SCHWEIZ: «Die Leute tauchten Setzlinge in Gülle»

Die Kinder grasten wie Vieh, Soldaten bewachten Felder: der Historiker Daniel Krämer über die Folgen eines Vulkanausbruchs vor genau 200 Jahren für die Zentralschweiz.

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In ihrer Not assen die Menschen (wie in der Ostschweiz) sogar Gras. (Bild: Staatsarchiv Nidwalden: P 82/1; Daniel Krämer/ Toggenburger Museum, Lichtensteig)

In ihrer Not assen die Menschen (wie in der Ostschweiz) sogar Gras. (Bild: Staatsarchiv Nidwalden: P 82/1; Daniel Krämer/ Toggenburger Museum, Lichtensteig)

interview kari kälin

Daniel Krämer, vor 200 Jahren brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus und löste in Europa und der Schweiz eine Hungerkrise aus. Erkannten die Zeitgenossen diesen Zusammenhang?

Daniel Krämer: Nein. Man wusste zwar Bescheid über den Vulkanausbruch, den Zusammenhang mit dem Klima entdeckten Forscher aber erst 100 Jahre später.

Die Durchschnittstemperaturen sanken aber deutlich, 1816 ging in West- und Mitteleuropa sowie im Nordosten der USA als «Jahr ohne Sommer» in die Geschichte ein. Wo orteten die Menschen damals die Gründe für die markante Wetterveränderung?

Krämer: Es gab verschiedene Interpretationen. Zum Teil glaubten die Leute, die Blitzableiter seien schuld, weil sie die elektrischen Ströme im Erdinnern verändern würden. Auch Sonnenflecken, das grossflächige Abholzen von Wäldern oder das Vordringen des arktischen Eises wurden als mögliche Ursachen aufgeführt. Die Folgen des Vulkanausbruches beschäftigte die Leute aber viel stärker als die Ursachenforschung.

Sie meinen die Hungersnot 1816/17.

Krämer: Genau. Die Menschen hatten vor allem ein Ziel: Es musste genügend Nahrung auf den Teller kommen. In Schweizer Zeitungen fand man Ratschläge, wie man ungewohnte Nahrungsmittel zubereiten sollte, ohne sich Magen-Darm-Krankheiten einzufangen. Man machte sich Gedanken, wie Hunger und Armut am besten zu bekämpfen wären.

Welche Folgen hatte das sonnenarme Jahr auf den Alltag?

Krämer: Wegen der Missernte stiegen die Nahrungsmittelpreise massiv an. In Genf zum Beispiel betrug die Teuerung innerhalb eines Jahres 227, in Rorschach sogar 587 Prozent. Familien gaben zu dieser Zeit im Durchschnitt 60 bis 70 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Eine solche Teuerungsspirale stellte viele Familien vor massive Probleme. Die Leute konnten sich quasi nichts mehr leisten. Darunter litten auch die Handwerker, die ihre Produkte nicht mehr verkaufen konnten.

In welchen Regionen der Schweiz herrschte der grösste Notstand?

Krämer: Vor allem in den Ostschweizer Kantonen St. Gallen, Appenzell, Thurgau und auch in Glarus war die Hungersnot offen sichtbar. Einzelne Appenzeller Gemeinden verloren bis zu 10 Prozent ihrer Bevölkerung. In den übrigen Landesteilen hinterliess die Hungersnot vergleichsweise wenig demografische Spuren. Die Geburtenrate sank allgemein, weil die Frauen wegen der mangelhaften Ernährung teilweise unfruchtbar waren.

Weshalb wütete die Hungersnot vor allem in der Ostschweiz?

Krämer: Die Ostschweiz war dichter besiedelt und stärker industrialisiert, wies dafür aber einen geringeren Selbstversorgungsgrad auf als die Westschweiz. Die Ostschweiz lieferte Textilien nach Süddeutschland und importierte im Gegenzug Getreide. Angesichts der Missernten schränkte man in Süddeutschland den Export ein. Auch innerhalb der Schweiz verhängten die Kantone Exportsperren und belieferten einander nicht mehr oder nur noch beschränkt mit Nahrungsmitteln. Die Ostschweiz stand somit buchstäblich vor dem Nichts.

