SICHERHEIT: In der Freizeit wirds gefährlich

Seit 75 Jahren versucht die Beratungsstelle für Unfallverhütung die Zahl der Unfälle in der Schweiz zu reduzieren. Anders als früher stehen heute vermehrt Freizeitaktivitäten im Fokus.

Interview Léa Wertheimer
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2011 verletzten sich über 55'000 Personen beim Fussball. (Bild: Archiv/Neue LZ)

2011 verletzten sich über 55'000 Personen beim Fussball. (Bild: Archiv/Neue LZ)

Brigitte Buhmann, Sie blicken zurück auf 75 Jahre Beratungsstelle für Unfallverhütung. In dieser Zeit hat sich die Art der Unfälle verändert. 1938 verunglückten mehr Personen bei der Arbeit. Heute geschehen die meisten Unfälle in der Freizeit. Warum?

Brigitte Buhmann*: Zum einen ist der Wandel der Wirtschaftsstruktur dafür verantwortlich. 1938 arbeiteten ein grosser Teil der Erwerbstätigen noch in der Landwirtschaft oder in der Industrie. Der Dienstleistungssektor war damals deutlich kleiner. Bauern und Arbeiter sind naturgemäss einem höheren Unfallrisiko ausgesetzt. Mittlerweile ist die Schweiz zu einer Dienstleistungsgesellschaft geworden. Das führt automatisch zu weniger Berufsunfällen. Erwähnt werden muss aber auch, dass im Bereich der Arbeitssicherheit griffige Sicherheitsbestimmungen erlassen wurden.

Was hat zur Zunahme der Freizeitunfälle geführt?

Buhmann: Wir haben heute mehr Freizeit und sind ausserhalb des Berufslebens möglicherweise auch aktiver als die Menschen im Jahre 1938. Wer lange auf dem Bürostuhl sitzt, verspürt mehr Bewegungsdrang als ein Bauer, der täglich körperlich hart arbeitet.

Inwiefern haben sich die Unfälle in diesen 75 Jahren verändert?

Buhmann: Augenfällig ist natürlich die anfängliche Zunahme der Verkehrsunfälle. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es nur wenige Autos in der Schweiz. Während des Krieges fuhren sie weniger, weil kaum Treibstoff erhältlich war. Nach Kriegsende nahmen die Verkehrsunfälle mit der Anzahl Autos aber stark zu. 1971 kam es zu einem unrühmlichen Höhepunkt von knapp 2000 Verkehrstoten in einem Jahr. Seither gehen die Zahlen wieder signifikant zurück, obwohl es immer mehr Verkehr gibt. Heute müssen wir noch rund 300 Verkehrstote und 4500 Schwerverletzte pro Jahr beklagen.

Sie sprachen den Trendwechsel in den 70er-Jahren bei Verkehrsunfällen an. Warum sinken seither die Anzahl Toten und Verletzten?

Buhmann: Man kann es auf drei Faktoren zurückführen: Bessere Strassen, bessere Fahrzeuge, griffigere Gesetze. Nehmen Sie etwa die Kreisel. Sie steigern die Sicherheit massiv. Wo man früher ungebremst über eine Kreuzungen fahren konnte, zwingt einem heute der Kreisel, das Tempo zu reduzieren und die Aufmerksamkeit auf die nur von links kommenden Fahrzeuge zu richten. Oder sehen wir uns die Autos an: Sie sind deutlich stabiler konstruiert, mit Sicherheitsgurten, Airbags und vermehrt auch mit Fahrassistenzsystemen wie ABS ausgerüstet und schützen so die Insassen. Schliesslich wurden auch die Verkehrsgesetze deutlich verbessert.

Welche Gesetze besonders?

Buhmann: Die Geschwindigkeitsbegrenzungen ausserorts gibt es erst seit 1973. Wenn überhaupt regelte die begrenzte Möglichkeit der Autos das Tempo. Das Gurtenobligatorium wurde 1981 eingeführt. Ein Meilenstein war auch 2005, als man festlegte, dass ein Automobilist maximal 0,5 Promille Alkohol im Blut haben darf. Seither haben sich die Alkoholunfälle im Strassenverkehr sehr stark reduziert.

