Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Eine Ordensschwester kämpft gegen das Zölibat

Die Bündner Gemeinde Brigels hat ihren Pfarrer verloren, weil er eine Frau liebt. Jetzt fordert Laienschwester Florentina Camartin Papst Franziskus mit einer Online-Petition zu Reformen auf.
Kari Kälin
Florentina Camartin wendet sich direkt an Papst Franziskus. (Bild: Privatarchiv)

Florentina Camartin wendet sich direkt an Papst Franziskus. (Bild: Privatarchiv)

Marcel Köhle war beliebt. Der Seelsorgerrat der Pfarrei Brigels im Kanton Graubünden bezeichnet ihn als «engagierten, offenen, sehr geschätzten Seelsorger». Umso stärker bedauern die Gläubigen, dass er an einem Sonntag im Juli unvermittelt seinen Rücktritt als Pfarrer bekannt gab. Der 35-Jährige hat sich in eine Frau verliebt, will die Beziehung öffentlich leben. Doch das verstösst gegen das Versprechen der Ehelosigkeit, das katholische Priester abgeben – und halten müssen, wollen sie im Amt bleiben.

In der betroffenen Gemeinde mit ihren rund 1500 Einwohnern regt sich Widerstand gegen das Liebesverbot für die Priester. Der Seelsorgerrat von Brigels rief Papst Franziskus vor wenigen Wochen in einem offenen Brief dazu auf, das Pflichtzölibat abzuschaffen. Der päpstliche Botschafter in der Schweiz, Erzbischof Thomas Edward Gullick­son, hat dem Seelsorgerrat versichert, das Schreiben an den Vatikan weiterzuleiten.

600 Personen haben schon unterschrieben

Seit letztem Freitag läuft jetzt auch eine Online-Petition mit der gleichen Stossrichtung. Initiantin ist die 75-jährige Florentina Camartin aus Brigels, die selber auf eine Ehe verzichtet hat und während 39 Jahren als Ordensschwester für das Kloster Ingenbohl wirkte. Seit 2009 ist die Schriftstellerin Mitglied des dritten Ordens des heiligen Franziskus, eines Laienordens.

Die Demission Köhles, der in der Surselva vier Gemeinden betreute, hat sie getroffen. «Ohne Pfarrer verkümmert die Pfarrei, das kirchliche Leben wird lahmgelegt. Ich bin überzeugt, dass das Zölibat manche junge Männer davon abhält, Priester zu werden», sagt sie. Camartin betont, die allermeisten Gläubigen in der Pfarrei hätten kein Problem mit der Tatsache, dass Köhle eine Frau liebe. «Schliesslich hat Gott den Menschen mit seinen emotionalen Bedürfnissen und mit seiner Sexualität geschaffen und selber festgestellt, dass dies gut ist», sagt sie mit Verweis auf das Buch Genesis. Sie selber lebt weiterhin aus Überzeugung zölibatär.

Bis gestern Nachmittag haben rund 600 Personen die Petition unterschrieben. In der Bittschrift fordert sie Papst Franziskus dazu auf, neben freiwillig enthaltsamen auch verheiratete Männer zum Priesteramt zuzulassen. Bei wie vielen Unterschriften sie die Petition nach Rom schicken will, lässt sie offen. Sie hofft aber, dass Tausende Personen, auch aus dem Ausland, das Anliegen unterstützen.

Sep Cathomas, Präsident der Kirchgemeinde Brigels, begrüsst Camartins Aktion. «Damit kann die Basis ein grosses Anliegen öffentlich zum Ausdruck bringen», sagt der ehemalige CVP-Nationalrat. Für die Gläubigen wartet er mit guten Neuigkeiten auf: Ab Anfang nächsten Jahres hat Brigels wieder einen eigenen Pfarrer. Es handelt sich um einen Gottesmann aus Indien, der vorher in Deutschland im Bistum Aachen als Seelsorger wirkte.

Papst Franziskus hat sich bisher ablehnend zu einem freiwilligen Zölibat geäussert. Das sei «keine Lösung», sagte er im Frühling 2017 in einem Interview mit der Zeitung «Die Zeit». Er könnte sich aber vorstellen, darüber nachzudenken, «viri probati» zu Priestern zu weihen. Bei «viri probati» handelt es sich um verheiratete Männer, die sich nach katholischen Massstäben im Leben bewährt haben.

Zölibat wird und wurde laufend gebrochen

Unter der Ägide von Papst Innozenz II. wurde das Zölibat im Jahr 1139 im Kirchenrecht verankert. Ein bedeutendes Motiv war wirtschaftlicher Natur. Die Kirche wollte dafür sorgen, dass der Besitz eines Priesters nicht an seine Kinder überging, sondern ihr erhalten blieb. Das Zölibat hat noch immer Bestand, obwohl es früher wie heute laufend missachtet wurde und wird.

Für die Frauen mit einem heimlichen Verhältnis zu einem Priester bedeutet die mittelalterliche Regelung eine grosse Belastung. Werden die Gottesmänner Vater, verzichten die Frauen oft auf die Anerkennung der Vaterschaft, weil sie die Priester schützen wollen. Der Verein für vom Zölibat betroffene Frauen (Zöfra) hat Kenntnis von mehr als 500 Frauen in der Schweiz, die eine versteckte Beziehung zu einem Priester haben oder hatten. Dabei wurden mehr als 100 Kinder gezeugt. Manchmal sind Kirchenmänner regelrechte Schürzenjäger – wie ein polnischer Priester, der laut Zöfra in sechs Jahren mit vier Frauen liiert war.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.