Reportage

Schalom in der Schweiz: Wie Schweizer Juden zwischen Einheimischen und jüdischen Gästen vermitteln

Im Spätsommer reisen Tausende strenggläubige Juden in die Schweiz. Hier füllen sie leere Betten, bleiben aber meist unter sich. Das führt zu Distanz und Missverständnissen. Nun vermitteln Schweizer Juden zwischen Einheimischen und ihren Gästen. Wir begleiteten sie im Wallis - und erhielten Einblicke in eine fremde Kultur.

Daniel Fuchs
Drucken
Teilen
Ari Leitner mit seinen beiden Töchtern. (Bild: Colin Frei)
14 Bilder
Die jüdische Familie aus Manchester hat gleich ein ganzes Hotel in Saas-Grund gemietet. (Bild: Colin Frei)
Im Hotel Dom kocht der streng gläubige Ben Tomlin für bis zu hundert jüdische Familien. (Bild: Colin Frei)
Natürlich koscher. (Bild: Colin Frei)
Vermitteln zwischen den Kulturen: Tom und Lea. (Bild: Colin Frei)
Entsprechend angeschrieben, ziehen sie durch die Strassen von Saas Grund. (Bild: Colin Frei)
Ein Gläubiger betet im Speisesaal eines Saaser Hotels. (Bild: Colin Frei)
Blick auf das Hotel Dom, in dem sich jüdisch-orthodoxe Gäste einquartiert haben. (Bild: Colin Frei)
Vermittlerin Lea im Gespräch. (Bild: Colin Frei)
Bis zu 100'000 Übernachtungen zählt Saas-Grund dank jüdischer Touristen. (Bild: Colin Frei)
Feriengast Shevi Tomlin mit ihrem Kind. (Bild: Colin Frei)
Vater Ben beobachtet seine Tochter beim Krabbeln. (Bild: Colin Frei)
Koscheres Buffet im «Dom». (Bild: Colin Frei)
Feriengast Menasche Scharf am Hotel-Eingang. (Bild: Colin Frei)

Ari Leitner mit seinen beiden Töchtern. (Bild: Colin Frei)

Der Zug ins Wallis ist rappelvoll. Einen Teil der Abteile besetzen an diesem Augustmorgen strenggläubige jüdische Familien. Gut erkennbar an ihrer traditionellen Kleidung, den Bärten, den Schläfenlocken – und den vielen Kindern. Kurz vor Visp organisieren sie sich, einige nehmen die Kinder an die Hand, andere kümmern sich ums Gepäck. Denn Koffern haben die grossen Familien viele dabei. Ihr Inhalt erfüllt einen wichtigen Zweck, doch mehr dazu später.

In Visp steigen die jüdischen Familien um auf das Postauto Richtung Saas-Fee. Die Feriendestination und das Saastal mit den Dörfern Saas-Grund, Saas-Almagell und Saas-Balen hat sich über die Jahre zu einer mehrerer Schweizer Hauptdestinationen strenggläubiger Juden entwickelt. Besonders beliebt: Saas-Grund. Dort schätzt man die Übernachtungen jüdischer Gäste auf bis zu 100 000 pro Jahr. Die Hauptferienzeit der Strenggläubigen beginnt nach dem Fast- und Trauertag Tischa Be’Aw. Dieser fiel heuer auf letztes Wochenende.

Sie kommen vorwiegend aus Grossbritannien, Belgien, Israel, aber auch aus der Schweiz. Die Israeli entfliehen im August der Bruthitze im eigenen Land in die Berge. Das Saastal ist dazu bestens geeignet, die Dörfer liegen bis zu 1800 Metern über Meer.

Kühl ist es auch an diesem Morgen, die Berggipfel sind wolkenverhangen. In Saas-Grund treffen wir Lea und Tom. Die beiden Anfangdreissiger möchten nicht mit ihrem vollen Namen in der Zeitung stehen. Sie nehmen uns an diesem Tag mit. Für den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, eine Dachorganisation der Schweizer Juden, beteiligen sie sich an einem speziellen Vermittlungsprojekt. Über drei Wochen hinweg suchen Schweizer Juden in Davos, Arosa und in Saas-Grund das Gespräch mit jüdischen Touristen und Einheimischen. Sie sollen über die jeweils andere Kultur aufklären, Missverständnissen vorbeugen und wenn nötig bei Problemen vermitteln.

Die schwierige Suche nach dem koscheren Essen

Erste Station ist das Tourismusbüro. «Kommen viele jüdischen Gäste hier vorbei, um sich zu informieren?», fragen Lea und Tom die Frau hinter dem Schalter: Die Touristikerin bejaht. Die jüdischen Gäste seien vor allem interessiert an Wandervorschlägen. Rasch entsteht ein Gespräch. «Welche Erfahrungen haben Sie denn schon gemacht mit jüdischen Touristen?», fragt Lea. Die Touristikerin denkt nach und antwortet: «Generell gute, es handelt sich um eine zurückhaltende Klientel.»

Gelegentlich aber komme es schon zu seltsamen Situationen.

«Wie damals, als ein jüdischer Mann mir den Teil des Treppenhauses abkaufen wollte, der zu meiner Wohnung führt. Er wollte den Kinderwagen bis zu seiner Ferienwohnung hochtragen können.»

