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Schweizweite Panne mit Notrufsystem weitet sich aus: Auch Altersheime betroffen

In zahlreichen Schweizer Kliniken funktioniert seit dem Jahreswechsel wegen einer Softwarepanne der Notrufknopf an den Spitalbetten nicht mehr richtig. Jetzt zeigen watson-Recherchen: Auch Alters- und Behindertenheime sind betroffen. Die Panne könnte noch Tage andauern.
Camille Kündig, Adrian Müller/Watson
Brisant: Der Alarmknopf am Spitalbett, mit dem Patienten um Hilfe rufen können, war in vielen Schweizer Spitälern ausser Betrieb.(Symbolbild: Boris Bürgisser)

Brisant: Der Alarmknopf am Spitalbett, mit dem Patienten um Hilfe rufen können, war in vielen Schweizer Spitälern ausser Betrieb.(Symbolbild: Boris Bürgisser)

Die Vorstellung ist schrecklich. Man liegt hilflos im Spitalbett, drückt den Notfallknopf neben dem Bett – und nichts passiert, kein Alarm geht los. Wie watson berichtete, ist genau dies schweizweit seit der Silvesternacht in zahlreichen Kliniken passiert. Schuld für den schweizweiten Ausfall ist ein Software-Fehler. Teilweise schlagen Patienten und Bewohner nun per Babyphone oder Glocke Alarm.

Wie Recherchen von watson zeigen, streikte in zahlreichen Schweizer Spitälern ab Punkt 00.01 Uhr am 1. Januar das Patientenrufsystem. Betroffen sind die Universitätsspitäler Zürich, Basel und das Inselspital Bern, das Luzerner Kantonsspital, das Kantonsspital Aarau, das Zuger Kantonsspital, ein Standort des Freiburger Spitals HFR sowie vereinzelte Abteilungen der Solothurner Spitäler sowie des Kantonsspitals St.Gallen.

In den Spitälern sorgte die Panne für heikle Situationen. Lois*, auf Besuch bei einem Verwandten im Kantonsspital Aarau, sagt zu watson: «Der Patient im Nebenbett röchelte und drückte den Alarmknopf mehrfach – doch niemand kam.»

Jetzt zeigen weitere Recherchen das Ausmass des massiven Systemausfalls: Auch zahlreiche Alters- und Behindertenwohnheime sind betroffen.

Die Tertianum Gruppe etwa, einer der grössten Betreiber von Seniorenheimen in der Schweiz, hat mit der Störung zu kämpfen. «Bei zwei Betrieben funktionieren die Notruf-Systeme noch nicht. Unser Personal macht darum zusätzliche Patrouillen und prüft regelmässig, ob bei den Bewohnern alles in Ordnung ist», sagt Tertianum-Sprecher Roger Zintl.

«Der Patient im Nebenbett röchelte und drückte den Alarmknopf mehrfach – doch niemand kam», sagte ein Spital-Besucher.

Auch bei den Pflegezentren der Stadt Zürich ist das System bei zwei der neun Betriebe ausgefallen. Das hat weitreichende Folgen. Anita Meier, Sprecherin des Gesundheits- und Umweltdepartements, sagt: « Wir mussten kurzfristig mehr Nachtwachen aufbieten. Die Probleme konnten inzwischen grösstenteils behoben werden.»

In den Wohnheimen Rossfeld für Menschen mit körperlicher Behinderung in der Stadt Bern ist das System laut Informationen von watson ebenfalls down. Man habe den Bewohnern Babyphones verteilt, für alle habe es nicht gereicht: «Zahlreiche Bewohner haben schlaflose Nächte. Aus Angst, man werde bei einem Problem nicht hören», so eine Person aus dem Umfeld des Heims. Die Stiftung Rossfeld war für eine offizielle Stellungnahme bisher nicht erreichbar.

«Zahlreiche Bewohner haben schlaflose Nächte aus Angst, man hört sie nicht.»

Babyphones und mehr Personal im Einsatz

Um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten, baten einige der genannten Spitäler zusätzliches Personal auf. Mitarbeitende patrouillierten auf den Korridoren, um Bedürfnissen und dringlichen Rufen der Patienten beizukommen.

In vielen Stationen wurden extra die Türen zu den Patientenzimmern offen gelassen. Das Luzerner Kantonsspital hat das «Dispositiv besondere Lagen» (Notfall-/Krisenmanagement) aktiviert. In einigen Fällen schlugen Patienten in Luzern notgedrungen auch per Babyphone Alarm, wie eine Sprecherin mitteilt. Und an den betroffenen Standorten der Solothurner Spitäler erhielten die Patienten Glocken, um nach den Pflegern und Ärzten zu rufen.

Die Krankenhäuser sind in unterschiedlichem Ausmass betroffen. In manchen Abteilungen stieg das ganze Notfallknopf-System aus. Die Patienten konnten also so oft Alarm schlagen, wie sie wollten, niemand bekam es mit. In anderen Fällen gab lediglich die Ton- und Leuchtfunktion in den Korridoren den Geist auf. Via Monitoren in den Stationszimmern konnte das Personal theoretisch weiter sehen, wenn jemand das Notfallsystem betätigte.

Software-Fehler ist schuld — Panne dauert teilweise an

Der Software-GAU ereignete sich um am 1. Januar um 0.01. Die Panne trat also durch den Jahreswechsel 2018/19 auf und erinnert so an den befürchteten Millenium-Bug, die Angst vor dem Crash diverser Informatiksysteme an der Jahrtausendwende. Der akutelle Softwarefehler bewirkte, dass die LED-Anzeigen der Displays mehr Strom bezogen. Dadurch brach das Datenübertragungssystem teilweise zusammen.

In gewissen Spitälern ist die Panne inzwischen behoben. Nicht so am Universitätsspital Basel. Sprecher Thomas Pfluger sagte am Donnerstagnachmittag auf Anfrage: «Inzwischen können etwa 80 Prozent der Patienten den Patientenruf wieder verwenden». Auch im Kantonsspital Aarau dauerte die Panne am Donnerstag noch an. Um derartige Vorfälle künftig auszuschliessen, läuft laut mehreren Spitalverantwortlichen derzeit eine detaillierte Untersuchung.

Der Hersteller des fehlerhaften Systems ist die Firma Gets MSS SA in Lausanne. Von der Panne betroffen sind laut einer Sprecherin schweizweit rund 400 Institutionen.

Das Unternehmen gibt an, am 2. Januar ein «fehlerbehebendes Update» aufgeschaltet zu haben. «Damit war das Notruf-System einen Tag später in vielen Spitälern und Wohnheimen wieder zu 90 Prozent funktionsfähig.» Wegen der grossen Anzahl Unternehmen, die das Gets-System nutzen, würden sich gewisse Institutionen aber bis nächste Woche gedulden müssen.

*Name geändert.

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