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Konkurrenz aus dem Ausland: Schweizer Hilfswerke in Not

Schweizerinnen und Schweizer sind spendierfreudig wie nie. Hilfswerke wie das Rote Kreuz oder Heks sehen allerdings immer mehr Geld ins Ausland abfliessen. Der Entwicklungshilfe stehen unsichere Zeiten bevor.
Daniel Fuchs
Mitarbeiter des Roten Kreuzes versorgen Menschen, die der tropische Wirbelsturm «Idai» in Moçambique obdachlos gemacht hat, mit Hilfsgütern. Bild: Denis Onyodi/EPA (21. März 2019)

Mitarbeiter des Roten Kreuzes versorgen Menschen, die der tropische Wirbelsturm «Idai» in Moçambique obdachlos gemacht hat, mit Hilfsgütern. Bild: Denis Onyodi/EPA (21. März 2019)

Heks muss den Gürtel enger schnallen. Vor kurzem publizierte das Hilfswerk der Evangelischen Landeskirchen schlechte Geschäftszahlen. Vor allem rückläufige Spendeneinnahmen haben dazu geführt, dass die Organisation dieses Jahr die Entwicklungszusammenarbeit in Moldawien, Simbabwe und Indien beenden muss. Das trifft in erster Linie die Menschen dort. Ihnen hätten die Programme geholfen. Doch Heks muss auch 25 Mitarbeitenden kündigen, wie ein Sprecher auf Anfrage sagt. 19 davon im Ausland, 6 in der Schweiz.

Zwar konnten sich die Hilfswerke letztes Jahr über einen Spendenrekord freuen. Insgesamt 1,85 Milliarden Franken spendeten Schweizerinnen und Schweizer 2017 an Organisationen wie Heks, Caritas oder Helvetas. Noch nie griffen Herr und Frau Schweizer tiefer ins Portemonnaie für die Hilfswerke. Doch profitierten von der wachsenden Spendierfreudigkeit nicht alle Werke in der Schweiz gleichermassen. Und im Kampf um Spendengelder erwächst neue Konkurrenz. «Immer häufiger wollen sehr potente Organisationen aus dem Ausland auch ein Stück von diesem Spendenkuchen», schreibt Heks.

Sorgen wegen einer zunehmenden ausländischen Konkurrenz macht sich auch das Schweizerische Rote Kreuz und Hilfswerke wie Caritas oder Fastenopfer.

Schwierigkeiten am Markt

Dass die Schweiz ein attraktiver Spendenmarkt ist, zeigen Vergleiche unter den Ländern. So spenden laut der Schweizerischen Zertifizierungsstelle für Hilfswerke 80 Prozent der Schweizer Haushalte Beträge. Das Land belege damit einen Top-Platz. In Frankreich, Österreich und Schweden spenden um die 60 Prozent der Haushalte, in Spanien oder Italien sind es gerade einmal 20 Prozent.

Die zunehmende Konkurrenz betrifft jedoch nicht nur das Anzapfen von Spendengeldern. Schweizer Hilfsorganisationen beklagen auch ungleich lange Spiesse, wenn es um staatliche Aufträge geht. So berücksichtige der Bund bei Vergaben im Bereich der Entwicklungshilfe auch ausländische Hilfsorganisationen, während Schweizer Werke am Zugang zu EU-Ausschreibungen gehemmt oder ganz gehindert würden.

Und als würden die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht reichen, türmen sich nun noch dunklere Wolken auf. Vor allem bürgerliche Politiker fordern, dass die Entwicklungshilfe der Schweiz stärker den Interessen des Landes dient. Gelder sollen primär dort eingesetzt werden, wo sie eine Wirkung auf die Migration nach Europa erzielen.

Entwicklungspolitik wird neu justiert

Die Hilfe der Schweiz im Ausland rückt zunehmend auf die politische Agenda. Das empfindet auch Hugo Fasel so. Am Telefon sagt der Freiburger Alt-Nationalrat und Direktor von Caritas Schweiz: «Dass Sie gerade jetzt über Entwicklungszusammenarbeit schreiben, ist kein Zufall. Die war in den Medien lange Zeit ja gar kein Thema.» Fasel ist überzeugt, dass für die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit und damit auch für Schweizer Hilfswerke kein Stein auf dem anderen bleibe.

«Wir erleben vielleicht gerade die bewegteste Zeit, seit es überhaupt Entwicklungszusammenarbeit gibt.»

Jedenfalls wird die Entwicklungspolitik der Schweiz derzeit neu justiert. Vergangenen Sommer kündigte der Bundesrat an, die Entwicklungshilfe müsse sich mehr an Schweizer Interessen orientieren. Zwar betrifft eine solche Richtungsänderung in erster Linie die staatliche Entwicklungszusammenarbeit. Doch auch die Hilfswerke warten gespannt darauf, welche Richtung der Bundesrat nun einschlagen wird. Immerhin profitieren auch sie von staatlichen Mitteln. Im Jahr 2017 waren es knapp 200 Millionen Franken.

