Bischofskonferenz beschliesst schärfere Regeln bei Übergriffen

Die Bischofskonferenz will verhindern, dass Fälle sexuellen Missbrauchs vertuscht werden. Sie verschärft deshalb die Anzeigepflicht. Seit dem Jahr 2010 haben sich rund 300 Opfer gemeldet.

Michel Burtscher
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Felix Gmür (links), Vizepräsident der Bischofskonferenz, und Präsident Charles Morerod an der gestrigen Pressekonferenz. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (St. Gallen, 5. September 2018))

Felix Gmür (links), Vizepräsident der Bischofskonferenz, und Präsident Charles Morerod an der gestrigen Pressekonferenz. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (St. Gallen, 5. September 2018))

Es ist eine traurige Zahl: Im Jahr 2017 haben sich hierzulande 65 Personen gemeldet, die von Kirchenleuten sexuell belästigt oder missbraucht wurden. Das sind deutlich mehr als in den Jahren zuvor. Einige dieser Fälle sind in der jüngeren Vergan­genheit passiert, die meisten ­jedoch ­liegen viele Jahrzehnte zurück. Das zeigt die neue Statistik der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Sie erfasst Vorwürfe, die von sexuell gefärbten Äusserungen oder Gesten über sexuelle Nötigung bis hin zu Vergewaltigung und Schändung reichen.

SBK-Vizepräsident Felix Gmür, Bischof von Basel, sprach an einer Medienkonferenz in St. Gallen vom «wahnsinnigen Leid», das die Opfer der sexuellen Übergriffe erfahren mussten. Man wolle Transparenz schaffen und Licht bringen in dieses «dunkle Kapitel» in der Geschichte der Katholischen Kirche, sagte Gmür. Und er rief weitere Opfer auf, sich zu melden. Auch SBK-Präsident Charles Morerod betonte, wie wichtig es sei, dass man mit den Opfern sprechen könne. «Es reicht aber nicht, einfach traurig zu sein», sagte der Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg. «Wir müssen auch etwas tun.»

Opfertherapeuten waren skeptisch

Die Bischofskonferenz hat darum beschlossen, die Anzeigepflicht bei sexuellen Übergriffen zu verschärfen. Auch bei erwachsenen Opfern müssen die kirchlichen Amtsträger künftig konsequent die staatlichen Strafverfolgungsbehörden einschalten, wenn der Verdacht auf ein Offizialdelikt besteht. Bisher wurde das nicht gemacht, wenn die betroffene Person nicht damit einverstanden war. Bei Minderjährigen gilt die verschärfte Regelung heute schon. Zwar waren die Opfertherapeuten laut Gmür skeptisch gegenüber der Änderung, doch die «Vertuschungsgefahr» sei einfach zu gross, wenn nicht in jedem Fall Anzeige erstattet werden müsse.

«Es geht darum, weitere potenzielle Opfer zu schützen, sagte Gmür. Zudem hätten nur die staatlichen Behörden die Mittel, um eine solche Untersuchung richtig zu führen. So könnten diese auch Zwangsmassnahmen ergreifen, wie beispielsweise Hausdurchsuchungen.

Markanter Anstieg der Meldungen

Der Umgang der Katholischen Kirche mit den Missbräuchen in ihren Reihen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Wollte sie das Problem lange nicht eingestehen und die Fälle vertuschen, wird Transparenz und Unterstützung der Opfer heute grossgeschrieben. Die Statistik zu den sexuellen Übergriffen im kirchlichen Umfeld führt die Bischofskonferenz seit dem Jahr 2010. Damals entschuldigte sich die Katholische Kirche bei den Missbrauchsopfern und rief sie dazu auf, die Übergriffe zu melden. Dafür wurden in allen Bistümern Anlaufstellen für sie eingerichtet.

Vor allem im ersten Jahr gingen viele Meldungen ein, insgesamt sind es bisher rund 300. Am meisten ging es dabei um sexuell gefärbte Äusserungen oder Gesten sowie sexuelle Nötigung, 23-mal um Vergewaltigung oder Schändung. Viele Vorfälle sind vor dem Jahr 1980 passiert. Die meisten Opfer waren zum Zeitpunkt des Übergriffs jünger als 16 Jahre alt. Gemeldet haben sie sich also erst, als sie bereits erwachsen – und die Taten oft verjährt oder die Täter bereits tot waren. Die Bischofskonferenz hat darum einen Genugtuungsfonds eingerichtet, um sie finanziell zu entschädigen.

Oberster Bischof weist Elegantis Forderung zurück

Die Aussagen des Churer Weihbischofs Marian Eleganti haben für Empörung gesorgt: Zuerst stellte er vor gut einer Woche einen Zusammenhang her zwischen den Missbrauchsfällen in der Kirche und Homosexualität. Dann legte er nach und forderte, dass homosexuelle Männer von den Priesterseminaren ausgeschlossen werden, wie unsere Zeitung gestern berichtete. Davon will der oberste Bischof der Schweiz aber nichts wissen. An der Medienkonferenz der Bischofskonferenz wies Präsident Charles Morerod die Forderung zurück. Es sei gefährlich, Homosexuelle mit Tätern gleichzusetzen, betonte er. Per­sonen, die offen zu ihrer Homosexualität stehen, von Priesterseminaren auszuschliessen, führe nur dazu, dass sich diese verstecken müssten.