Intuition zu verdanken. Er hielt sich beim Rütlirapport nicht ans 26-seitige Manuskript, das 1985 ein Bundesarchivar entdeckte. Der Text, verfasst von Guisans Mitarbeiterstab, enthielt einige hochpolitische Passagen, die an Pilet-Golaz missratene Radioansprache erinnern. Guisan redete unter anderem der «nationalen Erneuerung» das Wort. «Wir müssen uns fortentwickeln und an die neuen politischen Verhältnisse in Europa anpassen, allerdings aus eigenen Kräften und ohne Kopie ausländischer Vorbilder. Ich bin überzeugt, dass sich die Parteistandpunkte überlebt haben», hiess es im Manuskript.

In 20 Minuten änderte sich alles

Guisan behielt die Worte vor 75 Jahren für sich und konzentrierte sich stattdessen auf die militärischen Aspekte. Für den jungen Kavallerie-Hauptmann Alfred Schaefer, der später Karriere als Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Bankiergesellschaft wurde, war genau dies «das Grosse» des Rütlirapports: «Innerhalb dieser zwanzig Minuten änderte sich bei uns Teilnehmern die Stimmung, genauso wie sie sich dann im ganzen Volk geändert hat.»

Bundesrat Maurer hält die Rede

Am Samstag führt die Schweizerische Offiziersgesellschaft (SOG) eine Gedenkfeier zum 75-Jahr-Jubiläum des Rütlirapports durch. Erwartet werden 500 geladene Gäste aus Politik, Militär und Gesellschaft. Die Rütliwiese bleibt trotz des Anlasses für jedermann zugänglich.

«Gewährsmann für Sonderfall»

Der Festakt beginnt um 11.35 Uhr. Reden halten werden unter anderen Heidi Z’graggen (CVP), Frau Landammann des Kantons Uri, SOG-Präsident Denis Froidevaux und Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP), der Guisan vor fünf Jahren in einer Rede als «Gewährsmann für den Sonderfall Schweiz» würdigte.

Laut SOG-Generalsekretär Daniel Slongo steht am Samstag die Frage im Zentrum, wie Guisans Tat in einer ausserordentlichen Situation auf die heutige Zeit übertragen werden könne und wie heute mit den neuen sicherheits- und armeepolitischen Herausforderungen umzugehen sei. Der Anlass werde keine rückwärtsgewandte Veranstaltung werden, bei der der Réduit-Gedanke kultiviert werde.

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