Sind ihre Portfolios wirklich nachhaltig? Die Banken treten beim Bund zum Klimatest an

Die Bewegung Klimastreik droht den Finanzinstituten mit schwarzen Listen, wenn sie nicht vorwärtsmachen in Sachen Nachhaltigkeit. Auch der Bund macht subtil Druck. Die Banken reagieren und lassen 2020 ihre Kreditportfolios auf Klimatauglichkeit testen. 

Othmar von Matt
Drucken
Teilen
«Lieber Herr Thiam, lieber Herr Rohner»: Die Klimajugend möchte heute der Credit Suisse von CEO Tidjane Thiam und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner den offenen Brief stellvertretend für alle Schweizer Banken übergeben. (Bild: Keystone)

«Lieber Herr Thiam, lieber Herr Rohner»: Die Klimajugend möchte heute der Credit Suisse von CEO Tidjane Thiam und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner den offenen Brief stellvertretend für alle Schweizer Banken übergeben. (Bild: Keystone)

Für ihre Aktion haben sie sich das prestigeträchtige Hauptgebäude der Credit Suisse aus dem Jahr 1876 am Zürcher Paradeplatz 8 ausgesucht. Dort wollen die Klimajugendlichen der CS heute morgen um 11 Uhr einen offenen Brief übergeben, stellvertretend für alle Schweizer Finanzinstitute. Über 10'000 Personen haben ihn unterschrieben.

Die Bewegung Klimastreik informierte die CS, dass sie am Paradeplatz auftaucht. «Lieber Herr Thiam, lieber Herr Rohner», schrieb sie an CEO Tidjane Thiam und an Verwaltungsratspräsident Urs Rohner. «Es ist höchste Zeit, dass auch Ihr Finanzinstitut seine Verantwortung in Bezug auf die Klimakrise wahrnimmt.» Und: «Wir laden Sie ein, diesen Brief stellvertretend entgegenzunehmen.»

«Ihr Institut gehört zu den grössten Klimasündern»

Den offenen Brief schickte die Klimajugend an über 300 Banken und Versicherungen. «Ihr Institut gehört aktuell noch zu den grössten Klimasündern der Schweiz», steht darin. Und:

«Wir ermutigen Sie, unsere Forderungen umzusetzen und dabei eine Vorreiterrolle zu übernehmen.»

Die Forderungen sind zweigleisig. Erstens sollen direkte und indirekte Treibhausgasemissionen bis 2030 auf Netto Null reduziert werden. Banken und Versicherungen sollen dafür ab sofort keine neuen Investitionen, Kredite und Versicherungsleistungen mehr machen für Unternehmen, die mit fossilen Energien arbeiten - sei es Kohle, Teersand, Erdgas oder Erdöl.

Zweitens sollen sich die Finanzinstitute verpflichten, Ende 2020 Pläne vorzulegen, wie sie ihre Finanzflüsse bis 2030 auf Netto Null bringen. Wer sich bis zum 1. März 2020 zu diesen Forderungen bekennt, den setzen die Klimajugendlichen auf eine grüne Liste. Alle anderen kommen auf eine schwarze Liste. Die Listen sollen den Konsumenten aufzeigen, «wo sie ihre Gelder klimafreundlich anlegen können», betont Studentin Maya Tharian von der Bewegung Klimastreik.

Banken und Versicherungen sehen sich von der Klimajugend mit den offensivsten Forderungen konfrontiert. Gleichzeitig gerät der Finanzplatz aber immer stärker in den Fokus der Politik. Bundesrats-Kandidatin Regula Rytz (Grüne) sagte im «SonntagsBlick», der Schweizer Finanzplatz brauche neue Regeln: «Die Finanzhäuser müssen beweisen, dass sie bis 2030 im Einklang mit den Pariser Klimazielen investieren und nicht länger die Ausbeutung fossiler Energien fördern.»

Die ungenügenden Resultate von 2017

Auch der Bund selber macht subtil Druck. «Wir wollen, dass sich die Finanzplatzakteure in Sachen Klimaverträglichkeit bewegen», sagt Silvia Ruprecht, Projektleiterin Klima und Finanzmarkt des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Das Bafu und das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SiF) führten schon 2017 Pilottests durch für Pensionskassen und Versicherungen. Sie konnten abklären lassen, ob ihre Finanzportfolien kompatibel sind mit dem Klimaziel von Paris, das die Erwärmung unter 2 Grad halten will.

«Wir haben diese Tests gemacht, um alle zu sensibilisieren und zu sehen, wo wir mit dem Finanzplatz stehen in Sachen Klimaverträglichkeit», sagt Ruprecht. Das Fazit: «Die Resultate waren ungenügend.» Die Investitionen unterstützten im Schnitt eine Erwärmung um 4 bis 6 Grad. «Das entspricht jedoch ungefähr dem börsenkotierten Weltmarkt», betont Ruprecht. Oder anders formuliert: Die Schweizer Finanzindustrie lag 2017 im globalen Schnitt.

