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Schule ohne Noten – funktioniert das?

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Mario Andreotti

Entspanntes Lernen in der Schule, keine Noten mehr, keine Hausaufgaben, kein Leistungsdruck – was alle Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte eint, ist der Gedanke, der traditionelle Bildungskanon und das böse leistungsorientierte Lernen würden nicht mehr in die heutige Gesellschaft passen. In vielen deutschen Bundesländern, aber auch in einigen Schweizer Kantonen experimentieren Reformpädagogen und Schulpolitiker an der Abschaffung der Noten herum, und in der Tat klingen ihre Argumente nicht völlig falsch. Das klassische Notensystem wird der Persönlichkeit von Kindern nicht gerecht. Zudem benoten Lehrer oft willkürlich, was sich schon daran zeigt, dass Schüler aus bildungsnahen Familien häufig besser abschneiden. Und nicht zuletzt können Schulnoten bei Eltern und Schülern für Stress und Angst sorgen. Alles richtig, alles wahr.

Die Frage ist nur: Was könnte die Alternative zur Benotung sein? Das «Lernentwicklungsgespräch», wie es neuerdings in manchen Grundschulen praktiziert wird? Oder der «Einmaleins-Führerschein», zu dem sich Schüler anmelden, sobald sie multiplizieren können? Oder gar eine vierfarbige Bewertungsskala, wie sie in einem St. Galler Schulkreis eingeführt wurde? Schon die Wortwahl signalisiert, dass hier eine einfache Wahrheit durch Pädagogen-Kauderwelsch verschleiert werden soll: Schule heisst Lernen. Das erfordert Lernkontrollen und macht in der Tat manchmal keinen Spass. Notensysteme, Prüfungsstress, vermeintliche Ungerechtigkeiten im Unterricht – alles verbesserbar. Was sich aber nicht wegdiskutieren lässt: Ohne Leistung geht es nicht.

Die vielfach proklamierten Alternativen zu Zahlennoten sind, schaut man genauer hin, keine echten Alternativen, denn entweder handelt es sich um geschönte Verbalgutachten oder sie sind in einer Sprache gehalten, die Schüler und Eltern postwendend zur Frage an die Lehrer veranlassen: Welche Note wäre das denn jetzt? Gestehen wir es doch ein: Jahrzehnte pädagogischer Forschung haben Noten und Zeugnisse nicht überflüssig gemacht. Es gibt dazu international zwar mehr als tausend Abhandlungen, vielerlei Modellversuche und eine unüberschaubare Zahl an Pilotprojekten. Aber die in schier undurchdringbarem Fachchinesisch geführte Diskussion um «Rasterzeugnisse», «Bausteinzeugnisse», «Berichtszeugnisse», «Briefzeugnisse», «zuwachsorientierte Leistungstests» und dergleichen mehr konnte nicht verbergen, dass all dies nichts weiter als Notenattrappen sind.

Bei der Diskussion um die Leistungsbewertung in der Schule vergessen wir gerne, dass Noten in der Regel eine motivierende Wirkung entfalten. Erfolgreiches Lernen wird damit im Sinne eines «Weiter so!» bestärkt. Ungenügende Noten sind demgegenüber eine mehr oder weniger deutliche, häufig auch notwendige Aufforderung an alle Beteiligten, über zukünftiges Lern- und Arbeitsverhalten, ja sogar über die zukünftige richtige Schullaufbahn nachzudenken. Hinter schlechten Noten steckt neben Unaufmerksamkeit im Unterricht nämlich meist ein gewachsenes Wissensdefizit, das sich, setzt der Schüler das bisherige Lernverhalten oder den bisherigen Bildungsweg fort, weiter zu vergrössern droht. Zum Popanz werden Noten und in der Folge Zeugnisse nur, wenn Eltern, Schüler oder Lehrer etwas, beispielsweise ein Persönlichkeitsurteil, hineinprojizieren, was Noten und Zeugnisse nicht beinhalten, oder wenn Eltern gar Zuwendung von Noten abhängig machen.

Insgesamt aber gilt: Die Schule kann kein Ort ohne eindeutige Leistungsbilanzen sein, sonst befände sie sich in einem Elfenbeinturm – und das inmitten einer Leistungsgesellschaft. Insofern ist die von Reformpädagogen immer wieder erhobene Forderung, wir müssten von einer Schule wegkommen, die selektioniere, kritisch zu hinterfragen. Soll die Schule ihre Schüler auf ein erfolgreiches Leben in unserer Gesellschaft vorbereiten – und genau das verlangen ja Wirtschaft und Politik –, dann kommt sie am erzieherischen Grundsatz, dass zum Fördern immer auch das Fordern gehört, nicht vorbei.

Mario Andreotti

Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor

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