SCHWEIZER GESCHICHTE: Als die Katholiken sich zankten

Die Staatsgründung von 1848 erfolgte angesichts des Kulturkampfes unter schwierigen Bedingungen. Tempi passati – aber können wir aus heutiger Sicht etwas lernen von der damaligen Situation?

Andreas Faessler
Drucken
Teilen
Der Kulturkampf im 19. Jahrhundert fand hauptsächlich unter den Katholiken statt. Bild:

Der Kulturkampf im 19. Jahrhundert fand hauptsächlich unter den Katholiken statt. Bild:

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die Emanzipation von der Kirche war im 19. Jahrhundert eine der prägendsten Bewegungen in der Schweizer Gesellschaft. Über Jahrhunderte war die Kirche mit der staatlichen Macht fest verflochten. Doch mit dem Streben nach einem neuen Nationalstaat wurde auch die Forderung nach einer Reorganisation des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche immer lauter. Letztere soll weniger Einfluss auf die Gesellschaft ausüben können.

In den 1830er-Jahren entbrannten zwischen liberal Denkenden und Konservativen immer heftigere Auseinandersetzungen, die 1847 im sogenannten Sonderbundskrieg ihren Höhepunkt fanden – kurz vor der Gründung des Bundesstaates.

Hauptsächlich eine katholische Angelegenheit

Vergangene Woche sprachen in Zug zwei ausgewiesene Fach­leute – die Schriftsteller Pirmin Meier und Josef Lang – über den Schweizer Kulturkampf und die damals turbulenten Verhältnisse in der Gesellschaft. Im Rahmen dessen stellten sie ihr Buch zu dieser komplexen Thematik vor (siehe Box). Das Publikumsinteresse war sehr gross.

Mag man beim Begriff Kulturkampf als Erstes an die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Reformierten denken, so handelte es sich jedoch hauptsächlich um innerkatholische Konflikte. Es formierten sich liberale und konservative Lager. Erstere wollten die Kirche demokratisieren und liberalisieren und forderten einen Nationalstaat. «Das Problem für die Staatsgründung war nicht etwa der Kantönligeist, sondern die konfessionelle Spaltung», führt ­Josef Lang hierzu aus. Die Liberalen standen vor einer sehr schwierigen Aufgabe, die Gründung des Nationalstaates von 1848 fand unter wirklich prekären Bedingungen statt. Der Bundesrat fürchtete gar, der Kulturkampf würde das Land ruinieren.

Die Lage spitzte sich vor allem in den 1870er-Jahren dramatisch zu, der Streit zwischen liberalen und konservativen Katholiken nahm zuweilen bizarre Formen an. Die Liberalen zankten sich etwa darum, wie die Kopfbedeckung der Nonnen auszusehen habe. Oder aus der Gemeinde Baar beispielsweise ist – so weiss Josef Lang – überliefert, dass es tagtäglich wüste Schlägereien zwischen den beiden Lagern gegeben habe – wegen Nichtigkeiten –, man sich innerhalb der Pfarrei zerworfen habe: Die Liberalen standen auf des Pfarrhelfers Seite, die Konservativen auf derjenigen des Pfarrers. Selbst die Raumaufteilung im Pfarrhaus war wiederholt Anlass für heftiges Gezeter. Konservative Zuger wollten liberale Errungenschaften rückgängig machen. Hatten schliesslich die Gemässigten die Oberhand, waren bald wieder die Radikalen am Drücker. Die Lage war unübersichtlich.

Um 1875 erlebten die Konservativen eine grosse Niederlage – dies allerdings ganz knapp: Das Volk stimmte für die Zivilehe. Ein grosser Schritt in der Emanzipation von der katholischen Kirche. «Erst ab 1880 ebbte der Kulturkampf ab, und es stellte sich allmählich eine Versöhnungspolitik ein», so Josef Lang.

Kein Beispiel für heutige Kulturkampf-Fragen

Kulturkämpfe finden auch heute noch an vielen Orten und in mancherlei Kontext statt. «Aber der Kulturkampf, wie er in der Schweiz des 19. Jahrhunderts geführt worden ist, kann mit den Konflikten, die uns heutzutage beschäftigen, nicht verglichen werden. Das wäre sehr heikel», mahnt Josef Lang. Dennoch gibt es Parallelen, Nachwirkungen, und wichtige Fragestellungen von heute gründen in der Zeit des Kulturkampfes von einst – aus dem wir in der Gegenwart Lehren ziehen können.

Eine Erkenntnis führt Josef Lang an: Wichtig sei es zu beachten, dass der Glaube als solcher nicht in Frage gestellt werde. Andere Religionen gelte es als Glaubensform zu respektieren. Es sollten jedoch die Einflüsse aus den entsprechenden Ländern unterbunden werden, die über die Religion als reine Form des Glaubens hinausgehen. «Eine geistliche Gerichtsbarkeit», so zieht Josef Lang einen Schluss, «darf es nicht mehr geben.»