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SCHAFFHAUSEN / DEUTSCHLAND: Büsingen – eine deutsche Enklave fühlt sich im Stich gelassen

Büsingen liegt im Kanton Schaffhausen, gehört aber zu Deutschland. Das sorgt für Probleme, doch so richtig interessiert das ausser den Büsingern niemanden. Sie machen sich deshalb Sorgen um die Zukunft.
Dominic Wirth, Büsingen
Das idyllische Büsingen am Rhein. Anhand der Telefonzellen und Ortstafeln merkt man, dass es sich um deutsches Territorium handelt. (Bilder: Keystone, Dominic Wirth)

Das idyllische Büsingen am Rhein. Anhand der Telefonzellen und Ortstafeln merkt man, dass es sich um deutsches Territorium handelt. (Bilder: Keystone, Dominic Wirth)

Dominic Wirth, Büsingen

Hoch oben im Norden, am äussersten Zipfel des Landes, ist die Schweiz erst ein paar hundert Meter lang, da hört sie schon wieder auf. Ein gelbes Schild steht an der Strasse, darauf ein schwarzer Adler, umrahmt von den Worten «Bundesrepublik Deutschland». Dort beginnt ein Ort wie kein anderer, ein Flecken Deutschland, und das mitten in der Schweiz, ganz und gar umschlossen vom Kanton Schaffhausen: Büsingen am Hochrhein, die einzige Exklave Deutschlands, eine von zwei Enklaven in der Schweiz. Auf der Landkarte ist das Dorf nicht mehr als ein winziger Punkt. Es liegt etwas verloren da, ganz so, als ob das riesige Deutschland es vergessen hätte.

An Büsingens Rändern wachsen Sonnenblumen, wiegt sich Getreide im Wind, auf einer Anhöhe steht ein kleiner Wald. Unten im Dorf drängen sich Häuschen an die Hauptstrasse, es gibt hier und da Fachwerk, da und dort blättert Farbe von den Hauswänden ab. Viel bleibt nicht hängen von diesem Ort, wenn da nicht der Rhein wäre, der Büsingen im Süden umgreift. Träg und breit und klar schiebt sich der Fluss am Dorf vorbei, und er verleiht ihm ein Gesicht, einen Geruch. Vor einem der vielen Häuser, die sich dem Wasser zuwenden, sitzt Gunnar Lang auf seiner Terrasse. Er blickt zum Rhein und schwärmt ein bisschen von der Schönheit Büsingens. Doch als der Mann mit dem weissen Bart an die Zukunft dieses idyllischen Fleckens denkt, kommt er ins Grübeln.

Wenig Feierlaune zum Jubiläum

Lang sagt von sich, er sei nicht Schweizer und auch nicht Deutscher, sondern Büsinger. Der 65-Jährige hat fast sein ganzes Leben im Dorf verbracht. Und er hat ihm viele Jahre gewidmet. Heute ist er Ehrenbürger und strahlt die Ruhe des Pensionierten aus, doch früher war das anders: Von 1990 bis 2012 stand Lang dem Ort als Bürgermeister vor. Er hat die Jahre erlebt, als Büsingen eine «Insel der Glückseligen» war, wie er es nennt. Dann hat Lang mitansehen müssen, wie die Dinge sich veränderten, ohne dass er oder sein Dorf etwas dagegen tun konnten. «Es ist dramatisch, was in den letzten Jahren hier passiert ist», sagt Lang.

Eigentlich gibt es heuer etwas zu feiern für Büsingen.

Der Staatsvertrag, den die Schweiz und Deutschland einst eigens für das Dorf unterzeichneten, wird 50 Jahre alt. Darin sind viele Einzelheiten festgelegt, die sich etwa so zusammenfassen lassen: Büsingen gehört wirtschaftlich zur Schweiz, politisch aber zu Deutschland. Nur über die Einkommenssteuern steht im Staatsvertrag kein Wort. Und genau hier liegt seit langem das Problem. Angefangen hat alles im Jahr 2002. Damals führte die Schweiz die Personenfreizügigkeit mit der EU ein. Plötzlich konnten die Büsinger, die schon zuvor fast alle in der Schweiz ihr Geld verdient hatten, sich dort auch niederlassen. Und sie taten das zuhauf, weil ihnen der Staat auf der anderen Seite der Grenze viel weniger Geld vom Lohn abzweigte.