Dennoch wertet das Bafu den Test als Erfolg. Das zeigte eine Evaluation. Immerhin 40 Prozent der Teilnehmer betonten, sie würden nun «eine Strategie erarbeiten oder andere Massnahmen ergreifen», wie Ruprecht sagt. Das motivierte Bafu und SiF zu einer zweiten Testreihe. Sie findet im Sommer 2020 international koordiniert statt. Diesmal sind auch die Banken explizit eingeladen.

CS und UBS arbeiten an Pilottests mit

«Wir wollen die Fortschritte seit 2017 mit einem umfassenderen Ansatz messen», sagt Ruprecht. Dafür wurde die Testmethode mit anderen Akteuren weiterentwickelt. «Für globale Kreditportfolios haben beispielsweise 15 Pilotbanken ein zusätzliches Modul miterarbeitet, zu denen auch CS und UBS zählen.» Auch Schweizer Immobilienanlagen wurden in die Testmethode integriert.

CS wie UBS bestätigen, dass sie bei den Tests des Bafu mit hoher Wahrscheinlichkeit an Bord sind. «Wir stehen mit dem Bafu und dem SiF in Kontakt zur Studie ‹Klima und Finanzmarkt›», sagt CS-Sprecherin Katrin Schaad. Auch die UBS sei in Kontakt mit Bafu und SiF, bestätigt Sprecher Igor Moser. Und er sagt:

«Wir bekennen uns zu den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens und setzen unsere umfangreiche Klimastrategie konsequent um.»

Für den Bundesrat selbst ist die Nachhaltigkeit des Finanzplatzes ein zentraler Punkt. Seine Grundsätze zu Sustainable Finance definierte er bereits 2016. Im Vordergrund stehen freiwillige Massnahmen der Akteure des Finanzplatzes. «Der Bund stellt Grundlagen und Tools bereit, um die klimaverträgliche Ausrichtung der Finanzflüsse auf freiwilliger Basis zu erreichen», sagt Anne Césard, Sprecherin des SiF. Dazu gehören etwa die freiwilligen Portfolio-Tests.

Eine Aussprache in der Regierung vor Ende Jahr

Noch vor Jahresende wird die Regierung eine Aussprache darüber führen, ob der Finanzmarkt in Sachen Nachhaltigkeit reguliert werden soll. Und bis im Frühling 2020 wird eine vom Bundesrat eingesetzte Arbeitsgruppe einen Bericht mit Vorschlägen abliefern. Die Regierung will gleichzeitig den Anlegern mit besseren Daten die Entscheide für klimafreundliche Investitionen erleichtern. Dies forderte CVP-Nationalrat Leo Müller in seiner Motion «Nachhaltige Finanzflüsse aufzeigen». Der Bundesrat empfiehlt sie zur Annahme.

Auch die Bankiervereinigung sieht Sustainable Finance als «Chance für den Finanzplatz», wie Serge Steiner sagt, Leiter Public Relations: «Eine Antwort auf drängende Herausforderungen unserer Zeit, ein Kundenbedürfnis und eine Geschäftschance.» Die Schweiz habe die Ambition, ein international führender Sustainable Finance Hub zu sein. «Die Bankiervereinigung widmet sich diesem Thema mit Priorität.»

Bei der Bewegung Klimastreik ist man aber überzeugt, dass die Banken zu wenig tun. Eine kleine Abteilung «Sustainable Finance» alleine  bedeute noch lange nicht, dass es deutliche Bestrebungen gebe, kein neues Geld in fossile Energien zu investieren, sagt Studentin Maya Tharian. «Das braucht es aber dringend, sonst können wir Netto Null Emissionen nicht erreichen.»

Der prestigeträchtige Hauptsitz der Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz, der 1876 gebaut wurde. (Bild: Keystone)

Der prestigeträchtige Hauptsitz der Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz, der 1876 gebaut wurde. (Bild: Keystone)

Credit Suisse nimmt den Brief nicht entgegen

Die Credit Suisse ihrerseits hat der Bewegung Klimastreik inzwischen geantwortet. «Die Bekämpfung der Klimaerwärmung ist wichtig», sagt Sprecherin Katrin Schaad. «Bereits seit 2006 arbeitet die Credit Suisse als erstes Grossunternehmen in der Schweiz treibhausgasneutral, seit 2010 auch weltweit.» Die CS unterstütze ihre Kunden aus emissionsreichen Industrien bei der Transformation ihres Geschäfts. Und gegenüber der Öffentlichkeit lege die CS Richtlinien und Massnahmen offen.

Die CS stehe zwar im Dialog mit verschiedenen Organisationen, die ihre Nachhaltigkeitsanliegen konstruktiv vorbringen, betont Schaad. Doch sie hält gleichwohl fest: «Die CS wird den offenen Brief morgen nicht stellvertretend für alle Schweizer Finanzinstitute entgegennehmen.»

Das Klumpenrisiko, plötzlich für das Klima-Image des Finanzplatzes verantwortlich zu sein, ist der CS zu gross.