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SICHERHEIT: «Wir tun gut daran, parat zu sein»

Armeechef André Blattmann erklärt, welche Bedrohung vom Ukraine-Konflikt ausgeht – und warum er eine Armee­reform für dringend hält.
Interview Eva Novak
Korps- kommandant André Blattmann, Chef der Schweizer Armee, posiert im Bundeshaus. (Bild: Ex-Press/Christine Bärlocher)

Korps- kommandant André Blattmann, Chef der Schweizer Armee, posiert im Bundeshaus. (Bild: Ex-Press/Christine Bärlocher)

Herr Korpskommandant, beunruhigt Sie der Konflikt in der Ostukraine?

André Blattmann: Mich beunruhigt, dass wir nicht wissen, wie es weitergeht. Der Waffenstillstand ist brüchig, und es spielt sich in Europa ab, keine zwei Flugstunden von hier. Etwas, was man noch vor einem guten Jahr ausgeschlossen hätte, ist wieder aktuell. Offensichtlich lassen wir uns in der westlichen Welt immer wieder überraschen.

Sie haben kürzlich gesagt, Mitteleuropa sei nicht betroffen.

Blattmann: Im Moment nicht. Fakt ist: Wir wissen nicht, was abgeht, wissen aber, welche Potenziale vorhanden sind. Mit welcher Absicht diese eingesetzt werden, kann sich jederzeit ändern. Wenn man das weiss, tut man gut daran, selber parat zu sein.

Sind wir das?

Blattmann: Ja, wir sind auf einem recht guten Stand.

Die Armee ist aber nicht vollständig ausgerüstet und kann nicht rasch mobilisiert werden. Erst mit der «Weiterentwicklung der Armee» WEA, die in der Frühlingssession ins Parlament kommt, soll es besser werden.

Blattmann: 2014 haben wir gleichzeitig mit dem WEF die Syrienkonferenz geschützt, die war auch nicht angekündigt. Und wer hilft bei Katastrophen? Wer hat im Emmental eine Brücke gebaut? Wer hat in Ems den Bach ausgeräumt, damit Strasse und Bahn nicht überflutet werden? Die Armee. Es ist nicht so, dass wir heute nicht bereit wären. Die Frage ist, welche Dimensionen wir abdecken können. Deshalb braucht es die WEA, und wir müssen da rasch vorwärtsmachen. Wir haben schon begonnen. Zum Beispiel in Rothenburg: Statt das Zeughaus wie einst geplant zu schliessen, legen wir dort wieder Materiallager an, damit wir rascher mobilisieren können.

Worauf bereiten Sie sich vor?

Blattmann: Auf ein modernes Kriegsbild, das nicht mit Panzern an der Grenze beginnt. Sondern mit Ablenkung, mit wirtschaftlicher Kriegsführung, mit Cyberattacken und mit Informationskriegsführung. Der Think-Tank «Atlantic Council» ist der Frage nachgegangen, warum die Separatisten in der Ukraine so stark sind. Er kam zum Schluss: All das war längst im Gang, bevor etwas passiert ist – man hat es einfach nicht zur Kenntnis genommen. Anhand der Doktrin der russischen Streitkräfte sehen wir, wie moderne Konfliktführung aussieht. Und die Ereignisse in der Ukraine zeigen, dass wir mit der WEA auf moderne Bedrohungen ausgerichtet sind.

Ist die WEA nicht ein schlechtes Projekt, wenn Sie Ihre Kader schriftlich darauf einschwören müssen?

Blattmann: Nein. Wenn ich sehe, wie nahe die Entscheide der Kommission des Ständerats zur WEA an den Vorschlägen des Bundesrats liegen, an denen wir intensiv mitarbeiten durften, muss ich sagen: So schlecht kann das Projekt nicht sein. Es ist wie in einer Firma: Bis zum Entscheid werden die Leute mit einbezogen, und dann rauft man sich zusammen und steht gemeinsam zu der Lösung. Das ist ein Signal gegen innen und gegen aussen.

Der zweiwöchige WK, eines der Kernstücke der Reform, ist so gut wie gestorben. Wie schlimm ist das für Sie?

Blattmann: Es führt erstens zu einem besseren Ausbildungsstand und zweitens zu einer besseren Bereitschaft, weil die Verbände länger im Dienst sind. Von einem Armeechef ist das auf jeden Fall zu befürworten. Mit dem zweiwöchigen WK wollten wir die Abwesenheit der Soldaten vom Arbeitsplatz und die Gesamtzahl der Diensttage beschränken. Nun hat die Ständeratskommission gesagt, ihr sei eine längere Ausbildung wichtiger. Für mich kann das nur positiv sein.

