SCHEIDUNG: «Es wird noch mehr Konflikte geben»

Der Luzerner Rechtsanwalt Benno Gebistorf hat über 40 Jahre Erfahrung mit Familienrecht. Im neuen Gesetz, das grundsätzlich von einem gemeinsamen Sorgerecht ausgeht, sieht er vor allem eine zusätzliche Quelle von Konflikt und Streit.

Interview Lukas Scharpf
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Der Luzerner Rechtsanwalt Benno Gebistor. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Der Luzerner Rechtsanwalt Benno Gebistor. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Benno Gebistorf, ab morgen gilt das neue Gesetz zum Sorgerecht. Bei einer Trennung, egal ob verheiratet oder nicht, gilt im Regelfall das gemein­same Sorgerecht (siehe Kasten). Wird es nun weniger erbitterte Kampfscheidungen geben, weil man nicht mehr um die Kinder streiten kann?

Benno Gebistorf*: Ich bin sehr skeptisch. Die Richter haben bereits in den letzten Jahren das gemeinsame Sorgerecht favorisiert und oft aufgezwungen. Aber die Leute sind keineswegs offen für diese Neuerung. Darum glaube ich auch nicht, dass es gut funktionieren wird. Es wird noch mehr Konflikte als früher geben. Das gemeinsame Sorgerecht ist praxisfremd.

Wieso?

Gebistorf: Das Gesetz geht von einem idealisierten Bild der nachehelichen Beziehung aus. Aber aus irgendeinem Grund hat man sich ja getrennt. Eine Scheidung erfolgt in aller Regel in einer schwierigen Konfliktphase, und es ist falsch, anzunehmen, dass diese Familiengemeinschaften noch intakt sind. Das Gesetz geht davon aus, dass die Leute zwischen der Eltern- und der Paarebene klar unterscheiden können. Auf der einen kämpfen sie, auf der anderen lösen sie ihre Konflikte harmonisch. Das ist meiner Meinung nach absurd. Der Mensch lässt sich nicht spalten.

Diese Situation ist ja bei altem und neuem Gesetz die gleiche. Aber das gemeinsame Sorgerecht gilt grundsätzlich als fairer, auch wenn es vielleicht nicht einfacher ist.

Gebistorf: Wenn das so ist, dann wird es teuer erkauft. Ab morgen können Entscheidungen zum Sorgerecht der letzten fünf Jahre umgestossen werden. Das bringt eine grosse Unruhe für die bestehenden etablierten Verhältnisse und vor allem für die Person, die die Hauptbetreuungsarbeit macht. Besuchsrecht, Entscheidungsfindung, alles, was sich in den letzten Jahren etabliert hat, und woran sich die Leute – auch die Kinder – gewöhnt haben, wird durcheinandergebracht.

Die Eltern müssen auch nach einer Trennung mehr gemeinsam entscheiden. Das zwingt doch auch dazu, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Ist das nicht von Vorteil?

Gebistorf: Alle Paare, die sich auch nach einer Trennung gut oder zumindest normal gegenseitig verstanden, haben auch unter dem bisherigen Gesetz gemeinsam wichtige Entscheidungen getroffen. In diesen Fällen spielt das neue Gesetz also gar keine Rolle. In allen anderen Fällen gibt es zweifellos mehr Konflikt. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Auch unter dem neuen Gesetz werden die Kinder hauptsächlich bei einem Elternteil wohnen. Das wird auch weiterhin die Mutter sein, und der Vater wird weiterhin der Hauptarbeitende und im Normalfall der Vollzeitarbeitende sein. Das ist, zumindest heute noch, die gesellschaftliche Realität. Betreuende Väter sind immer noch eine kleine Minderheit. In einem schlechten Verhältnis werden die Getrennten in allen Bereichen des täglichen Lebens versuchen Einfluss zu nehmen. Bisher herrschte bei der Entscheidungskompetenz eine klare Situation. Und es ist ja nicht so, dass der nicht betreuende Elternteil keine Einflussmöglichkeit hatte. Das Bild des reinen «Zahlvaters» ist nicht wahr. Ein Vater musste schon bisher bei wichtigen Entscheidungen angehört werden, und er konnte bei Dritten, etwa beim Arzt, über den Zustand und die Entwicklung des Kindes Informationen einholen.

Das ist aber mühsam und gerade bei Aspekten wie Besuchsrechten nicht einfach.

Gebistorf: Aber daran wird sich auch mit dem neuen Sorgerecht bei den Problemfällen wenig ändern. Wenn eine Mutter die Kinder dem Vater entziehen will und das Besuchsrecht sabotiert, wird sie dafür auch unter dem neuen Gesetz Mittel und Wege finden. Mit dem neuen Gesetz tun sich aber grosse Lücken auf. Viele Aspekte müssen von den Gerichten und Behörden definiert werden. Die Entscheidungsfindung wird jedenfalls komplizierter und schwieriger.

Im ersten Jahr kann für in den letzten fünf Jahren geschiedene Ehen das gemeinsame Sorgerecht beantragt werden. Die kantonalen Erwachsenen und Kinderschutzbehörden erwarten einen grossen Ansturm. Wie sehen Sie das?

Gebistorf: Die Auswirkungen werden enorm sein. Die meisten Männer werden sich das Recht auf eine Aufhebung des bisherigen Entscheids nicht nehmen lassen. Die werden nicht nur den Erwachsenen und Kinderschutzbehörden die Türen einrennen, sondern auch den Gerichten. Im schlimmsten Fall gibt es eine wahnsinnige Überlastung. Dabei dauern die Scheidungsverfahren vor Gericht jetzt schon viel zu lange. Das ist nicht mehr verhältnismässig. Ich habe in der Kanzlei einen Scheidungsfall, der vor Gericht ins zehnte Jahr geht. Das blockiert die familiäre Entwicklung.

Was muss passieren, damit das neue Gesetz ein Erfolg wird?

Gebistorf: Die Gesellschaft muss einen weiten Weg gehen, um sich dem Gesetz anzupassen. Damit meine ich nicht nur die Eltern, sondern auch die betriebliche Arbeitswelt. Eine gleich aufgeteilte Betreuungsarbeit, je zur Hälfte zum Beispiel, setzt voraus, dass der Vater, der in aller Regel auch heute noch der Hauptverdiener ist, innerhalb kurzer Zeit sein Pensum drastisch reduzieren kann. In den meisten Betrieben ist das immer noch unrealistisch.

Hinweis

*Benno Gebistorf (72) ist Rechtsanwalt in der Stadt Luzern und Buchautor. Er ist Autor des Buches «Das 11. Gebot, oder Du sollst nicht heiraten» und publizierte jüngst «Schweizer Scheidungsrecht – wohin?». Gebistorf ist glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder.