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Zum Jubiläum der letzten Arbeiterzeitung der Schweiz: Schaffhausens muntere Grosstante

Alle Arbeiterzeitungen sind eingegangen, eine jedoch hat überlebt – die «Schaffhauser AZ». Zum hundertsten Geburtstag erzählt ein Buch ihre krisenreiche Geschichte.
Rolf App
Walther Bringolf prägte die Arbeiterzeitung über mehrere Jahre. (Bild: Keystone)

Walther Bringolf prägte die Arbeiterzeitung über mehrere Jahre. (Bild: Keystone)

Zum Jahresende hat die Redaktion der «Schaffhauser AZ» für 4.50 Franken pro Minute eine Hellseherin und Kartenlegerin befragt, wie es um ihre Wochenzeitung bestellt sei. Diese Grosstante namens Annedore Zimmermann – «wir sagen AZ zu ihr» – wirke noch ziemlich fit, in den letzten Jahren sei sie sogar ziemlich angriffslustig geworden. «Sie hat ihren eigenen Dickkopf», meint die Hellseherin, «aber das ist gut so.» Und rät: «Geben Sie ihr eine Aufgabe.»

Ins Staunen gerät die Astrologin, als sie vom Alter der fiktiven Grosstante erfährt: Eine Hundertjährige hat sie noch nie gehabt. Und ins Staunen muss auch geraten, wer wie der Wirtschaftshistoriker Adrian Knöpfli das Leben dieser Grosstante studiert, die ja im wirklichen Leben die letzte Überlebende einer ganzen Reihe von Arbeiterzeitungen ist, die spätestens in den 1990er-Jahren reihum eingingen. Nur sie, die «Schaffhauser AZ», überlebte all die Krisen und Beinahe-Pleiten, alle Auseinandersetzungen um Kurs und Zukunft. Wie das ging, erzählt Knöpfli in einem ungemein ehrlichen und dazu sehr unterhaltsamen Buch.

Ein Zentrum der Arbeiterbewegung

Die «Schaffhauser AZ» ist ein Kind des Landesstreiks. Die Industrialisierung macht die Munotstadt von 1880 an zu einem Zentrum der Arbeiterbewegung, die allerdings beim – glimpflich verlaufenden – Streik ohne eigenes Organ dasteht. Der Nachteil wird alsobald wettgemacht. Am 30. November 1918 erscheint die «Arbeiter-Zeitung» zum ersten Mal, und 1921 tritt ein Mann in die Redaktion ein, der sie über Jahrzehnte prägen wird: Walther Bringolf, später Stadtpräsident, Nationalrat und 1959 offizieller Bundesratskandidat der SP.

Bringolf ist ein Naturtalent: feuriger Redner, glühender Schreiber und sehr, sehr autoritär. Das bekommt die Redaktion immer wieder zu spüren, auch als er schon längst in die Politik ­abgewandert ist und «nur» noch als Verwaltungsratspräsident die Fäden zieht. Als er an seinen ­Memoiren arbeitet, bestellt er eine Redaktorin regelmässig zum Diktat. Und als sich einer ihrer Kollegen erdreistet, während der Globuskrawalle von 1968 die Polizei zu kritisieren, wird er ins Stadthaus zitiert und zusammengestaucht: Was ihm denn einfalle, sich für dieses «Lumpenproletariat» einzusetzen!

Absturz mehrmals abgewendet

Das ist die eine Last, die das linke Projekt über eine lange Zeit mit sich schleppt: Die internen Anfeindungen, die spätestens dann aufbrechen, wenn Wahlkampf ist. Die andere Last: Das ist das liebe Geld. Früh wird klar, dass eine Zeitung auch eine eigene Druckerei benötigt. Anfangs agieren beide getrennt, dann schlüpft die Redaktion unters Dach der Druckerei. Obwohl diese Redaktion stets klein blieb – die Erwartungen sind dennoch hoch geschraubt –, drehen sich die Auseinandersetzungen immer wieder darum, ob da nicht noch was einzusparen wäre.

Kooperationen werden ausprobiert. Zeitweise produziert die «Schaffhauser AZ» mit anderen Arbeiterzeitungen die überregionalen Seiten und beschränkt sich selber aufs Lokale. Zeitweise bezieht sie das Überregionale vom politisch ganz anders gestrickten «Badener Tagblatt». In Baden wird sogar ein eigener Redaktor installiert, der diese Seite notfalls sozialdemokratisch «einfärbt», die Leserinnen und Leser sehen die Zusammenarbeit dennoch nicht gern. Mehrere Male droht der Absturz, den Hans-Jürg Fehr und Bernhard Ott, heute Verwaltungsratspräsident und Verlagsleiter, in wechselnden Rollen verhindern, auch indem sie eigenes Geld einschiessen.

Zuletzt ist es aber doch das Journalistische, das sogar die «Schaffhauser Nachrichten», ­ungleich potentere bürgerliche Sparringspartnerin der «Schaffhauser AZ», um das Überleben der Konkurrentin bangen lässt. Doch die Grosstante lebt.

Hinweis

Adrian Knöpfli: Wir sind da und bleiben da – 100 Jahre «Schaffhauser Arbeiter-Zeitung», Verlag am Platz 2018, Fr. 29.60

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