SICHERHEIT: Historiker Jacques Ehrenfreund: «Antisemitismus hat hier wenig Platz»

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) hat sich mit dem Schutz von Juden in Europa und der Schweiz befasst. Historiker Jacques Ehrenfreund von der Universität Lausanne sieht darin auch einen Indikator für den Zustand der Demokratie.

Isabelle Daniel
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Die Realität zeige, dass jüdische Einrichtungen Schutz brauchten, sagt Jacques Ehrenfreund. (Bild: Christian Beutler/KEY (Zürich, 3. Februar 2017))

Die Realität zeige, dass jüdische Einrichtungen Schutz brauchten, sagt Jacques Ehrenfreund. (Bild: Christian Beutler/KEY (Zürich, 3. Februar 2017))

Interview: Isabelle Daniel

Jacques Ehrenfreund, die Delegiertenversammlung SIG hat sich dieses Jahr mit der Sicherheit der Juden in Europa befasst. Haben Juden hierzulande eine Zukunft?

Was wir sehen ist, dass jüdisches Leben in Europa rückläufig ist: Vor 100 Jahren lebten noch rund neun Millionen Juden in Europa, nach dem Zweiten Weltkrieg ­waren es noch drei Millionen, heute sind es nur noch etwa ­ 1,5 Millionen.

Was sind die Gründe für diesen Rückgang?

Zum einen hat das natürlich ­demografische Gründe, so wie in der Mehrheitsgesellschaft auch. Die jüdische Bevölkerung in Europa ist eine alternde Gesellschaft. Eine grosse Rolle spielt aber auch die Abwanderung von Juden. In Frankreich ist das besonders gravierend. Dort ist die jüdische Gemeinschaft in den vergangenen 15 Jahren um rund 20 Prozent geschrumpft – aufgrund von Emigration. In der Schweiz lässt sich dieses Phänomen so nicht beobachten, wobei die jüdische Gemeinde hier sehr viel kleiner ist als beispielsweise in Frankreich.

Sie stammen selbst aus Frankreich, haben lange in Israel gelebt und sind seit einiger Zeit in der Schweiz zu Hause. Fühlen Sie sich als Jude in der Schweiz willkommen?

Ja. Mein Eindruck ist, dass die Schweiz heute sehr offen ist. Antisemitismus hat hier wenig Platz.

Trotzdem kocht auch in der Schweiz regelmässig die Beschneidungsdebatte hoch. Das Schächten von Säuge­tieren ist hier sogar bereits seit dem 19. Jahrhundert verboten.

Ich denke, hier muss man differenzieren. Viele Juden halten sich nicht an die koscheren Essregeln, ausserdem lässt sich koscheres Fleisch importieren. Die Brit Mila (die jüdische Beschneidung) ist jedoch ein ganz ausschlaggebendes jüdisches Ritual. Ohne sie ist jüdisches Leben unmöglich. Ein Beschneidungsverbot wäre daher eindeutig eine Katastrophe, das von vielen Juden als das Ende des europäischen Judentums betrachtet werden würde. Denn in der Geschichte der europäisch-jüdischen Beziehungen wurde ein Verbot der Brit Mila immer als Kampf gegen das Judentum benutzt. Beängstigend für uns Juden in Europa ist, aus welchen Teilen der Gesellschaft die Ablehnung etwa der Beschneidung heute kommt.

Können Sie ausführen, ­welche Teile der Gesellschaft das sind?

Das sind Teile, die aufklärerisch argumentieren. Es scheint, als habe die Aufklärung einen antijüdischen Trend erfahren; als würden ausgerechnet jene, die sich für die Emanzipation starkgemacht haben, heute eine Auffassung der Gesellschaft vertreten, in der das Judentum keinen Platz hat.

Der Bundesrat hat letztes Jahr festgehalten, dass der Schutz jüdischer Einrichtungen ein Thema von nationaler Tragweite sei. Die Finanzierung wollte er aber den jüdischen Gemeinden überlassen. Brauchen jüdische Einrichtungen in der Schweiz staatlichen Schutz?

Überall in Europa stehen jüdische Einrichtungen unter besonderem Schutz, weil sie eine ­Angriffsfläche für Gewalt und Terrorismus sind. Die wichtigste Aufgabe des Staates ist, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen. Daher halte ich es für selbstverständlich, dass die Behörden für diesen Schutz zuständig sind.

Der polizeiliche Schutz jüdischer Einrichtungen hat eine besonders starke Symbolkraft. Befürworter sagen, dass der Staat damit seine besondere Verantwortung für die jüdische Bevölkerung zeigt. Gegner finden hingegen, dass sie damit eher exponiert oder gar isoliert wird.

Ja, es gibt das Argument, dass man die jüdische Bevölkerung durch den Schutz absondert. Die entscheidende Frage ist aber, ob eine besondere Gefahr für die Juden besteht und das tut sie. Die Debatte ist für mich deshalb aus intellektueller Sicht wichtig. Die Realität zeigt aber schlicht, dass wir den Schutz für jüdische Einrichtungen brauchen. Nach dem Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse 2012 wurde in Frankreich die absurde Debatte geführt, ob das Attentat eine Reaktion auf eine angebliche Islamophobie in Frankreich gewesen sei und ob der Hass der Attentäter darauf zurückzuführen sei, dass jüdische Einrichtungen in Frankreich geschützt werden, muslimische aber nicht. Das ist natürlich verrückt. Für die muslimischen Einrichtungen in Europa besteht keine Bedrohungslage. Zum Glück. Wenn es anders wäre, müsste man natürlich auch über deren Schutz diskutieren.

In Frankreich wurde die Bedrohungslage jüdischer Einrichtungen in eine Dis­kussion über Privilegien verkehrt.

Richtig, und das geschieht immer wieder. Nach den Anschlägen auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion und die Geiselnahme im Osten von Paris hat der damalige Premier Manuel Valls einen sehr wichtigen Satz gesagt: «Ohne Juden ist Frankreich nicht mehr Frankreich.» Für manche war das der Beweis dafür, dass Juden von Staats wegen privilegiert seien. Dabei wollte Valls nur sagen, dass, wenn das Leben der Juden in Frankreich in Gefahr ist, das gesamte Wesen der Demokratie in Gefahr ist. Jüdisches Leben hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die europäischen Staaten demokratisch entwickeln. Die Tatsache, dass so viele Juden heute Europa verlassen, zeigt, dass unsere Demokratie gefährdet ist.

Sie haben selbst gesagt, dass die Situation für Juden in der Schweiz sich stark von jener in Frankreich unterscheidet. Hat das vielleicht auch etwas mit dem unterschiedlichen Charakter der beiden Einwanderergesellschaften zu tun?

Man kann nicht einfach den Einwanderern pauschal die Schuld am Antisemitismus zuweisen. Es lässt sich aber dennoch feststellen, dass Einwanderer, besonders aus islamisch geprägten Ländern, eine hohe Quote an antisemitischen Einstellungen aufweisen. Das Schlimme daran ist aber erst einmal nicht das Vorhandensein dieser Einstellungen, sondern, dass die politische Linke in vielen Ländern glaubt, darüber nicht reden zu dürfen, weil eben die Einwanderer selbst mit Rassismus zu kämpfen haben. Ich denke, wir müssen die Schwierigkeit überwinden, sagen zu können, dass muslimische Einwanderer oft Rassismus erleben, dass aber in derselben Bevölkerungsgruppe oft auch Antisemitismus auftritt. Opfer können eben auch Täter sein.