Sie sprachen von den Fahrhilfen in modernen Autos. Können nur «Autopiloten» Unfälle gänzlich verhindern?

Buhmann: Ich denke, dass die Anzahl der verletzten Automobilisten durch die technologische Entwicklung noch sehr stark zurückgehen wird. Die grosse Herausforderung für die Unfallverhütung wird sein, die Verletzungen von Fussgängern, Velofahrern und Motorradfahrern im gleichen Ausmass zu reduzieren. Ein neues Thema sind etwa die E-Bikes.

Die Anzahl der Unfälle mit E-Bikes nimmt zu. Macht Ihnen das Sorgen?

Buhmann: Ja. Wir lancieren deshalb im Frühling gemeinsam mit einer Versicherung eine Kampagne dazu. Viele Fahrer sind sich der Geschwindigkeit ihrer Elektrovelos nicht bewusst und unterschätzen die längeren Bremswege. Zudem müssen auch die Autofahrer realisieren: Velo ist nicht mehr gleich Velo. E-Bikes sind schneller da, als man erwartet.

Zurück zu den Autos. Vor kurzem sorgte eine Studie für Entrüstung in der Damenwelt. Sie besagte, dass Frauen schlechter Auto fahren und mehr Unfälle verursachen. Korrekt?

Buhmann: Klar nein! Absolut gesehen verursachen Männer deutlich mehr Unfälle, vor allem schwere und tödliche. Sie begehen mehr grobe Verkehrsregelverletzungen. Frauen haben mehr leichtere Unfälle. Da Frauen in der Regel weniger Auto fahren, fehlt es ihnen an Routine. Pro gefahrenen Kilometer machen sie deshalb wirklich mehr Unfälle.

Wie wirkt sich das auf Ihre Präventionskampagnen aus?

Buhmann: Wir legen keinen Schwerpunkt auf die Frauen, weil die Unfälle pro Kilometer für die Prävention nicht relevant sind. Sonst müssten wir sofort eine nationale Eishockeykampagne starten. Denn pro gespielte Minute passieren mit Abstand am meisten Sportunfälle auf dem Eis. Es spielen jedoch nicht so viele Leute Eishockey, deswegen ist diese Zahl für uns nicht prioritär. Aber wir passen die Kampagnen schon den Geschlechtern an. Ein gutes Beispiel ist das Online-Spiel von Roadcross auf Facebook. Es heisst «Date Nina», und spricht explizit die jungen Männer an. Es geht darum, mit dem Mädchen Nina eine Verabredung zu haben. Wer sich vernünftig verhält, schafft es, wer nicht, kassiert eine Abfuhr.

Es gibt auch Unterschiede zwischen den Regionen der Schweiz. Tessiner und Westschweizer verunfallen mehr als Deutschschweizer. Warum?

Buhmann: Es sind mitunter kulturelle Unterschiede. In der Romandie sind bei den Unfällen viel häufiger Alkohol und übersetzte Geschwindigkeit im Spiel. Dazu tendieren die Westschweizer, weniger oft mit Sicherheitsgurt zu fahren. Die Tessiner fahren ebenfalls häufiger alkoholisiert und ohne Sicherheitsgurte als Deutschschweizer. Übersetzte Geschwindigkeit hingegen ist seltener ein Faktor. Wir führen dies auf die Topografie zurück. Auf den Bergstrassen kann man schlichtweg nicht so schnell fahren.

Also bestätigt sich das Klischee, das die Romands gerne mal tiefer ins Glas schauen?

Buhmann: Eine diffizile Aussage, aber im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen muss man es bejahen. Wobei man sagen muss, dass die Unterschiede zwischen den Regionen zunehmend abnehmen.

Wo gibts heute die meisten Unfälle?

