Rebords Rücktritt ist Amherds Chance

Bundesrätin Viola Amherd (CVP) muss zwei ihrer höchsten Generäle ersetzen. Die erste Schweizer Verteidigungsministerin will die Chance nutzen, den Kulturwandel in der Armee sowie die Frauenförderung voranzutreiben.

Henry Habegger
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Armeechef Philippe Rebord erklärte an der gestrigen Medienkonferenz seinen vorzeitigen Rücktritt. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Armeechef Philippe Rebord erklärte an der gestrigen Medienkonferenz seinen vorzeitigen Rücktritt. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Der Dreisternegeneral antwortet zunächst mit vorwurfsvollem Blick. Die offensichtlich ketzerische Frage lautete: Ob er seine Hüfte nicht am liebsten sofort operieren lassen würde. Dann sagt er: «Diese Frage stellt sich nicht», verfügt Philippe Rebord (61). Will heissen: Der oberste Soldat der Schweiz hat einen Auftrag, er ist Chef der Armee, und diesen Auftrag hat er zu erfüllen. Genau so lange, bis der Bundesrat den Nachfolger bestimmt hat und dieser ins Amt eingeführt ist. Er hat schon lange Hüftprobleme, aber die unvermeidliche Operation verschiebt er auf die Zeit nach seiner Pensionierung Ende Jahr. «Mein Arzt», so Rebord, «ist einverstanden.» Dabei wurde am Rand der Medienkonferenz zum Rücktritt deutlich, dass der Mann leidet. Nur mit Mühe und unter offensichtlichen Schmerzen konnte er sich bücken und seine braune Ledermappe behändigen. Ja, «ständig» habe er Schmerzen, stellt Rebord fest, «beim Stehen und beim Gehen». Der General hat sich selbst eine Durchhalteparole ausgegeben: «Ich werde mich durchbeissen», erklärt Rebord.

Bundesrätin Viola Amherd (CVP), erste Frau an der Spitze des Verteidigungsdepartements, muss bereits nach drei Monaten im Amt einen neuen höchsten General suchen. «Ich war wirklich froh, auf den Chef der Armee Rebord zählen zu können», so Amherd am Donnerstag. «Wir haben uns sehr gut verstanden, ich bedaure diesen Abgang sehr.» Rebord habe sie viel gelehrt in diesen ersten Monaten. Amherd ist dabei, die Armee umzubauen, deren gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen, den kläglich tiefen Frauenanteil zu steigern, einen inneren Kulturwandel bei der Truppe, aber auch in den Köpfen der Generäle und der Bürokraten herbeizuführen. Sie hat einige grosse Brocken vor sich: die Beschaffung neuer Kampfjets etwa. «Rebord hat den angestrebten Kulturwandel zu 100 Prozent unterstützt», lobt Amherd im Gespräch. Was sie an ihm besonders schätzt? «Seine besonnene und ruhige Art. Seine sehr menschliche Art zu führen.»

Ärztepfusch auf Kreuzfahrt

Der Romand hätte eigentlich noch bis Ende 2020 Chef der Armee bleiben sollen. Doch dann kam die Kreuzfahrt, die sich der Armeechef und seine Frau Ende 2018 leisteten. Auf dem Flug in die Karibik erlitt Rebord eine schwere Thrombose, unter deren Nachwirkungen er noch heute leidet. Wie er erzählt, stellte der Arzt auf dem Kreuzfahrtschiff eine falsche Diagnose. Als sich der Zustand nicht verbesserte, brachte Frau Rebord ihren Mann nach zehn Tagen bei einem Landausflug in ein Spital. Dort, dem Vernehmen nach in Guadeloupe, diagnostizierte man eine Thrombose.

Rebord habe viel Glück gehabt, die Sache überstanden zu haben, heisst es im VBS. Der Armeechef selbst scherzt, er werde den Namen des Schiffes nicht nennen: «Das wäre keine gute Reklame für die Firma.» Weniger Tränen als dem Armeechef dürfte Bundesrätin Amherd Daniel Baumgartner nachweinen, Ausbildungschef und Korpskommandant. Baumgartner, seit der Affäre um Spesenexzesse angeschlagen, hat die Bundesrätin um seine Versetzung gebeten. Ihm winkt, sofern der Bundesrat zustimmt, die Stelle des Verteidigungsattachés in Washington. Ein typischer Posten für ­Offiziere, die in der Zentrale gerade nicht wohlgelitten sind.

Rebords Abgang ist aber auch «eine Chance», wie Amherd selbst angibt. Sie hat jetzt die Möglichkeit, eine Persönlichkeit ihrer Wahl an die Spitze der Armee zu setzen. Wobei die Walliser Magistratin sofort korrigiert: «Der Bundesrat wird auswählen.» Wer sich etwas im VBS umhört, der stellt fest, dass Rebord sich anstrengte, den verlangten Kulturwandel umzusetzen. «Er machte, was er konnte», heisst es. Andererseits gehörte Rebord noch zu den Leuten, die unter dem ehemaligen Armeechef André Blattmann gross geworden waren. Und das war ein Handicap, denn das «System Blattmann» war berüchtigt: Karriere machte, wer spurte, wer sich dem «Sonnenkönig» Blattmann nicht in den Weg stellte. Es herrschte eine Günstlingswirtschaft, die Klima und Qualität in der Armee wenig zuträglich war.

Dieses System will Amherd endgültig überwinden. Sie höre zu, führe offen und transparent und über die Linie, über ihren Generalsekretär Tony Eder, sagen Insider. Das wird als positiv und Teil der neuen Kultur wahrgenommen, denn: «Früher lief vieles hintendurch», sagt einer. Wichtiger Bestandteil des Kulturwandels in der Armee sind Frauen. Während der abtretende Armeechef am Donnerstag konsequent von einem «Nachfolger» sprach, sagte die Chefin: Die von ihr eingesetzte Findungskommission werde sich auf die Suche nach einem «Nachfolger oder einer Nachfolgerin» machen.

Ein Zeichen für Frauen setzen

Im Gespräch macht Amherd klar: «Wir lassen offen, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Es geht darum zu zeigen, dass wir unvoreingenommen an die Arbeit gehen.» So oder so würden ihr die nun folgenden Auswahlverfahren Gelegenheit geben, sich einen vertieften Überblick über die Armeekader zu verschaffen. Weil sich das Jobkarussell nun bis nach ganz oben dreht, erhält Amherd die Möglichkeit, gezielt mehr Frauen in hohe und höchste Positionen nachzuziehen. Aber das allein reicht nicht, weiss Amherd: «Frauenförderung fängt an der Basis an.» Da hat sie ziemlich viel zu tun: 2017 waren von knapp 160 000 Armeeangehörigen gerade mal 1100 weiblichen Geschlechts.

Es gibt derzeit eine Frau, der Chancen auf die Rebord-Nachfolge eingeräumt werden: Brigadier Germaine Seewer (54), Kommandant der Führungsunterstützungsbrigade 41, ehemals Chef Personelles der Armee. Als derzeit chancenreichste Anwärter gelten aber Männer wie Hans-Peter Walser (55), Kommandant der Territorialdivision 2 in Aarau, und Claude Meier (54), Chef des Armeestabs.