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Kommentar

Schulen sollen Talente erkennen und fördern, statt bloss auf Defizite zu achten

Der Schweizer Lehrerverband geht davon aus, dass jedes fünfte Kind schulisch besser gefördert werden müsste. Unser Redaktor Yannick Nock schreibt über die Vorteile einer flächendeckenden Begabtenförderung – erst recht im Zeitalter übermotivierter Eltern.
Yannick Nock

Die Lehrer denken um – oder sie versuchen es zumindest. Begabte Schülerinnen und Schüler sollen künftig besser gefördert werden, fordert der Lehrerverband in einem neuen Positionspapier. Die Idee ist richtig. Zu lange setzten die Schulen ihren Fokus auf Defizite. Die lobenswerte Praxis, schwachen Schülern zu helfen, ist mancherorts aus dem Ruder gelaufen. Mittlerweile werden Defizite erkannt, wo keine sind. Die Zahlen sind erdrückend: Laut der Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm haben sechs von zehn Kindern vor der Einschulung eine Form der Therapie hinter sich. Ob die tatsächlich nötig ist, bleibt offen.

Hingegen wird Talent oft übersehen. Die Unterrichtsforschung zeigt, dass jedes fünfte Kind zu mehr fähig wäre, als es leistet. Auch deshalb tun Schulen gut daran, vermeintliche Schwächen nicht zu überschätzen und stattdessen an die Talente der Kinder zu glauben. Eine flächendeckende Begabtenförderung hätte zudem einen weiteren Vorteil: Im Zeitalter übermotivierter Eltern werden oft die falschen Schüler gefördert. Kinder aus Akademikerfamilien sind am Gymnasium übervertreten. Kurse in den Sommerferien, Nachhilfelehrer und Eltern, die eine schlechte Note bis vor Gericht ziehen, verzerren das echte Potenzial. Die Chancengleichheit leidet.

Doch das Bildungsdoping hält nicht lange. Am Gymnasium haben gepushte Kinder meistens Mühe – und werden später ausgesiebt. Sie hätten mehr Talent für eine Lehre gehabt. Was übrigens nicht der schlechtere Weg ist, bloss ein anderer, manchmal mit besseren Berufschancen. Talente erkennen und fördern – egal welche es sind: Das hilft nicht nur den Kindern, sondern auch den Schulen und der Wirtschaft.

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