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SARDINIEN: Ein Flair für verrückte Ideen

Meeranschluss für die Schweiz: Davon träumen Sarden, welche die italienische Insel zum 27. Kanton umfunktionieren wollen. Der Bürgermeister von Avenches leistet ihnen Support.
Kari Kälin
Daniel Trolliet, Bürgermeister von Avenches will das Projekt «Canton Marittimo» vorantreiben. Auf dem Bild zu sehen ist er beim bekannten Amphitheater seiner Gemeinde. (Bild Pius Amrein)

Daniel Trolliet, Bürgermeister von Avenches will das Projekt «Canton Marittimo» vorantreiben. Auf dem Bild zu sehen ist er beim bekannten Amphitheater seiner Gemeinde. (Bild Pius Amrein)

Daniel Trolliet schämt sich nicht für den Mohren auf dem Wappen, der gut sichtbar und in mehrfacher Ausführung in der Hauptstrasse flattert. «Man weiss nicht genau, wie Avenches zu diesem Sujet kam», sagt der 62-jährige Bürgermeister des Städtchens im Kanton Waadt, bekannt für das Amphitheater aus römischer Zeit. Aber das Wappen sei rund 700 oder 800 Jahre alt, entstanden vor der Zeit des Kolonialismus und der Ausbeutung Afrikas. Trolliet, Sozialdemokrat und ehemaliger Gewerkschaftssekretär des Verkehrspersonals (SEV), versteht nicht, weshalb sich Deutschschweizer Gemeinden mit demselben Sujet teilweise schwer tun. «Zu viel politische Korrektheit», lautet sein Fazit.

Das Wappen existiert bereits

Sogar vier Mohren zieren das Wappen von Sardinien. Trolliet hat diese heraldische Verwandtschaft vor zwei Jahren per Zufall auf Facebook entdeckt. Und damit das Projekt «Canton Marittimo», auf dessen Wappen die Mohren mit dem Schweizer Kreuz zum 27. Kanton der Eidgenossenschaft verschmelzen (siehe Darstellung rechts).

«Canton Marittimo»? Sardinien als 27. Kanton der Schweiz? Dies ist nicht ein verspäteter Aprilscherz, sondern die ernsthafte Absicht von Enrico Napoleone und Andreas Caruso. Die beiden Sarden, desillusioniert vom italienischen Zentralstaat, wollen die Mittelmeerinsel der Schweiz angliedern (siehe Kasten). Im Frühjahr 2015 lud Trolliet Napoleone und Caruso ein nach Avenches. Und seit letztem September amtet er als Vizepräsident des neu gegründeten Vereins Schweiz-Sardinien Meerkanton.

Anders als der sardische Schwesterverein will Trolliet die 24 000 Quadratkilometer grosse Mittelmeerinsel mit seinen knapp 1,7 Millionen Einwohnern nicht der Eidgenossenschaft einverleiben. Auf wirtschaftlicher, kultureller und soziale Ebene möchte er aber ein Netzwerk stricken, «damit sich Sardinien und die Schweiz gegenseitig beflügeln». Einen handfesten Erfolg kann Trolliet bereits vorweisen. Im vergangenen Februar fand in Lausanne ein Treffen zwischen waadtländischen und sardischen Wirtschaftsvertretern statt. Mit von der Partie waren auch Napoleone und Caruso.

Eselprojekt und Solarboote

Das erste konkrete Ergebnis: Eine Lausanner Hotelschule wird vielleicht beim Aufbau einer Hotelschule in Cagliari, der Hauptstadt Sardiniens, beratend zur Seite stehen. Und möglicherweise werden die Westschweizer Wirtschaftsverbände bald Sardinien besuchen. «Das waren seriöse Gesprächspartner», sagt Guy-Philippe Bolay, Direktor der Waadtländer Industrie- und Handelskammer. Im Bereich des Tourismus, Weinbaus und bei nachhaltig produzierten Lebensmitteln ortet er auf der Mittelmeerinsel das grösste Potenzial. Vielleicht könne das Treffen helfen, den wirtschaftlichen Austausch zwischen der Schweiz und Sardinien zu intensivieren, sagt Bolay. Davon ist Trolliet überzeugt. Nachdem die Zeitung «24 Heures» über das Treffen berichtet hatte, signalisierten ihm ein Dutzend Leute Interesse an Sardinien. Jemand träumt von einem Projekt mit Eseln, eine andere Person möchte Solarpanels für Boote herstellen, auch der Kauf einer Wohnung steht auf der Wunschliste. «Der Schweiz-Beitritt von Sardinien ist eine verrückte Idee. Engere kulturelle, wirtschaftliche und soziale Beziehungen sind aber keine Utopie», sagt Trolliet. Er kann sich vorstellen, dass zum Beispiel Schweizer Pensionäre den letzten Lebensabschnitt auf Sardinien mit seinem milden Klima verbringen.

Trolliet ist ein weit gereister Mann. Mit 22 Jahren nahm er sich eine einjährige Auszeit, erkundete den Nahen Osten und reiste von dort per Autostopp bis nach Indien. Der dreifache Vater mag Länder, die einen nicht aus jedem Reisekatalog anglänzen. Albanien, Rumänien und Mazedonien standen schon auf seinem Programm. Nach Sardinien flog er erstmals im Februar, letzte Woche besuchte er die Insel erneut. Einen sanften Agrotourismus, die Förderung erneuerbarer Energien oder Sardinien als Wohlfühloase für Schweizer Pensionäre kann sich Trolliet als Erfolg versprechendes Modell vorstellen. Die Mentalität der Sarden behagt ihm: «Sie sind freundlich, fleissig und gut gebildet.»

Deutschschweizer als Mitglieder

Trolliet versteht den Verein SchweizSardinien Canton Marittimo nicht nur als Vehikel, eine engere Bande zur Mittelmeerinsel zu knüpfen. «Es braucht auch mehr Austausch zwischen den Sprachregionen in der Schweiz», sagt Trolliet. Deshalb will er auch Deutschschweizer als Vereinsmitglieder gewinnen. Schon bald wird er mehr Zeit haben, dieses Ziel zu erreichen. Im Juni hört Trolliet als Bürgermeister auf. Seine Schuldigkeit für Avenches hat er dann getan.

Hinweis

Weitere Informationen zum Verein Schweiz-Sardinien Meerkanton gibt es auf der Internetseite suisse-sardaigne.ch

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