Wie präsentierte sich die Lage in der Zentralschweiz?

Krämer: Diese Region kam relativ glimpflich davon. Der Kanton Nidwalden etwa profitierte stark davon, dass man viel Vieh und Käse hatte. Dies war wichtig für die Proteinversorgung. Die Zentralschweiz war weniger dicht bevölkert als die Ostschweiz. Auch deshalb starben nur vereinzelt Personen an Hunger.

Es gibt aber auch zum Beispiel aus dem Kanton Schwyz – Berichte, wonach Kinder im Gras weideten wie Schafe.

Krämer: Tatsächlich fand man Gras im Magen von toten Menschen. Es herrschte in der ganzen Schweiz grosser Mangel. Die Leute tauchten Kartoffelsetzlinge in Gülle, damit sie nicht schon wieder, kaum hatte man sie gesetzt, ausgegraben wurden. An vielen Orten bewachten Soldaten Felder. Im Kanton Uri verstarb eine Frau sogar an den Folgen einer Schussverletzung. In Nidwalden wurden zum letzten Mal in der Geschichte des Kantons auch Diebe hingerichtet.

Wie reagierten die Kantone und Gemeinden auf die Krise?

Krämer: Wie immer bei einem Anstieg der Nahrungsmittelpreise versuchten sie, Angebot und Nachfrage zu steuern. Man führte Exportbeschränkungen ein und versuchte, sich im Ausland mit Getreide einzudecken. Man verbot, aus Kartoffeln und Obst Schnaps zu produzieren. Zudem ordneten die Behörden auch Bittgänge und Wallfahrten an. Die Nidwaldner etwa pilgerten 1816 zu Bruder Klaus, ein Jahr später aber fehlte das Geld für einen Kreuzgang nach Einsiedeln.

Der Stanser Maler Martin Obersteg schrieb 1817 in sein Tagebuch, er hätte Angst, von den armen Leuten aufgefressen zu werden, wenn er nicht so mager wäre. Schildert das die ganze Dramatik?

Krämer: Oberstegs Beschreibungen sind sehr plastisch, aber nicht übertrieben. Wenn in jenem Jahr die Ernte abermals mager gewesen wäre, hätte dies in der Schweiz zu einer grösseren demografischen Katastrophe geführt. Obersteg gehörte der Oberschicht an und litt sicher weniger stark unter der Hungerkrise als die Durchschnittsbürger. Wer genügend Geld hatte, konnte sich relativ gut über Wasser halten.

Welche Lehren zog man aus der ­Krise?

Krämer: Man setzte noch stärker auf den Kartoffelanbau, den man bereits 1770, nach der letzten grossen Ernährungskrise, als wirksames Mittel gegen den Hunger gefördert hatte. Man modernisierte die Landwirtschaft und versuchte, die Erträge zu optimieren. Man realisierte auch, dass die christliche Nächstenliebe an ihre Grenze stiess, und institutionalisierte die Armenhilfe.

Wie veränderte die Hungerkrise den Blick der Gesellschaft auf die Armut?

Krämer: Vor der Krise galt Armut oft als selbst verschuldet. In der Krisenzeit realisierte die Gesellschaft, dass es auch strukturelle Gründe für die Armut gab. Ein Blick in die Ostschweiz mit der darbenden Textilindustrie genügte.

HINWEIS

Der Historiker Daniel Krämer (38) stammt aus Stans. Der Titel seiner Dissertation lautet: «Menschen grasten nun mit dem Vieh. Die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17.» Krämer ist Mitglied des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern.

Selbst grosser Reichtum bewahrte nicht vor dem Tod. Dies zeigt das Bild des Stanser Malers Martin Obersteg von 1816. (Bild: Staatsarchiv Nidwalden: P 82/1; Daniel Krämer/ Toggenburger Museum, Lichtensteig)

Selbst grosser Reichtum bewahrte nicht vor dem Tod. Dies zeigt das Bild des Stanser Malers Martin Obersteg von 1816. (Bild: Staatsarchiv Nidwalden: P 82/1; Daniel Krämer/ Toggenburger Museum, Lichtensteig)