SCHWARZER BLOCK: «Diese Leute suchen die Gewalt»

Gewalttäter fassen sei schwierig, weil sie sich an Kundgebungen wie derjenigen von Bern in der Masse versteckten, sagt der Sprecher der Zürcher Stadtpolizei. Problematisch sei auch, dass man von vornherein nie wisse, ob eine Veranstaltung eskaliere oder nicht.

Interview Jan Flückiger
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Vermummt, gewaltbereit, mit Pyrofackeln ausgerüstet: Krawallmacher am Samstagabend in Bern. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Vermummt, gewaltbereit, mit Pyrofackeln ausgerüstet: Krawallmacher am Samstagabend in Bern. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Marco Cortesi, Mitglieder des Schwarzen Blocks nutzten am Samstag eine an sich friedliche Tanzdemo, um ihrer Gewalt freien Lauf zu lassen. Auch die Zürcher Polizei hat Erfahrungen mit diesen Leuten von diversen 1.-Mai-Demonstrationen. Was schätzen Sie, wie viele Leute zählt der extrem gewaltbereite Schwarze Block?

Marco Cortesi*: In der ganzen Schweiz sind es etwa 400 bis 500 Leute, in Zürich allein etwa 200 bis 300. Daneben gibt es natürlich diverse Mitläufer, die nicht im selben Ausmass gewaltbereit sind.

Wie kann es sein, dass ein paar hundert Leute in Schweizer Städten regelmässig der Polizei auf der Nase herumtanzen und solchen Schaden anrichten?

Cortesi: Den Polizeieinsatz in Bern will und kann ich nicht beurteilen. Aber grundsätzlich sind natürlich solche Massenveranstaltungen das Problem. Wir kennen das ja von Zürich auch. Die Mitglieder des Schwarzen Blocks mischen sich unter eine Gruppe von an und für sich friedlichen Demonstranten und agieren aus diesem Verbund heraus. Sie verstecken sich in der Masse und können auch auf eine gewisse Solidarität der Gruppe zählen.

Kann man diese Gewalttäter nicht gezielt herauspicken und verhaften?

Cortesi: Das ist sehr schwierig, weil diese Leute alle vermummt und ähnlich angezogen sind. Neben der bereits angesprochenen Solidarität der Masse stellt sich ja auch die Frage, wann sie zugreifen. Angenommen, es hat in einer Gruppe von tausend Demonstranten ein paar Vermummte. Soll die Polizei dann die ganze Demonstration stoppen, nur weil ein paar Vermummte dabei sind? Solange die Veranstaltung friedlich abläuft, hätte die Masse kein Verständnis dafür.

Trotzdem: Es sind ja immer wieder die gleichen Leute dabei. Kennt die Polizei diese namentlich?

Cortesi: Gewisse kennen wir sicher, ja. Die waren auch schon in diversen Strafverfahren. Das sind einfach Leute, die Gewalt suchen, wir treffen sie auch bei Fussballspielen an.

Sind denn die Strafen zu milde, dass sich die Chaoten nicht davon abschrecken lassen?

Cortesi: Ich bin der Meinung, dass das Strafgesetzbuch ausreichend wäre. Die Frage ist wohl eher, ob das mögliche Strafmass immer ausgeschöpft wird. Aber das zu beurteilen, ist nicht Sache der Polizei.

Sie sagen, dass solche Grossanlässe immer eine Gefahr darstellen. Sollte man diese also gar nicht erst zu- lassen?

Cortesi: Auch das muss die Politik entscheiden. Aber selbst wenn ein Anlass nicht bewilligt beziehungsweise toleriert wird: Wenn ein solcher Massenaufruf mal draussen ist, kommen die Leute so oder so. Mit den heutigen Möglichkeiten wie Facebook und SMS verschärft sich die Problematik. Die Schwierigkeit für die Polizei ist, von vornherein zu wissen, ob ein Anlass von den Chaoten missbraucht wird oder nicht. Im letzten Jahr ist der gleiche Anlass in Bern friedlich abgelaufen.

Sie sprechen die neuen Medien an. Wie kann die Polizei auf solche Massenaufrufe reagieren?

Cortesi: Das ist in der Tat ein Problem. Wir haben natürlich öffentliche Foren – auch auf dem Radar –, aber alles können wir nicht wissen. Auch wenn wir frühzeitig erfahren, dass irgendwo eine spontane Party geplant ist, wie sollen wir darauf reagieren? Schicken wir 10 oder 300 Polizisten hin? Oder niemanden? Wir wissen ja nicht, ob eine Veranstaltung eskaliert oder nicht. Hier sind uns auch technisch und gesetzlich die Hände gebunden, wir können ja beispielsweise keine Telefone abhören oder geschlossene Internetforen überwachen.

Müsste man die Veranstalter illegaler Partys vermehrt zur Rechenschaft ziehen?

Cortesi: Die Politik muss sich diesem Phänomen annehmen. Es kann nicht sein, dass sich Veranstalter illegaler Partys oder Demonstrationen einfach in der Anonymität des Internets verstecken können. Aber selbst wenn wir wissen, wer einen Aufruf zur Veranstaltung gemacht hat, nützt das teilweise nichts. Die Person kann sich noch vor der Veranstaltung zurückziehen, doch der Aufruf ist dann bereits draussen, und die Leute kommen trotzdem.

Am 1. Mai war es in Zürich in der Vergangenheit ruhiger als auch schon. Was haben Sie besser gemacht als Ihre Kollegen in Bern?

Cortesi: Zum Berner Polizeieinsatz kann und will ich mich wie gesagt nicht äussern. In Zürich haben wir sicher aus der Vergangenheit gelernt. Dieses Jahr wurde zum Beispiel klar kommuniziert, dass keine Nachdemos toleriert werden. Und wir hatten ein riesiges Polizeiaufgebot. Die technischen Möglichkeiten für die Einsatzplanung und -leitung haben sich zudem verbessert. Man weiss heute immer ganz genau, wer wo im Einsatz ist, und auch das Bildmaterial ist besser. Sicher haben wir taktisch gut agiert, aber entscheidend war auch, dass sich die Leute, die nichts mit dem Schwarzen Block zu tun haben, nicht haben provozieren lassen.

Welche Rolle spielen quasirechtsfreie Räume wie die Berner Reitschule, in die sich Chaoten und gewalttätige Demonstranten immer wieder unbehelligt zurückziehen können?

Cortesi: Zur Berner Reitschule äussere ich mich nicht. Aber eines ist klar: Rechtsfreie Räume sind immer problematisch für einen Polizeieinsatz.

HINWEIS

* Marco Cortesi ist Mediensprecher der Zürcher Stadtpolizei.

Falls Sie über private Videoaufnahmen oder Bilder verfügen, die Sie während der Veranstaltung «Tanz dich frei» in Bern gemacht haben, senden Sie uns diese auf redaktion.online@luzernerzeitung.chFür Angaben zu den Krawallmachern von Bern sowie wenn Sie Bildmaterial haben, das für polizeiliche Ermittlungen von Nutzen sein könnte, wenden Sie sich bitte an die eigens dafür eingerichtete Hotline der Kantonspolizei Bern: 0800 634 634 (jeweils von 8 bis 17 Uhr).