SICHERHEIT: «Das wird das Risiko erhöhen»

Nach Paris werde es mehr professionelle Anschläge durch Einzeltäter geben, sagt Terrorexpertin Christina Schori Liang. Die Schweiz bleibe aber vergleichsweise sicher.

Roseline Troxler
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Eine Gruppe einer französischen Spezialeinheit macht sich in Dammartin-en-Goële, 40 Kilometer nordöstlich von Paris, für ihren Einsatz bereit. (Bild: EPA/Etienne Laurent)

Eine Gruppe einer französischen Spezialeinheit macht sich in Dammartin-en-Goële, 40 Kilometer nordöstlich von Paris, für ihren Einsatz bereit. (Bild: EPA/Etienne Laurent)

«Die Anschläge islamistischer Einzeltäter werden immer ausgereifter und professioneller»: Diesen Schluss aus den Attentaten von Paris zieht Christina Schori Liang, Dozentin am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. Und die Vorfälle nehmen zu, sagt die Spezialistin für Terrorismus und organisierte Kriminalität: vom Attentat in Ottawa (Kanada), bei dem Ende Oktober zwei Menschen starben, über jenes von Sydney (Australien) Mitte Dezember mit drei Toten bis hin zu den Attacken in Paris.

In den sozialen Medien hätten prominente Mitglieder von Terrororganisationen wie dem selbst ernannten Islamischen Staat (IS) die Anschläge von Paris in den höchsten Tönen gelobt, hat Schori Liang beobachtet. «Das wird das Risiko erhöhen, dass radikalisierte Einzeltäter kleinere Attentate in westeuropäischen Städten verüben», fürchtet sie. Zumal diese «einsamen Wölfe» immer besser vorbereitet seien und ausgeklügelter vorgingen. So habe mindestens einer der beiden Brüder Kouachi, denen die Bluttat bei «Charlie Hebdo» angelastet wird, eine militärische Ausbildung absolviert. Davon könnten sich Nachahmungstäter inspirieren lassen.

Die Terrorexpertin geht davon aus, dass Personen, die im Hintergrund an früheren Attentaten beteiligt waren, bei der Planung und Koordination weiterer Anschläge mitmachen. «Das Auftauchen solcher Akteure steigert die Bedrohung für westliche Nationen, insbesondere solcher mit vielen Dschihad-Rückkehrern», warnt sie. Denn die Latte bezüglich Professionalität derartiger Angriffe sei nun höher gelegt.

Die Todesliste

Deswegen in der Schweiz die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen, hält Schori Liang indes nicht für notwendig. «Die Schweiz ist nach wie vor nicht auf dem Radar der Islamisten», erklärt die Expertin. Hierzulande seien die Muslime besser integriert, und es gebe nur wenige Dschihad-Reisende. Daran hätten die Vorfälle von Paris nichts geändert.

Allerdings müssten sich nun Personen, Unternehmen und Organisationen in Acht nehmen, welche als Feinde des Islams und des Dschihads wahrgenommen würden – zum Beispiel, weil sie den Propheten Mohammed beleidigten. Schliesslich sei das Motiv für den Angriff auf «Charlie Hebdo» Rache gewesen: Chefredaktor Stéphane Charbonnier figurierte zusammen mit zehn weiteren Personen wie dem Schriftsteller Salman Rushdie auf der «Most wanted list», der Liste der zehn meistgesuchten Personen der el Kaida, die im Internet kursiert. Gleich nach den Anschlägen wurde sein Bild rot durchgestrichen.

Wobei sich gemäss Schori Liang zeigte, dass jahrelanger Polizeischutz durch einzelne Beamte wenig nützt. Effektiven Schutz biete nur massives Polizeiaufgebot samt Gebäudeschutz, wie er für das Redaktionsgebäude der dänischen Zeitung «Jyllands-Posten» seit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen vor bald zehn Jahren praktiziert werde.

Krieg der Ideologien

Schori Liang bestätigt im Übrigen die Einschätzung der aus Yemen stammenden Politologin Elham Manea, wonach die Attentate in Paris vor dem Hintergrund eines Kampfes um die Vorherrschaft zu sehen sind, welche sich el Kaida und IS liefern (vergleiche gestrige Ausgabe). «Über die Festtage gab es im Internet einen regelrechten Krieg der Ideologien», sagt die Dozentin am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. Dabei gehe es letztlich um die Frage, wer der legitime Erbe von Osama bin Laden sei: sein Nachfolger und El-Kaida-Führer Aiman el-Sawahiri oder Abu Bakr al Baghadadi, der im Namen des IS das Kalifat in Syrien und im Irak ausgerufen hat.