Zu Kritik führen auch die Vorschläge zur neuen Führungsorganisation. Werden sie Bestand haben?

Blattmann: Ich bin guten Mutes, denn unsere Leute stehen jetzt dahinter. Auch das Gros der ehemaligen höheren Stabsoffiziere hat sich klar hinter die Armeeführung gestellt. Wir haben das x-mal durchgekaut und sind fest überzeugt, dass es die richtige Lösung ist.

Wie gross ist die Gefahr, dass die WEA scheitert?

Blattmann: Ich bin sehr optimistisch, dass das Gesamtpaket Unterstützung finden wird. Dass es vorläufig noch heftig diskutiert wird, und auch versucht wird, Einfluss zu nehmen, ist Teil unseres Systems. Es gibt nun einmal Limiten wie die Verfügbarkeit von Soldaten und das Geld. Unter diesem Korsett hat man jetzt das Maximum herausgeholt.

Nun wird das Korsett noch enger, der Bundeskasse droht ein 2-Milliarden-Defizit. In solchen Fällen kam in letzter Zeit immer die Armee an die Kasse.

Blattmann: Am Ende sagt die Politik, wie viel wir ausgeben dürfen, und für welche Leistung. Ich gehe davon aus, dass sich das, was bei der Armee XXI geschehen ist, nicht wiederholt. Dass nämlich die Mittel gekürzt werden, noch bevor man mit der Umsetzung begonnen hat. Das Volk hatte der Armee damals 4,3 Milliarden gewährt. Die hat sie aber gar nie bekommen. Und dann war man erstaunt, dass es nicht funktioniert hat.

Mit der Reform soll auch die Attraktivität der militärischen Karriere wieder steigen, nachdem laut einer Studie in den letzten Jahren überdurchschnittlich viele Berufsoffiziere ausgestiegen sind. Wie genau?

Blattmann: Wir haben ein neues Berufsbild erstellt. Dabei haben wir aufgenommen, dass die Work-Life-Balance, also der Ausgleich zwischen Beruf und Familie, immer schwieriger geworden ist. Das lag insbesondere am Dreistartmodell der Rekrutenschulen. Davon gehen wir wieder weg. Erste Resultate sieht man bereits: Im letzten Jahr ist die Quote der Berufsoffiziere, welche die Armee verlassen, klar gesunken. Sie ist so tief wie seit Jahren nicht mehr. Wir haben neu auch die Möglichkeit von Teilzeitarbeit eingeführt, was nicht ganz einfach ist.

Gibt es jetzt einen «Teilzeitgeneral»?

Blattmann: Das nicht gerade. Aber für junge Familienväter oder auch Mütter, die etwa als Berufsmilitärs in der Ausbildung oder als Helikopterpilotinnen arbeiten, müssen wir Lösungen finden, welche sie auch am Leben ausserhalb ihres Arbeitsplatzes teilhaben lassen. Das zeigt: Die Armee ist ein moderner Arbeitgeber.

Der Kommandant der Luftwaffe will die Tiger-Kampfjets so rasch als möglich ausmustern – Sie auch?

Blattmann: Ich unterschreibe alles, was er im Interview mit der «Zentralschweiz am Sonntag» gesagt hat. Für mich ist ganz wichtig: Am Schluss muss man, wenn es in den Einsatz geht, mit der Ausrüstung bestehen, die man hat. Ich möchte unseren Leuten etwas in die Hand geben, mit dem sie gewinnen. Wenn wir mit altem Ramsch herumfliegen, haben wir bei der Luftverteidigung keine Chance.

Der Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft fordert die Wehrpflicht für Frauen. Hegen Sie Sympathien für diese Idee?

Blattmann: Die Frage stellt sich für die Armeeführung derzeit nicht.

Zu Ihren Zukunftsplänen: Man munkelt seit einem Jahr, Sie stünden vor dem Rücktritt. Ist da etwas dran?

Blattmann: Das habe ich gerne gelesen, als das Anfang 2014 in «20 Minuten» stand. Darauf habe ich Ende 2014 in meiner Kolumne im «Blick am Abend» geschrieben, Voraussagen seien nicht immer zuverlässig – ich sei noch da.

Sie planen nicht den Absprung, um danach Ihrem Nachfolger zu sagen, wie er es machen soll?

Blattmann: Nein. Ich stehe zu dem, was ich gemacht habe. Mitte 2018 werde ich pensioniert. Wenn ich einmal weg bin, werde ich der Armee keine guten Ratschläge mehr geben.

Interview Eva Novak

Hinweis

André Blattmann (58) führt die Schweizer Armee seit der Beurlaubung von Roland Nef im Jahr 2008. Sein Prestigeprojekt, die Armeereform WEA, kommt im Frühjahr in den Ständerat.

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