Pensionäre statt Junge

Es waren vor allem die jungen Leute, die Büsingen seither verlassen haben. Manchmal sind sie nur ein paar Meter über die Grenze gezogen, die Heimat noch im Blick und im Herzen, aber Bürger und Steuerzahler sind nun an einem anderen Ort. «Diese Leute fehlen uns ­natürlich sehr, es tut weh, das Dorf schrumpfen zu sehen», sagt Gunnar Lang. Etwa 300 Personen hat Büsingen in den letzten 15 Jahren verloren; aktuell leben noch 1250 Menschen im Dorf. Und es wären noch weniger, wenn die Schweizer Pensionäre nicht wären. Für sie ist Büsingen ein attraktives Pflaster. Denn in Deutschland wurden Renten – im Gegensatz zur Schweiz – bis 2005 gar nicht besteuert, und bis heute passiert das nur teilweise. So kam es, dass Büsingen seine Jungen verlor – und dafür Rentner bekam. Mittlerweile ist in ganz Baden-Württemberg kein anderer Ort derart überaltert. 2002 war nicht das einzige Jahr, in dem die grosse Politik im kleinen Dorf am Rhein alles veränderte. Einst hat so auch die besondere Geschichte dieses Orts angefangen. Im 17. Jahrhundert gerieten sich Österreich, zu dem Büsingen damals noch gehörte, und Schaffhausen in die Haare. Als Schaffhausen schliesslich im Jahr 1728 eine Reihe von Gemeinden in seinem Umland von den Österreichern kaufen konnte, behielten diese Büsingen zurück – «zum ewigen Ärgernis für Schaffhausen», wie sie es damals formulierten. Die Büsinger kamen später zu Württemberg und schliesslich zu Deutschland – und sind bis heute die einzige deutsche Exklave, auch wenn sie schon mehr als einmal versucht haben, sich der Schweiz anzuschliessen.

Und so wurde aus Büsingen ein Dorf, das zwischen zwei Ländern hin- und hergerissen ist; es gehört zu Deutschland, aber es orientiert sich Richtung Schweiz. Die Leute sagen mal Grüezi und mal Hallo; es gibt eine Telefonkabine der Swisscom und eine der Telekom; die Busse fahren in beide Richtungen, mit dem Unterschied, dass die Verbindungen in die Schweiz viel besser sind. Am Ende ist es aber vor allem eines, das zählt: Das Leben kostet in Büsingen ähnlich viel wie in der Schweiz, und die tonangebende Währung ist der Franken. Das hat die Situation im Dorf in den letzten Jahren noch zusätzlich verschlimmert. Denn seit dem Franken-Höhenflug, der im Jahr 2011 seinen Anfang nahm, sind die Gehälter der Büsinger in Euro mehr wert. Das wiederum zeigt sich auf den Steuerrechnungen, die ihnen der deutsche Fiskus schickt. Es ist der zweite Schlag, den die Büsinger nach der Einführung der Personenfreizügigkeit einstecken müssen. Und sie haben beschlossen, sich zu wehren, weil sie um die Zukunft des Dorfes fürchten. Der Mann, der Büsingen in dieser Sache an vorderster Front vertritt, hat sein Gesicht glatt rasiert und trägt ein Hemd mit kurzen Ärmeln. Roland Güntert hat 2011 eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen, um das Problem mit den Steuern anzugehen. Herausgeschaut hat bisher eine Erhöhung des Freibetrags, den die Dorfbewohner schon länger von den Steuern abziehen können. In Günterts Augen reicht das aber nicht aus, und vor allem löst es den Kern des Problems nicht: «Wie soll man sein Leben planen, wenn die Steuerrechnung vom Wechselkurs abhängt? Wir brauchen eine Lösung, die das berücksichtigt», sagt er.

Doch mit den Lösungen ist es so eine Sache. Die deutschen Behörden, sagt Güntert, erzählten mal dies und mal das, redeten von Präzedenzfällen, die man nicht schaffen wolle. «Wir fühlen uns hingehalten und nicht ernst genommen», sagt Güntert. Dieses Gefühl ist für die Büsinger kein neues, sie kennen es schon zur Genüge. Auch ein Wechsel zur Schweiz ist nicht in Sicht, dafür ist Büsingen schlicht zu klein, zu unbedeutend. Es gäbe viel zu tun, man müsste Verträge aushandeln, sogar die Verfassung ändern, weil es sich um eine territoriale Angelegenheit handelt. Und das ist den beiden Ländern wohl zu viel Arbeit für ein Nest am Rhein, dessen Sorgen ja nur jemandem wehtun: den Büsingern selbst.

Bild: Grafik mop

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