Tom fragt die Frau, wie sie darauf reagierte. «Ich dachte mir zuerst, wie schräg! Er hätte den Kinderwagen ja auch so hochtragen können. Gestört hätte das ja niemanden. Doch ich dachte mir, was soll’s? Wenn es ihm recht ist so, dann spiele ich mit.»

Draussen die Frage: Weshalb musste der Jude erst das Treppenhaus erwerben, um dann den Kinderwagen hochzutragen? Tom hat eine mögliche Erklärung: «Wahrscheinlich ging es um Schabbat.» Juden feiern ihren Ruhetag nicht sonntags, sondern samstags. Strenggläubige befolgen dann einen ganzen Katalog an Regeln. «Dazu gehört für manche, dass sie gewisse Gegenstände nicht herumtragen», erklärt Tom. Und hier liege das Problem. «Wahrscheinlich», so Tom, «wollte der jüdische Mann das schlafende Kind nicht aus dem Schlaf reissen, sondern im Kinderwagen zur Wohnung hochtragen.» Und weshalb der symbolische Kauf? «Innerhalb der eigenen vier Wände dürfen die Gegenstände dann eben doch herumgetragen werden.»

Als nächstes suchen wir den örtlichen Coop nach koscheren Produkten ab. «Eine eigene Koscherabteilung führen wir hier nicht», sagt die Filialleiterin. Auf einer Reservationsliste können jüdische Kunden für den nächsten Tag Brot reservieren. Denn als koscher werden auf online abrufbaren Listen nur zwei Coop-Brote taxiert: das Ruch- und das Halbweissbrot. Besonders beliebt bei den jüdischen Grossfamilien: die 1-Kilogramm-Laibe.

Die grossen Halbweiss-Brotlaibe finden wir im Hotel Dom wieder. Für eine Zeit von vier Wochen hat eine jüdische Grossfamilie das Hotel gleich ganz gemietet. Ari Leitner, einer der bärtigen Männer, lädt uns ein ins Haus. Ein Gläubiger betet im Speisesaal, den die Mieter zur Synagoge umfunktioniert haben. Leitner kommt aus Manchester und verbringt seit mehreren Jahren seine Ferien in Saas-Grund. Im Hotel Dom hat er eine Art Catering eingerichtet.

«Wir kochen hier in den nächsten Tagen und Wochen für weitere 100 jüdische Familien, die im ganzen Dorf verteilt sind»

, erklärt Leitner. In der Küche stehen deshalb lauter mitgebrachte koschere Lebensmittel. Im Saastal gibt es sie nicht zu kaufen.

Die mitgebrachten Esswaren sind mit ein Grund für die dicken Koffer der jüdischen Reisenden – und für die Reserviertheit der Einheimischen, die jüdischen Gästen im Saastal entgegenschlägt. Sie bringen fast alles mit, sie gehen nicht ins Restaurant, sie kaufen keine lokalen Produkte ein. Die Wertschöpfung durch die jüdischen Gäste ist daher in Saas-Grund bescheiden.

Der Fall Arosa wirkt bis heute nach

Im Hotel Dom lädt uns Ari Leitner ein, wir sollen etwas essen. Zum trockenen Halbweissbrot aus dem Supermarkt gibt es Thunfischpaste, allerlei Rohkost und Kabissalat.

Leitner fühlt sich willkommen im Walliser Bergdorf, bemerkt aber hier und dort einen gewissen Argwohn. «Ist ja auch klar, wir sind grosse Gruppen, sind traditionell gekleidet und sehen einfach anders aus als andere Gäste. Und wir stellen vorübergehend unsere Unterkünfte auf den Kopf, damit sie unseren Zwecken dienen.»

Auf manche Einheimische und Touristen wirken die strengorthodoxen Juden sonderbar. «Wie kann man bloss im Hochsommer in solch unpraktischer Kleidung wandern?», fragen sie sich in ihrer Funktionswäsche.

Das Duschen führte vor zwei Jahren zu einem Fall, der die jüdische Gemeinschaft aufrüttelte. Beim Hallenbad eines Ferienhauses in Arosa stand damals auf einem Plakat explizit an Juden gerichtet die Aufforderung, vor dem Baden zu duschen. Der Fall Arosa schlug hohe Wellen wegen Antisemitismus, und er ist mit ein Grund für die Aufklärungskampagne des Dachverbands der Schweizer Juden – und für die Vermittler Lea und Tom in Saas-Grund.

Dort lächelt Ari Leitner und beteuert, nein, Antisemitismus habe er in der Schweiz noch nie erleben müssen. Obwohl es auch in Saas-Grund schon zu grenzwertigen Pauschalverurteilungen gekommen ist. Die jüdischen Gäste würden ihren Abfall nicht richtig entsorgen, hiess es schon. Touristiker aber beschwichtigen. Es habe tatsächlich solche Fälle gegeben, der Grund liege aber nicht im Glauben, sondern in der Herkunft. In britischen Städten zum Beispiel gebe es keine Sackgebühren.

Was aber ist schweizerischer als der Umgang mit dem Müll? Auch darin liegt ein Ziel für Lea und Tom: jüdischen Gästen in Saas-Grund hiesige Sitten erklären.

Muslimische Gäste: Keller-Messahli kritisiert Tourismus-Knigge

Schweizer Tourismusverbände haben eine neue Broschüre über arabische Gäste aus den Golfstaaten herausgebracht. Darin fordern sie Einheimische dazu auf, bei arabischen Familien zuerst den Mann anzusprechen. Warum das nicht zielführend ist.
Daniel Fuchs