Schmerzmittel noch immer knapp -
WHO zieht Warnung vor Ibuprofen zurück

Fieber- und schmerzsenkende Medikamente wie Dafalgan und Ibuprofen sind in der Schweiz nach wie vor von Lieferengpässen betroffen. Die WHO krebst bei ihrer Corona-Warnung vor Ibuprofen zurück.

Anna Miller
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Einige Medikamente sind in der Schweiz von Lieferengpässen betroffen.

Einige Medikamente sind in der Schweiz von Lieferengpässen betroffen.

KEYSTONE/EQ IMAGES/Moritz Hager

Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt Entwarnung: "Auf der Basis der heute vorhandenen Informationen rät die WHO nicht von der Einnahme von Ibuprofen ab." Die WHO-Experten hatten Studien und Ärzte konsultiert und sind zum Schluss gekommen, dass es über die bekannten Nebenwirkungen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen hinaus keine Hinweise auf negative Ibuprofen-Konsequenzen bei Covid-19-Patienten gebe.

Vorerst grünes Licht für Ibuprofen nach Warnung

Am Dienstag noch hatten sowohl die WHO als auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) von einer Einnahme von Ibuprofen abgeraten, sofern Fieber bestehe. Dies, nachdem in den Tagen zuvor Meldungen in Umlauf gekommen waren, dass Ibuprofen die Krankheitsverläufe von Corona-Patienten in Italien zusätzlich verschlimmert habe. Ein Zusammenhang ist wissenschaftlich jedoch bisher nicht bewiesen.

So oder so: Verschiedene Medikamente, darunter auch Dafalgan und Ibuprofen, sind derzeit in der Schweiz von Lieferengpässen betroffen. Nachdem das Schmerzmittel Dafalgan bereits seit Dienstag diese Woche schweizweit nicht mehr lieferbar ist, bestehen auch bei Ibuprofen nun Lieferengpässe, wie Enea Martinelli, Chefapotheker der Spitäler FMI AG, gegenüber CH Media bestätigt.

Lieferengpässe auf unbestimmte Zeit

Wann die Medikamente wieder grossflächig lieferbar sind, wissen Experten und Grossisten nicht. "Auf unbestimmte Zeit", heisst es beispielsweise auf Anfrage bei der Hotline des Schweizer Pharma-Grossisten Galexis. Auch das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) bestätigt auf Anfrage von CH Media, dass einzelne Produkte "aktuell nicht lieferbar sind". Generell seien aber sowohl paracetamol- wie auch ibuprofenhaltige Arzneimittel auf dem Schweizer Markt erhältlich.

Auch Spitäler sind von den Lieferengpässen betroffen. Wann wieder Medikamente geliefert werden können, ist derzeit unklar. Der Wirkstoff Paracetamol beispielsweise wird in Indien produziert, das einen Export-Stopp verfügt hat. Und in China werden diese Medikamente teilweise in Wuhan hergestellt – in der Stadt, in der der Coronavirus seinen Anfang nahm. Dort laufen die Fabriken erst langsam wieder an.

Das Pharmaunternehmen UPSA mit Sitz in Frankreich, das unter anderem Dafalgan liefert, schreibt, man habe einen deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Dafalgan erlebt, was zu einem Dominoeffekt in der Lieferkette und zu potenziellen Verzögerungen bei der Lieferung geführt habe. "Zurzeit stellt die UPSA keine Engpässe an ihren Produktionsstätten in Agen, Frankreich, fest, und wir sind dabei, eine bessere Möglichkeit zur Regulierung der Lieferung auf der Grundlage von Quoten einzuführen." Man setze "alle notwendigen und möglichen Massnahmen um, um die Produktion zu steigern und die Versorgung von Fachkräften des Gesundheitswesens und Patienten mit Dafalgan aufrecht zu erhalten."

Hamsterkäufe als Hauptgrund

Nach dem Lebensmittelsektor war in den letzten Tagen auch der Medikamentensektor von Hamsterkäufen durch Schweizer Kundinnen und Kunden betroffen. Einzelne Privatpersonen deckten sich grosszügig mit Medikamenten ein, was die Lieferengpässe weiter verschärfte.

Auch deshalb dürfen seit Mittwoch Ärzte, Apotheken und andere Betriebe nur noch eine Packung von bestimmten Medikamenten abgeben. Das hat der Bundesrat beschlossen, um die Versorgung sicherzustellen. Diese neue Regelung gilt für vorerst sechs Monate.

Bei chronisch kranken Personen ist die Abgabe auf die ärztlich verordnete Menge begrenzt oder für eine Bedarfsdeckung von höchstens zwei Monaten. Der Entscheid erfolgt gestützt auf das Landesversorgungsgesetz. Demnach kann der Bundesrat im Fall einer unmittelbar drohenden oder bereits bestehenden schweren Mangellage zeitlich begrenzte wirtschaftliche Interventionsmassnahmen ergreifen, um die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern sicherzustellen.

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hält derweil fest: "Es handelt sich weder bei Ibuprofen noch bei Paracetamol um lebenswichtige Güter im Sinn des Landesversorgungsgesetzes, weshalb für diese Produkte keine Pflichtlagerhaltung besteht." Man unterstütze die Importeure jedoch so gut wie möglich, um den Nachschub sicherzustellen.

Chefapotheker Enea Martinelli rät deshalb grundsätzlich: "Wenden Sie sich an Ihren Apotheker, um mit ihm nach geeigneten Lösungen zu suchen."

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