Sind Raser Mörder? Berliner Gericht steht vor einem wegweisenden Urteil

Zwei junge Männer lieferten sich mitten in Berlin ein Strassenrennen. Es kam zu einem Unfall, ein unbeteiligter 69-Jähriger starb. Ein Gericht muss nun entscheiden, ob das Mord war.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Der 27-jährige Marvin N. im Gericht in Berlin. (Bild: Omer Messinger/EPA, 19. November 2018)

Der 27-jährige Marvin N. im Gericht in Berlin. (Bild: Omer Messinger/EPA, 19. November 2018)

Es war die Nacht des 1. Februar 2016. Der heute 29-jährige Hamid H. und der 27-jährige Marvin N. liefern sich mitten in Berlin mit ihren aufgemotzten Fahrzeugen ein Strassenrennen. Audi, 225 PS, gegen Mercedes, 381 PS. Die beiden brettern mit über 150 Stundenkilometern über den Kurfürstendamm in Westberlin, über­fahren mehrere rote Ampeln. An einer Strassenkreuzung kommt es zur Katastrophe. Ein korrekt bei Grün einbiegender Jeep eines 69-Jährigen wird vom Fahrzeug von Hamid H., der mit 160 bis
170 km/h unterwegs ist, getroffen. Der Rentner ist sofort tot.

War das Mord? Fahrlässige Tötung? Vor dem Berliner Landgericht hat einer der beiden Angeklagten, Marvin N., nach mehr als dreijähriger Untersuchungshaft sein Schweigen gebrochen. Er sei sich auch in jener Nacht sicher gewesen, dass nichts passieren werde. «Weil ich einfach zu gut war und jede vorstellbare ­Situation im Griff hatte.» Er sei überzeugt gewesen, «dass ich einer von wenigen im Strassenverkehr war, die das Steuern eines PKW wirklich bis zur Perfektion beherrschen.»

Es droht lebenslange Haft

Marvin N. räumt ein, sein fahrerisches Können masslos überschätzt zu haben. Das ist Taktik, um einer Verurteilung wegen Mordes zu entkommen. Denn Mord hiesse, dass Marvin N. den Tod unbeteiligter Dritter bei seiner waghalsigen Fahrt in Kauf genommen hätte. Doch Marvin N. zeichnet von sich das Bild des Machos, der niemals einen Unfall auch nur in Erwägung gezogen hatte. Es soll am Ende ein vergleichsweise mildes Urteil wegen fahrlässiger Tötung herauskommen.

Der Fall der beiden jungen Raser wird bereits zum zweiten Mal verhandelt. In einem ersten Prozess knapp ein Jahr nach dem verheerenden Unfall wurden die beiden Männer wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Novum in Deutschland. Noch nie zuvor wurde jemand nach einem Raserunfall wegen Vorsätzlichkeit verurteilt. Doch die nächsthöhere Instanz hob das Mordurteil auf, weil es mit der Herleitung der Urteilsbegründung nicht zufrieden war. Allerdings schloss der Bundesgerichtshof (BGH) eine Verurteilung wegen Mordes im nun laufenden Revisionsverfahren explizit nicht aus. Marvin N. und Hamid H. droht weiterhin lebenslange Haft.

Wegweisendes Urteil

Inzwischen wären die beiden jungen Männer nicht mehr die ersten Delinquenten im Strassenverkehr, die wegen Mordes hinter Gitter wandern. Ende letzter Woche bestätigte der Bundesgerichtshof ein Mordurteil gegen einen jungen Autofahrer in Hamburg. Der Mann klaute in Hamburg im betrunkenen Zustand ein Taxi und lieferte sich – ohne im Besitz eines Führerscheins zu sein – eine wilde Verfolgungsjagd mit bis zu 155 Stundenkilometern im nächtlichen Hamburg mit der Polizei. Der damals 24-Jährige fuhr auf die Gegenfahrbahn, wo es zu einer Kollision mit einem korrekt fahrenden Taxi gekommen war. Ein Fahrgast starb, der Fahrer und ein weiterer Fahrgast erlitten schwerste Verletzungen. Der Angeklagte hat nach BGH-Urteil damals mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt, das Mordurteil wurde bestätigt. Der ak­tuelle Fall von Berlin ist mit dem Hamburger Fall indes nicht zu vergleichen. Das Urteil wird Ende März erwartet.

Genfer Polizist wegen Rasens auf Verbrecherjagd verurteilt

Ein Genfer Polizist ist wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung bei einer Verfolgungsjagd zu einer bedingten Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Der Mann war während des Einsatzes auf einer auf 50 km/h begrenzten Strasse mit 126 km/h geblitzt worden.

Raser mit 249 km/h auf der A7 bei Frauenfeld gestoppt

Ein 34-jähriger Deutscher aus dem Kanton Basel ist auf der Autobahn A7 bei Frauenfeld mit 249 km/h in eine Geschwindigkeitskontrolle geraten. Der Raser wurde verhaftet und sein Wagen auf Anordnung der Staatsanwaltschaft sichergestellt.