Die generelle Stossrichtung der Reform ist bereits bekannt, doch für Caritas-Direktor Fasel und Mark Herkenrath von Alliance Sud, der Interessenorganisation mehrerer Schweizer Hilfswerke, ist diese zu vage. Insbesondere über die Frage, wie man die Migration hemmen soll, tobt ein Richtungsstreit. Herkenrath sagt:

«Neue Studien zeigen klar, dass Entwicklungszusammenarbeit den Migrationsdruck lindern kann, jedoch nur wenn sie im richtigen Bereich angesetzt wird.»

Herkenrath weiss aus Studien, dass Entwicklungshilfe migrationshemmend wirkt, wenn sie zum Beispiel bei der Gesundheitsförderung oder Bildung ansetzt. Herkenrath vermutet jedoch, der Bundesrat könnte seinen Fokus auf die Wirtschaftsförderung, zum Beispiel in nordafrikanischen Staaten legen. Dies, so Herkenrath, wirke sich weniger migrationshemmend aus.

Hoffen auf Rot-Grün

Wie also weiter in der Entwicklungshilfe? Welche Prioritäten setzen? Politisch stochern die Schweizer Entwicklungshelfer im Dunkeln. Und weil gerade Wahljahr ist, droht weiteres Ungemach. Ein neuer Vorschlag hätte massive Auswirkungen auf die internationale Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz.

Doch auch die Hilfswerke hoffen auf die Wahlen im Oktober. Schafft es das Thema der Stunde – der Klimawandel –über den Sommer in den Wahlherbst, wäre ein Erstarken des links-grünen Lagers durchaus denkbar. Links-Grün ist nicht nur klimafreundlicher eingestellt, sondern auch weniger skeptisch gegenüber der Entwicklungshilfe.

So steht es um einzelne Hilfswerke

Schweizerisches Rotes Kreuz: Bei der Organisation mit Sitz in Bern rechnet man mit einem Spendenrückgang. Die älteste Hilfsorganisation der Schweiz ist zugleich die grösste. Eine Sprecherin schreibt, die Organisation verfüge über genügend Reserven, und man rechne nicht mit vorzeitigen Abbau- oder Rückzugsmassnahmen. Spendeneinnahmen 2017: 39 Mio. Fr.

Helvetas: Die Organisation mit Sitz in Zürich verzeichnete letztes Jahr zunehmende Spendeneinnahmen. Helvetas profitiert am meisten von staatlichen Entwicklungsgeldern. Auch diese konfessionell unabhängige Organisation spürt die Umwälzungen durch die Politik und nennt als einziges der angefragten Hilfswerke offen Hoffnungen auf einen Linksrutsch im Parlament. Spendeneinnahmen 2017: 28 Mio. Fr.

Brot für alle: Die Stiftung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds mit Sitz in Bern konnte in den vergangenen Jahren leicht steigende Spendeneinnahmen verzeichnen. Die Organisation blickt besorgt auf die Forderungen aus der Politik, wonach die Entwicklungszusammenarbeit Schweizer Interessen dienen müsse. Spendeneinnahmen 2017: 12 Mio. Fr.

Fastenopfer: Das römisch-katholische Hilfswerk mit Sitz in Luzern meldet «stabile Erträge in einem kompetitiven Umfeld». Immer mehr Akteure würden um die Gunst der Spender buhlen. Die Organisation rechnet in der laufenden Periode mit einem Defizit von einer Million Franken. Hohe Investitionskosten zur Verbesserung des Fundraising seien der Grund. Spendeneinnahmen 2017: 23 Mio. Fr.

Caritas: Das katholische Hilfswerk mit Sitz in Luzern spricht von einer «sehr treuen und motivierten Spenderschaft» und zeigt sich allgemein zufrieden mit der Spendenentwicklung. Nach Angaben von Caritas-Schweiz-Direktor Hugo Fasel waren die Spendeneinnahmen auch im letzten Jahr kontinuierlich angestiegen. Spendeneinnahmen: 34 Mio. Fr.

Heks: Das Hilfswerk der Evangelischen Landeskirchen musste im vergangenen Jahr einen überdurchschnittlichen Spendenrückgang hinnehmen. Um die Finanzen ins Lot zu bringen, vermeldete die Organisation mit Sitz in Zürich vergangene Woche den Rückzug aus drei Ländern (Moldawien, Simbabwe und Indien) sowie eine Konzentration der Tätigkeiten. Spendeneinnahmen 2017: 26 Mio. Fr.

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