Buhmann: Wir verzeichnen heute rund 1 Million Nichtberufsunfälle jährlich. Die Zahl der Unfälle hat sich in letzten Jahrzehnten zwar erhöht – allerdings parallel zur Bevölkerungszunahme. Anders gesagt: Pro Einwohner ist das Unfallrisiko seit Anfang der 80er-Jahre nahezu konstant geblieben. Dabei ist es aber zu grossen Verschiebungen gekommen: Während der Anteil der Verkehrsunfälle drastisch gesunken ist, hat die Bedeutung der Sport-, Haus- und Freizeitunfälle stark zugenommen. Die Hauptunfallursache sind Stürze, insbesondere bei älteren Menschen. Und da die Bevölkerung immer älter wird, werden künftig diese Zahlen steigen. Wirft man einen Blick auf den Strassenverkehr, sind besonders die Neulenkenden ein Problem. Sehr viele Opfer verzeichnen wir auch bei den Motorradfahrern. Mittlerweile gibt es pro Jahr mehr schwerverletzte Motorradfahrer als Autoinsassen.

Nehmen die Menschen heute mehr Risiken in Kauf?

Buhmann: Mein Grossvater erzählte mir einmal, dass er in jungen Jahren jeweils bei den Raddampfern auf dem Zürichsee untendurch getaucht ist. Junge Männer wollten und wollen auch heute noch imponieren, ihre Kräfte messen und neigen ganz allgemein zu risikoreicherem Verhalten. Dies hat sich nicht verändert. Die Formen, wie dies ausgelebt wird, hingegen schon. Während mein Grossvater unter Raddampfern tauchte, surft man heute auf U-Bahnen oder geht unnötige Risiken beim Sport ein. Auch im Strassenverkehr legen junge Männer eine riskantere Fahrweise an den Tag und gefährden damit nicht nur sich, sondern auch andere.

Im Volksmund heisst es: Wer wagt, gewinnt. Sie haben sich aber auf die Fahne geschrieben das Risiko zu minimieren. Ist Risiko also was Negatives?

Buhmann: Nein, nicht generell. Es geht bei der Unfallverhütung darum, nicht kalkulierbare Risiken zu vermeiden. Gerade im Berufsleben sind Risiken immer auch Chancen, die man packen sollte.

Sie befassen sich tagtäglich mit Unfällen. Wenn Sie einen Wunschzettel an die Politik richten könnten, was stünde drauf?

Buhmann: Wir haben mit dem neuen Gesetz Via Sicura, das am 1. Januar in Kraft getreten ist, einen grossen Schritt getan. Nun müssen die Behörden aber die nötigen Mittel bereitstellen, da sind auch die Gemeinden und Kantone gefragt. Sie stehen in der Pflicht, damit es nicht zu einem leeren Regelwerk verkommt.

HINWEIS

* Brigitte Buhmann (53) ist seit März 2004 Direktorin der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU).

Über 56 000 Fussball-Verletzungen – in einem Jahr

lea. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung feiert heuer ihr 75-jähriges Bestehen. Grundlage für die nationalen Präventionskampagnen sind Statistiken und die Forschungsergebnisse eigener Wissenschaftler. 2011 registrierte die Polizei 24 237 Verkehrsunfälle, dabei wurden 320 Personen getötet. Jedes Jahr verunfallen in der Schweiz rund 600 000 Personen bei Unfällen im Haus- und Freizeitbereich. Das sind weit mehr Verletzte als beim Sport oder im Strassenverkehr. Rund 300 000 Personen verletzen sich jährlich bei einem Sturz. Besonders betroffen sind dabei Senioren.

Doch auch die sportlichen Aktivitäten fordern ihren Tribut. 94 560 Personen verunfallen bei Ballspielen, wobei Fussball mit 56 480 Verletzten der Spitzenreiter ist. Gefolgt von Volleyball (8760 Unfälle). Auf der Piste finden ebenfalls jährlich etliche Unfälle statt. Wobei statistisch gesehen Snowboarder (24 050) deutlich weniger Unfälle verursachen als Skifahrer (42 530). Auch zu Fuss in den Bergen verletzen sich viele Menschen (8830), wobei diese Unfälle verhältnismässig oft tödlich ausgehen.