Scheuer Jäger
Obwohl die Risszahlen nicht mehr so stark ansteigen, wollen die Bündner den Wolf künftig präventiv ins Visier nehmen

In Graubünden greift der Herdenschutz besser, doch der Kanton hält eine Grundsatzdiskussion zum Wolfsmanagement für notwendig. Wölfe sollen künftig präventiv geschossen werden können. Sogar die Umweltverbände signalisieren Gesprächsbereitschaft.

Dominic Wirth
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Ein Wolf im Kanton Graubünden, aufgenommen per Fotofalle.

Ein Wolf im Kanton Graubünden, aufgenommen per Fotofalle.

Amt Für Jagd Und Fischerei Graubünden

Auf den Alpen geht die Angst vor dem Wolf um. Das Tier hat sich rasant verbreitet im Land. Doch jetzt zeigen erste Zahlen zum Alpsommer 2021, dass die Herdenschutz-Massnahmen besser greifen. So sind in Graubünden, dem Wolfskanton schlechthin, die Risszahlen heuer nicht so stark gestiegen wie in anderen Jahren. Und dies, obwohl die Zahl der Wölfe rasch wächst. 2020 gab es schätzungsweise 50 Wölfe im Kanton; für 2021 will er noch keine Zahlen nennen, spricht aber von einem «exponentiellen Wachstum» und einer Verdoppelung der Bestände alle zwei bis drei Jahre.

Bis Ende September wurden laut dem Bündner Amt für Jagd und Fischerei 249 Nutztierrisse registriert. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 waren es im gleichen Zeitraum 219 gewesen - viel mehr als noch 2019. Damals meldete der Kanton für das ganze Jahr 127 Risse. Urs Leugger-Eggimann von Pro Natura spricht von einer erfreulichen Entwicklung. «Wir sehen aktuell pro Wolf eine Abnahme der Nutztierrisse - das zeigt, dass der Herdenschutz zunehmend funktioniert», sagt er.

Die Älpler fühlen sich im Stich gelassen

Adrian Arquint ist der Leiter des zuständigen Bündner Amts. Er sagt, man merke nun, wie viel in Graubünden investiert werde in den Herdenschutz. Aber er betont auch, dass dieser an seine Grenzen stosse. Laut Arquint sind die Zahlen das eine. Das andere ist das Verhalten der Wölfe. «Wir stellen einen gewaltigen Sprung fest: Es gibt bei uns immer mehr spezialisierte Wölfe, die den Herdenschutz aushebeln und Wölfe, die sich an grössere Tiere wie Kälber oder Kühe machen», so Arquint.

Sein Kanton fordert weiterhin ein Instrument, welches das Volk vor einem Jahr mit dem Nein zum neuen Jagdgesetz ablehnte: Die präventive Regulierung des Wolfs. Heute können die Kantone nur eingreifen, wenn ein Schaden entstanden ist, wobei die Zahl der dafür notwendigen Risse im Juli gesenkt wurde.

Auch Erich von Siebenthal, der Präsident des Alpwirtschaftlichen Verbands, sagt, dass Herdenschutz nicht alles sei. Der SVP-Nationalrat spricht sogar davon, dass man sich auf den Alpen im Stich gelassen fühle von der Politik. «Jeder Riss ist einer zu viel», sagt er. Der Berner warnt davor, dass der Schweiz viele verlassene Alpen drohen, wenn es so weiter geht. «Viele Alpen mussten heuer wegen des Wolfs früher abgealpt werden», so von Siebenthal.

Ein System «in der Sackgasse»

Er setzt sich ebenfalls für die präventive Regulierung des Wolfes ein. Adrian Arquint aus Graubünden geht noch einen Schritt weiter und fordert eine Grundsatzdiskussion. «Unser System ist in einer Sackgasse, wir merken das bei uns. Wir müssen grundsätzlich darüber diskutieren, wie die Koexistenz mit dem Wolf aussehen soll», sagt er. Dabei müssten alle Beteiligten bereit sein, Kompromisse einzugehen.

Beteiligte sind etwa die Gemeinden, Touristiker, Bauern - und auch die Umweltverbände. Bei ihnen kommt die Idee einer breiten Diskussion gut an. Urs Leugger-Eggimann sagt, es brauche nun Dialog – und eine eingehende, gemeinsame Analyse des Alpsommers 2021. Der Pro-Natura-Zentralsekretär betont, dass der Herdenschutz das erste Mittel bleiben müsse für eine Koexistenz mit dem Wolf, man gezielte Abschüsse von besonders schadenstiftenden Wölfen und regulierende Eingriffe in Wolfsfamilien mit problematischem Verhalten aber ebenfalls als notwendig erachte.

Selbst präventive Abschüsse lehnt der Umweltschützer, dessen Verband massgeblich an der siegreichen Kampagne gegen das neue Jagdgesetz beteiligt war, nicht kategorisch ab. «Diese Frage wird auf den Tisch kommen – und es gilt, sie miteinander zu prüfen», sagt er.

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