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SCHWEIZERPSALM: «Die Hymne soll integrierend wirken»

Der neue Text der Nationalhymne stösst auf Widerstand. Dessen Schöpfer Werner Widmer (63) kann das nicht verstehen.
Interview Richard Clavadetscher
Werner Widmer hat mit seinem neuen Hymnentext den Wettbewerb der gemeinnützigen Gesellschaft gewonnen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Werner Widmer hat mit seinem neuen Hymnentext den Wettbewerb der gemeinnützigen Gesellschaft gewonnen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Interview Richard Clavadetscher

Werner Widmer, Sie haben den Künstlerwettbewerb der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft gewonnen mit Ihrem neuen Text für die bestehende Nationalhymne. Wie kommt denn ein Ökonom und Konservatoriums-Absolvent dazu, ausgerechnet einen neuen Text zu verfassen?

Werner Widmer: Ich habe einmal gelernt, wie man einen Text zu einer Melodie verfasst, worauf es ankommt. Das Handwerk also kannte ich. Und als dann die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft den Wettbewerb ausschrieb, hat mich das interessiert.

Gab es einen Schlüsselmoment, an dem Sie sagten: Jetzt mache ich das!

Widmer: Nein, den gab es nicht. Es hat mich sofort interessiert, als ich vom Wettbewerb Kenntnis genommen habe.

Welchen Stellenwert hat die Nationalhymne für Sie persönlich?

Widmer: In ergreifenden Momenten, wenn etwa eine Schweizerin oder ein Schweizer bei der Siegerehrung an Olympischen Spielen die Goldmedaille erhält, am 1. August oder zum Auftakt eines Länderspiels der Fussball-Nationalmannschaft, ist die Nationalhymne für mich persönlich von Bedeutung. Und dann finde ich es jeweils schade, dass da ein Text gesungen werden muss, den erstens fast niemand kennt und mit dem zweitens fast niemand etwas anfangen kann.

Ihr Hymnentext ist insofern stark, als er die Schweiz so beschreibt, wie wir sie gerne sehen. Was hat Ihnen geholfen, diese Worte zu finden?

Widmer: Ich habe mich stark an die Präambel der Bundesverfassung angelehnt. Das war ja auch die Vorgabe der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Als Gesundheitsökonom finde ich es aber auch persönlich wichtig, dass wir die Werte, die in der Bundesverfassung am Anfang stehen, bewusster leben in der Schweiz. Die Herausforderung war, diese Begriffe passend auf die Melodie zu bringen.

Sie haben also die Präambel der Bundesverfassung in den Text gefasst?

Widmer: Genau. Konkret ging es darum, zu schauen, wo die Melodie zum Beispiel einen Höhepunkt hat. Dort musste ein wichtiges Wort platziert werden – Freiheit etwa. Und wo die Melodie sich eher beruhigt, passt ein Wort wie Frieden hin. Man muss also schauen, dass Melodie und Text dramaturgisch zusammenpassen. Nicht nur rhythmisch muss es stimmen, sondern auch inhaltlich.

Ihr Text ist frei von Pathos, und auch zu Gott wird nicht mehr gebetet. Eine Konzession an den Zeitgeist?

Widmer: Nein, darum ging es mir nicht. Schauen Sie, eine Nationalhymne sollte doch von allen gesungen werden können – also auch von Menschen, die nicht an Gott glauben. Eine Hymne soll integrierend wirken – nicht trennend. Gleichzeitig sind aber die Werte, die im Text genannt werden, sehr wohl christlich: Solidarität mit den Schwachen, Gerechtigkeit, Frieden.

Ihr Text ist ja schon eine Weile online. Was gibt es denn für Reaktionen darauf?

Widmer: (lacht) Ich höre vor allem die positiven Reaktionen. Meistens heisst es, mein Text spreche an, sei einfach zu singen, und er sei verständlicher als der heutige Text. Anderseits habe ich auch schon gehört, mein Text sei zwar besser – aber wir sollten doch beim bestehenden bleiben. Darin kommt eine konservative Grundhaltung zum Ausdruck, die ich nicht verstehe.

