Russin soll dem Schweizer Botschafter mit der Mafia gedroht haben

Neue Details zum Veruntreuungsfall auf der Schweizer Botschaft in Moskau. Die angebliche Täterin, eine russische Angestellte, versuchte laut Insidern, den Botschafter zu erpressen. 

Henry Habegger
Drucken
Teilen
Schweizer Botschaft in Moskau von aussen, aufgenommen während der Eröffnungszeremonie im Juni 2019. (Bild: Yuri Kochetkov/EPA)

Schweizer Botschaft in Moskau von aussen, aufgenommen während der Eröffnungszeremonie im Juni 2019. (Bild: Yuri Kochetkov/EPA)

17 Jahre lang arbeitete die Russin Natalia P. (40) als lokale Angestellte für die Schweizer Botschaft in Moskau: Als Assistentin des Generalkonsuls. Kürzlich flog sie als mutmassliche Betrügerin auf, wie das Schweizer Radio SRF diese Woche zuerst berichtete. Ein Schaden von gegen 100 000 Franken soll der Schweiz damit entstanden sein.

Der Fall überraschte viele, weil die Russin offenbar jahrelang gute Arbeit geleistet hatte. Recherchen zeigen jetzt, dass die Russin (40) anscheinend überaus raffiniert vorging und ihre Veruntreuung perfekt tarnte. 

Alles passt perfekt zusammen

So brachte sie vor etwa zehn Jahren ihrem Arbeitgeber ein falsches Arztzeugnis mit einer Krebsdiagnose. Im Laufe der Jahre wurden immer wieder Behandlungen in Kliniken fällig, die sich auf gegen 80 000 Franken summierten. Auch die Rechnungen der Kliniken waren gefälscht. Es sieht so aus, als ob Ärzte und Klinikpersonal beim Betrug mitwirkten. Angebliche Behandlungen sowie die Rechnungen dafür: Es habe alles perfekt zusammen gepasst, sagen Leute, die mit der Angelegenheit vertraut sind.

Die Russin präsentierte die Rechnungen jeweils der Botschaft. Diese vergütete, wie das üblich ist, 90 Prozent der Kosten, 10 Prozent musste die «Patientin» als Selbstbehalt beisteuern.

Russin wurde unvorsichtig

Die Sache wäre vielleicht nie aufgeflogen, wenn die Frau nicht unvorsichtig geworden wäre. Weil ihr Ehemann, der seinen Arbeitgeber ebenfalls betrogen haben soll, im Gefängnis sitzt, benötigte sie offenbar mehr Geld für ihren kostspieligen Lebenswandel. Dies war der Augenblick, als Natalia P. begann bei Heiratswilligen, die die Dienste der Botschaft in Anspruch nahmen und Papiere benötigten, unrechtmässig Gebühren in bar einzukassieren.

Dies wurde ihr zum Verhängnis, weil einem Schweizer, der eine Russin heiraten wollte, auffiel, dass die Dame keine Quittung ausstellte. Er meldete sich im Januar 2019 per Email auf der Botschaft,  und diese schaltete darauf die Zentrale in Bern ein und löste so eine Untersuchung aus.

Erst Tränen, dann Drohung

Als die Frau aufflog, soll sie zunächst in Tränen ausgebrochen sein und auf ihre schwere Krankheit verwiesen haben. Als das nichts nützte, legte sie den Hebel um und drohte ihren Vorgesetzten: Ihr Mann kenne Leute aus der Unterwelt.

Sie ging in die Gegenoffensive und bezichtigte den Schweizer Botschafter, er arbeite für den russischen Geheimdienst, habe Verbindungen zu Terroristen in Tschetschenien, habe sich beim Neubau der Botschaft in Moskau bereichert. Zudem warf sie ihm vor, sie sexuell belästigt zu haben.

Dies ging einher mit einem Erpressungsversuch: Die Vorwürfe würde sie fallenlassen, sofern sie entschädigt werde. Als das nichts half, reichte sie Strafanzeige gegen den Botschafter und seinen Stellvertreter ein.

Dossier verschwunden

Wie raffiniert und mit welcher Energie die Frau vorging, zeigt dem Vernehmen nach ein weiteres Beispiel: Als die Botschaft den Fall des Mannes überprüfen wollte, der keine Quittung erhalten hatte, fehlte das Dossier. Die Frau hatte es offensichtlich verschwinden lassen. Es gab zunächst schlicht keine Spur mehr vom Vorgang.

Russin sieht sich als Opfer

Laut «Tages-Anzeiger» bezeichnet sich die Russin als unschuldiges Opfer einer Verschwörung von Rossier und seinem Stellvertreter. Auch ihr Mann sei unschuldig und Opfer einer Intrige im korrupten russischen Staat.

Die Schweiz hat mittlerweile Strafanzeige gegen die Frau eingereicht.

Es gilt die Unschuldsvermutung.