SEXISMUS: Aufschrei: «Ich will mich nicht mehr wehren müssen!»

Ein Artikel im deutschen Magazin «Stern» hat eine heftige Debatte über Sexismus im Alltag ausgelöst. Doch wo liegt die Grenze zwischen harmlosem Flirt und sexueller Belästigung?

Barbara Inglin
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Frauen haben genug von sexistischen Sprüchen. (Symbolbild Keystone)

Frauen haben genug von sexistischen Sprüchen. (Symbolbild Keystone)

Ein plumper Altherrenwitz über ein Dirndl sorgt in Deutschland für grosse Empörung (siehe Kasten). Und auch in der Schweiz sorgt ein Sexismus-Vorwurf für Schlagzeilen. Der Chef des Bundesamtes für Statistik soll sich laut «Sonntagszeitung» anzüglich über grosse Brüste und schöne Pos geäussert und sexistische und schwulenfeindliche Witze gemacht haben (er weist die Vorwürfe von sich).

Bis vor kurzem hätten viele darüber noch gelacht und Sprüche geklopft. Doch jetzt traut sich kaum mehr einer. Denn in Deutschland hat der Dirndl-Witz eine mittlerweile weltweit beachtete Sexismusdebatte ausgelöst. Oder besser gesagt, einen Aufschrei. Unter dem Stichwort «Aufschrei» rief die 31-jährige Anne Wizorek auf dem Netzwerk Twitter dazu auf, Erlebnisse zu Alltagssexismus zu sammeln. Allein in den ersten drei Tagen kamen über 60 000 Einträge zusammen. Im englischsprachigen Raum wurde die Aktion unter dem Namen «Outcry» kopiert. Es melden sich vor allem jüngere Frauen, eine Generation, die bisher nicht mit feministischen Äusserungen von sich hören machte. Die schiere Menge der Einträge macht deutlich, was auch eine kurze Umfrage im weiblichen Freundeskreis bestätigt: Jede Frau wurde schon auf die eine oder andere Art Opfer von sexistischem Verhalten.

Abwertende und obszöne Sprüche

Aufgeführt auf der «Aufschrei»-Seite werden Fälle wie diese: Der Fahrlehrer sagt zur Schülerin: «Ganz vorsichtig mit dem Schaltknüppel. Wie bei einem Mann.» – In der Sitzung kommt die Frage auf, wer das Protokoll schreibt. Alle Blicke wandern zur einzigen Frau im Meeting. – Eine Frau geht an einer Gruppe fremder Männer vorbei, einer sagt «Fotze». Alle lachen. – Eine Politjournalistin wird gefragt: «Wie kommt eine Frau dazu, so schwierige Themen wie Verteidigungs-, Europa- und Aussenpolitik zu bearbeiten?» – Der Chef sagt zur mit Rock bekleideten Angestellten: «Wenn Sie sich so anziehen, kann ich für nichts garantieren.»

Die Beispiele zeigen: Es geht in der Diskussion nicht um schwere Übergriffe wie Nötigung oder Vergewaltigung, die gesellschaftlich klar geächtet sind. Es geht um einen Graubereich. Was der Absender vielleicht als lustigen Witz beurteilt, empfindet der Empfänger als Beleidigung oder Belästigung. Von Sexismus spricht man per Definition dann, wenn jemand aufgrund des Geschlechts diskriminiert wird.

Für Milena Wegelin, Fachfrau für sexuelle Gewalt bei der Hilfsorganisation Terre des Femmes Schweiz, handelt es sich bei dummen Sprüchen bereits klar um sexuelle Belästigung. «Sexistische Witze, In-den-Ausschnitt-starren und anzügliche Bemerkungen sind ganz klar als sexistische Grenzüberschreitungen zu benennen. Man kann nicht von Grenzbereichen sprechen», sagt sie. «Unter sexuelle Belästigung fällt jedes Verhalten mit sexuellem Bezug, das von einer Seite unerwünscht ist. Die von den Medien teilweise aufgegriffene Bezeichnung Herrenwitz für sexuelle Grenzüberschreitungen ist mehr als eine Verharmlosung, es ist ein Skandal.»

Was darf man denn noch?

Vor allem Männer geben sich ob der Sexismus-Diskussion verunsichert bis verärgert, wie ein Blick in Internetforen zeigt. Darf man denn gar nichts mehr?, fragen sie. Ein Kompliment für die schönen Beine im Minirock, ein flotter Anmachspruch an der Bar, ein schlüpfriger und überhaupt nicht böse gemeinter Witz im Büro, alles verboten? Darf man überhaupt noch flirten, oder steht man gleich unter Sexismusverdacht? Und: Machen Frauen nicht genauso Sprüche über ihre männlichen Kollegen? Auch Frauen werfen die Frage auf: Wozu putzen wir uns heraus, wenn wir dann jeden Blick in den Ausschnitt als Belästigung empfinden? Wehrt euch doch einfach, dumme Sprüche kann man kontern oder ignorieren, meinen sie.

Die Einwände sind zwar verständlich, sie verkennen aber das Problem. Erstens kann sich längst nicht jede betroffene Person wehren. Das gilt gerade dann, wenn es um Abhängigkeitsverhältnisse geht. «Wenn ich mich gegen anzügliche Sprüche meines Chefs wehre, werde ich im besten Fall als Zicke bezeichnet – im schlimmsten Fall bin ich den Job los», schreibt eine Userin auf Twitter. Auch die Anmache des Experten bei der Fahrprüfung und jene des Mathelehrers lassen sich nicht so leicht kontern, wenn man mögliche Konsequenzen wie schlechte Testresultate fürchtet. Und selbst bei den Arbeitskollegen auf gleicher Hierarchiestufe gilt: Man kann sie sich nicht aussuchen. Bleibt die Belästigung im Graubereich der dummen Sprüche, ist es schwierig, dagegen vorzugehen, wenn der Sprücheklopfer nicht auf die Abweisung reagiert. Ebenfalls nur schwer zur Wehr setzen kann sich frau, wenn ihr in der Öffentlichkeit unverblümt jemand an den Po fasst, ganz offensichtlich ihre Brüste fotografiert oder vor ihr onaniert – alles Beispiele aus der «Aufschrei»-Kampagne.

«Es gibt klare Trennlinien»

Doch wo liegt genau die Grenze zwischen harmlosem Flirt und sexueller Belästigung? «Es gibt eine klare Trennlinie», sagt Milena Wegelin von Terre de Femmes. «Ein Flirt beruht immer auf freiwilliger Gegenseitigkeit von zwei Personen. Sexuelle Belästigung hingegen ist von einer Seite unerwünscht, da sie die Würde der Person verletzt. Anstand und Respekt vor der Würde unserer Mitmenschen bedeutet auch, dass wir Signale der anderen Person wahrnehmen, wahrhaben und Grenzen einhalten.» Es darf also im Büro und an der Bar weiter geflirtet werden – solange ein Nein akzeptiert und Macht nicht ausgenützt wird.

«Nur normal behandelt werden»

Der «Aufschrei»-Fraktion im Netz geht es nicht um einen Wehrt-euch-Mädels-Aufruf. Im Gegenteil. Vielmehr kritisiert sie die Tatsache, dass sich Frauen überhaupt wehren müssen. «Da raten Frauen zu Selbstverteidigungskursen, haha. Ich will mich nicht verteidigen. Ich will nur normal behandelt werden», schreibt eine Userin. Ein anderer Eintrag lautet: «Boah, wann checken die das endlich, ich will mich nicht mehr wehren müssen!»