Bei der Revision der Bundesverfassung gab es seinerzeit die Diskussion, ob sie «im Namen Gottes» verfasst werden soll oder ohne. Gott hat gesiegt. Gibt es keine Kritik an Ihrem Text, weil Gott darin nicht mehr vorkommt?

Widmer: Doch, diese Kritik gibt es. Meine Antwort ist dann immer dieselbe: Gott kommt zwar namentlich nicht vor, aber seine Attribute, sein Wille kommen sehr stark zum Ausdruck durch die gewählten Begriffe – Begriffe, die auch die Bibel verwendet, wenn sie beschreibt, wie Menschen miteinander umgehen sollen.

Das Besondere an Ihrem Text ist, dass er eine Strophe hat, in der alle Landessprachen vorkommen. Deutschschweizer, Welsche, Tessiner und Rätoromanen sollen die Hymne also miteinander singen – nicht nebeneinander her?

Widmer: Das war die Idee der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Nachdem sie meinen Text professionell in die drei Landessprachen übersetzen liess, hat sie eine für die ganze Schweiz gemeinsame zweite Strophe zusammengestellt: Die ersten drei Zeilen auf Deutsch, die folgenden Zeilen auf Französisch, dann Rätoromanisch und die Schlusszeilen auf Italienisch.

Es erstaunt, dass die Melodie der Hymne Sie nicht stört. Ohne instrumentale Begleitung und von nicht sehr begabten Sängern intoniert, wird daraus schnell ein Jammergesang. Müsste nicht auch eine bessere Melodie her?

Widmer: Ich finde die Melodie durchaus singbar. Man kann sie schon singen, doch, doch! Wenn die Worte gut dazu passen, man sich an ihnen orientieren kann, dann geht das schon. Eine neue Melodie zu machen, hätte ich nicht gewagt. In der Schweiz ist es ja schon schwierig, mit einem neuen Text Akzeptanz zu finden. Wer nun auch gleich noch eine neue Melodie will, der ist chancenlos. Dass die jetzige Hymne oft wie ein Jammergesang klingt, liegt eher am Text und daran, dass sie meist viel zu langsam gespielt und gesungen wird.

Wenn Sie etwa das wunderschöne «Fratelli d’Italia» hören, haben Sie nie den Gedanken, eine solche Melodie sollten wir auch haben?

Widmer: Das ist vielleicht einmal in Zukunft möglich. Wenn der neue Text offiziell ist, kann man vielleicht in zehn Jahren darüber nachdenken, ob man eine neue Melodie zum Text möchte.

Ihr Text ist seit geraumer Zeit öffentlich. Welche Chancen geben Sie ihm, dass er als offiziell erklärt wird?

Widmer: Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft versucht nun, den Text zu verbreiten. Das führt hoffentlich zu einer positiven Grundstimmung in der Bevölkerung und zur Akzeptanz des Textes. Am Nationalfeiertag gibt es jetzt schon Gemeinden, in denen beide Texte gesungen werden. Sollte diese positive Grundstimmung einmal vorherrschen, wird abzuklären sein, ob es im Parlament eine Mehrheit für den neuen Text gibt. Ist das dann der Fall, wird jemand aus der Mitte der Parlamentarier wohl einen entsprechenden Antrag stellen. Dies wird sicher ein paar Jahre dauern. Dabei soll man nicht vergessen, dass auch der bestehende Text bereits mehr als 140 Jahre alt war, als er 1981 vom Bundesrat zur Nationalhymne erkoren wurde.

Und Sie sind guter Hoffnung, dass es gut herauskommt in Ihrem Sinn?

Widmer: Selbstverständlich würde mich das freuen. Ehrlich gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer den alten, doch eher unverständlichen Text vorziehen würde.

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