SCHWEIZ: Die Lehrer fühlen sich unterbezahlt

Lehrerlöhne können mit jenen aus der Privatwirtschaft nicht mithalten, sagt eine Studie. Der Dachverband der Lehrer sieht rot.

Andrée Stössel
Merken
Drucken
Teilen
Die Lehrerlöhne sollen bis 2018 angehoben werden, fordert der Dachverband der Lehrer – sonst gebe es nicht mehr genügend Lehrernachwuchs. (Bild: Getty/Bearbeitung Janina Noser/Quelle: LCH)

Die Lehrerlöhne sollen bis 2018 angehoben werden, fordert der Dachverband der Lehrer – sonst gebe es nicht mehr genügend Lehrernachwuchs. (Bild: Getty/Bearbeitung Janina Noser/Quelle: LCH)

Der Ruf der Lehrerverbände nach höheren Löhnen ist nicht neu. Die neuesten Zahlen des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) zeigen derweil einmal mehr: Lehrerlöhne lassen zu wünschen übrig. Bis zu 39 Prozent mehr würden Lehrer in anderen Branchen für anforderungsgleiche Arbeiten verdienen. Dies geht aus einer Studie hervor, die der LCH für den Kanton Aargau in Auftrag gegeben hat und gestern in Zürich präsentierte. Das Beispiel bezieht sich auf einen Primarlehrer mit zehn Jahren Berufserfahrung gegenüber einer vergleichbaren Stelle in der Finanzbranche.

Unterbezahlung bis 2018 beheben

Angesichts des Mangels an qualifizierten Lehrern fordert der Dachverband rasches Handeln: Die Unterbezahlung soll bis 2018 behoben werden – etwas, das man in den letzten 20 Jahren versäumt habe. «Nur so lässt sich in Zukunft genügend Lehrernachwuchs rekrutieren, der auch bereit ist, im Beruf zu bleiben», sagt Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des LCH, auf Anfrage. «Wir wissen aus Studien und Berichten, dass viele junge Leute sich heute gegen den Lehrerberuf entscheiden, weil ihnen der Lohn zu tief ist.» Und: «Eine Firma, die händeringend Personal sucht und gleichzeitig die Löhne drückt – das gibt es nirgends.»

Gemäss der Studie sind Aargauer Primarlehrerinnen mit einem Einstiegslohn von 77 000 Franken pro Jahr «von Anfang an» im Nachteil. Lehrer in den Sekundarstufen I und II (knapp 88 000 Franken) und Berufsschullehrer (rund 96 000 Franken) könnten zwar beim Einstiegslohn zum Teil mit anderen Branchen mithalten, würden aber im Verlauf von zehn Jahren ebenfalls hinter die Vergleichssektoren – Finanzdienstleistungen, öffentliche Verwaltung und übrige Industrie – zurückfallen. Mittelschullehrer steigen konkurrenzfähig ein, sind aber nach einigen Jahren ebenfalls im Rückstand: Der Einstiegslohn beträgt etwas mehr als 102 000 Franken, nach zehn Jahren rund 125 000 Franken.

Zur «misslichen Lohnsituation», so der LCH, trage auch bei, dass die Teuerung in der Vergangenheit nicht immer ausgeglichen wurde. Auch die Lohnperspektive müsse verlässlicher werden, weshalb der LCH eine gesetzlich verankerte Lohnentwicklung verlangt: «Lehrerinnen und Lehrer kennen in der Regel keine eigentliche Berufskarriere mit Aussicht auf mehr Lohn, wie dies in anderen Branchen üblich ist», sagt Peterhans.

Viele steigen aus

Die Forderungen des LCH seien umso dringlicher, als sich der Mangel an Lehrern durch steigende Schülerzahlen und eine Pensionierungswelle weiter verschärfen werde. Es sei nicht nur wichtig, neue Lehrer zu rekrutieren, sondern diese auch im Beruf zu halten. «Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass viele Lehrer nach wenigen Jahren aus dem Beruf aussteigen.» 16 Prozent kehren dem Lehrerberuf demnach bereits im ersten Jahr den Rücken, nach fünf Jahren ist ein Viertel weg und nach zehn Jahren die Hälfte. Dies lässt sich aber teilweise wohl auch mit dem grossen Anteil an Frauen in der Branche erklären, die sich nach einer gewissen Zeit aufgrund einer Mutterschaft aus dem Beruf zurückziehen.

Zwar sei nicht allein das Geld ausschlaggebend für den Entscheid, Lehrer zu werden, räumt Peterhans ein. «Die Kompatibilität von Job und Familie ist vergleichsweise gut, und es gibt die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten. Wenn das aber der einzige Attraktivitätsvorteil wird, dann haben wir ein Problem.» Wenn alle am Ende nur noch in Teilzeit arbeiten würden, gäbe es plötzlich Klassen mit acht Lehrern schon auf der Primarstufe, kritisiert Peterhans. Der Betrieb sei so fast nicht mehr organisierbar.

Auch den viel genannten Ferienvorteil relativiert Peterhans: Eine Arbeitszeiterhebung im Jahr 2008 habe ergeben, dass ein Lehrer mit einer Vollzeitstelle in der Woche durchschnittlich 49 Stunden arbeitet. «Im Jahr sind das drei Wochen länger als das Soll.» Unterrichtsfreie Zeit sei nicht nur arbeitsfreie Zeit. Deshalb müssten die hohen Anforderungen ans Lehrpersonal auch entsprechend entlöhnt werden. «Die Bildung als Ressource unserer Gesellschaft muss einfach gut bleiben.»