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SCHWEIZ: 10 Gründe, sich auf den 1. August zu freuen

Zum Nationalfeiertag ergehen sich Redner und Schreiber gerne in gewichtigen staatspolitischen Erwägungen. Man kann sich aber auch einfach freuen, und zwar aus exakt zehn Gründen:
Pascal Hollenstein
Illustration: Thomas Werner (Bild: Illustration: Thomas Werner)

Illustration: Thomas Werner (Bild: Illustration: Thomas Werner)

1. Unser Gründungsmythos

Ein freiheitsliebender Bergler mit wohlerzogenem Sprössling, ein finsterer Habsburger als Bösewicht, Gänsehautmomente beim Apfelschuss, Action­szenen im Unwetter und schliesslich ein gepflegter Tyrannenmord aus dem Hinterhalt: Die Tell-Geschichte ist grosses Kino. So gross, dass sie auch Schweizer lieben, die eigentlich aus Gegenden stammen, in denen man von den alten Eidgenossen über Jahrhunderte ausgebeutet und unterjocht wurde. Zweitrangig ist, ob es die Figur überhaupt gegeben hat. Und verzeihlich, dass ausgerechnet ein Deutscher sie zur grossen Literatur gemacht hat. Unser Gründungsmythos hat die erzählerische Kraft, uns zu einen. An den diesjährigen Tell-Festspielen in Interlaken spielen sogar eritreische Flüchtlinge mit. Auch das ist Tells Geschoss.

2. Unsere Politik

Im internationalen Vergleich ist unsere Politik von geradezu atemberaubender Langeweile. Während sich in den USA, in Frankreich, Grossbritannien und sogar im herzigen Österreich wahre Wahl­dramen abspielten, ist die anstehende Bundesratswahl für uns die Klimax des politischen Jahres. Die Partei steht fest, ein bitzeli gestritten wird nur noch darüber, ob es denn der Tessiner sein soll oder vielleicht doch eine Welsche. Wobei auch das im Grunde egal ist, denn ein Bundesrat hat nicht annähernd die Bedeutung eines Staatspräsidenten und ist als einer von sieben Gleichberechtigten jederzeit ersetzbar. Egal wer es nun wird: Eine dramatische politische Wende wird auch diesmal nicht stattfinden, höchstens ein mikroskopisches Schlenkerchen. Und falls die in Bern oben dann doch einmal auf dumme Ideen kommen, gibt es immer noch das Volk. Das hat schon so manchem Bundesrat an der Urne den Meister gezeigt, ohne freilich dass dieser deswegen den Sessel räumen musste. Denn so richtig auf den Mann wird hier selten gespielt. Insofern sind Bundesräte also weniger regierende Minister als Chefbeamte von Parlaments und Volkes Gnaden. Das hat zugegebenermassen wenig Glamour, aber ein solches politisches System lässt uns gut schlafen.

3. Unsere Wirtschaft

Was hat man nicht gewarnt, als der Euro abgeschmiert ist! Verheerungen in der Industrie hat man beschworen, dramatisch steigende Arbeitslosigkeit. Und was ist geworden? Ja, es gab Schwierigkeiten, ja, manch ein Betrieb musste auf die Zähne beissen oder sogar schliessen. Doch in der Summe hat die Schweizer Wirtschaft wieder einmal ihre enorme Widerstandskraft, ihre Anpassungs- und Innovationsfähigkeit gezeigt. Jetzt ist der Euro wieder ganz passabel bewertet, und der Laden brummt weiter. Unsere Wirtschaft sind wir alle. Und unsere Wirtschaft erbringt Tag für Tag Spitzenleistungen, die uns wohlhabend machen. Womöglich ist die Schweiz deshalb so langweilig (vgl. 2). Oder ist die politische Berechenbarkeit (vgl. 2) der wichtigste Grund für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft? Henne und Ei – uns sei es einerlei.

4. Unsere lieben Nachbarn

Was würden wir bloss ohne die Deutschen, die Franzosen und die Italiener machen? Lebten die Schweizer auf einer Insel, dann gäben sich Romands, Tessiner und Deutschschweizer bestimmt täglich tüchtig aufs Dach. Oder sie würden gemeinsam die Rätoromanen plagen. Irgendwie müssten wir uns ja beschäftigen auf unserem Eiland. Nur: Wir leben eben nicht auf einer Insel. Und können uns daher trefflich über die lieben Nachbarn ärgern. Ein wenig Fluglärm oder ein verhafteter dubioser Schlapphut werden da schnell einmal zur Staatsaffäre. Mit wohligem Schauern beobachtet der Genfer die französische Dauerkrise, und der Tessiner schüttelt angesichts der italienischen Politwirren hochnäsig den Kopf. Unsere Nachbarn erst geben uns die Gewissheit, dass wir zusammengehören und dass es uns – im Vergleich – eigentlich recht gut geht. Ein herzlicher Dank gebührt in diesem Zusammenhang auch den Brüsseler EU-Bürokraten und allen Finanzministern der Eurozone und den Österreichern und den Liechtensteinern ohnehin. Sie stärken unser Selbstbewusstsein ungemein. Ein jedes Land muss schliesslich auch auf andere väterlich wohlwollend hinunterschauen können. Und Österreicherwitze sind zwar politisch inkorrekt, aber grossartig.

5. Die Schweizer (I)

Die Erkenntnis ist nicht neu, aber immer wieder interessant: Die Schweizer gibt es nicht. Wir haben keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Kultur, keine gemeinsame Konfession. Und eine Abstammungsgemeinschaft behauptet schon gar niemand. Der Schweizer ist erstens ein historisches Zufallsprodukt, zweitens oftmals ein Migrant in erster, zweiter oder dritter Generation. Drittens ist er wenn schon vor allem Kantonsbürger. Und viertens ist er ohnehin Angehöriger einer oder gar mehrerer Minderheiten. Das ist kompliziert, bunt und bereichernd. Les Suisses n’existent pas. Faszinierend.

6. Die Schweizer (II)

Was, uns gibt es nicht? Ja, so ist es. Oder auch nicht: Schweizer gibt es jedenfalls nicht einfach so, sie müssen sich ständig neu erfinden. Unser Land ist ein unlogisches Gebilde mit unlogischen Grenzen. Ein historischer Zufall, nicht mehr. Aber die Bewohner dieses einst bitterarmen Flecken Landes haben Grosses aufgebaut: eine funktionierende Demokratie (vgl. 2), eine schlagkräftige Wirtschaft (vgl. 3) – und eine Gesellschaft vor allem, die Leistung anerkennt wie kaum eine andere und dennoch nicht aus den Fugen gerät. Die Schweizer zeigen der Welt, wie Minderheiten zusammenleben können, ohne dass es zum Knall kommt (vgl. auch 4), und wie man auch weitere Minderheiten integrieren kann. Kaum ein anderes Land hat, bezogen auf seine Grösse, einen derart hohen Anteil an Migranten. Und doch ist es fast immer gelungen, diese Neuankömmlinge einzugliedern, gewissermassen zu verschweizern, ohne dass diese ihren Hintergrund verleugnen mussten. Darauf darf die Schweiz stolz sein. Und eine Zürcher Versicherungsgesellschaft, die Mitarbeitern rät, ihre ausländisch klingenden Namen zu unterschlagen, muss sich fragen, ob sie den Namen unseres Landes eigentlich zu Recht in ihrer Marke führt.

7. Unsere Sorgen

Ja, haben wir auch. Jeder hat Sorgen. Aber verglichen mit denjenigen, die man sich in anderen Ländern machen muss, sind die hiesigen im Grunde kaum der Rede wert. Also lassen wir es hier.

8. Unsere Sicherheit

Kriminalität, militärische Bedrohung, Terrorismus – im Grunde leben wir eben doch auf einer Insel. Oder zumindest fast. Manches mag mit eigenen Leistungen zu tun haben (vgl. 2, 3, 6, 9), bisweilen hat die Schweiz aber auch einfach Glück gehabt. Auch darüber kann man sich freuen (vgl. 7).

9. Unsere Beamten

Effizient, in der Regel freundlich, dienstleistungsorientiert, gut ausgebildet, pragmatisch und praktisch korruptionsfrei: Die Schweizer Staatsbediensteten begegnen den Bürgern in der Regel auf Augenhöhe und machen einen hervorragenden Job. Wer schon einmal mit Ämtern im Ausland zu tun hatte, wird in dieses Loblied vorbehaltlos einstimmen. Liegt es daran, dass der Bürger im direktdemokratischen Staat naturgemäss eine engere Kontrolle über den Apparat hat (vgl. 2) und bürokratischer Firlefanz deshalb niedrig gehalten werden kann? Oder widerspiegeln die hiesigen Beamten ganz einfach schweizerische Sekundärtugenden, wie sie auch in der Wirtschaft zu finden sind (3)? Fakt ist: Die Beamten in der Schweiz sind eine Klasse für sich. Vor allem wenn man deren Zahl immer wieder kritisch überprüft.

10. Unser Fest

An Nationalfeiertagen in anderen Ländern fliegen Kampfjets in Formation, es gibt Paraden und pompöse Festakte. In der Schweiz gibt es in der Gemeinde eine kurze Ansprache (vgl. 2), gerne mit etwas Schiller (vgl. 1), es wird grilliert und womöglich etwas Feuerwerk abgebrannt. Einen eigentlichen nationalen Festakt gibt es nicht, die zahlreichen Minderheiten (vgl. 5) feiern in freier Kombination (vgl. 6). Das ist in aller Regel angenehm pathosfrei, so wie auch der Schweizerpsalm im Grunde vor allem ein gesungener Wetterbericht ist. Gut, Bundespräsidentin Doris Leuthard (vgl. 2) wird sich am Fernsehen an die lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger wenden, aber das war es denn schon an staatstragendem Lametta. Gut so. Und eigentlich der schönste aller Gründe, sich auf den 1. August zu freuen.

Pascal Hollenstein, Publizistischer Leiter

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