Pro und Kontra

Sind Vorsätze fürs neue Jahr sinnvoll?

Vielleicht wirkt sie ja doch, irgendwie und irgendwann: die Kraft des positiven Denkens und positiver Vorsätze. Oder ist das Augenwischerei, Aberglaube, fromm-folkloristische Schimäre?

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Der Jahreswechsel bietet viel Anlass dazu, sich für die kommenden Monate gute Vorsätze zu machen.

Der Jahreswechsel bietet viel Anlass dazu, sich für die kommenden Monate gute Vorsätze zu machen.

Keystone

PRO von az-Redaktorin Sabine Kuster: «Das Jahr 2017 braucht dringend gute Vorsätze»

«Sie müssen das Rauchen nicht aufgeben. Ich werde auch nicht regelmässig joggen gehen. Aber wir sollten uns viel vornehmen.»

Ich gebe zu: Ich habs noch nie getan. Aber fürs 2017 habe ich mir fest vorgenommen, mir etwas vorzunehmen. Denn das Jahr 2017 braucht Vorsätze. Dringend. Also nehmen Sie sich auch ein paar. Das Jahr 2016 brachte so viele schlechte Neuigkeiten, dass wir – nun aus dem Schockzustand erwacht – ein bisschen abgestumpft sind.

Noch eine Amokfahrt? Ein weiterer destruktiver Politiker ins Amt gewählt? Wir nehmen es hin. Und glauben nicht mehr an Besserung. Man wird leicht zum Zyniker nach einem Jahr, zu dem Wikipedia 19 Terroranschläge auflistet und dahinter in Klammern schreibt: Auswahl. Und als Zyniker lässt man das Jahr 2017 resigniert auf sich zurollen.

Sabine Kuster, Redaktorin Leben&Wissen

Sabine Kuster, Redaktorin Leben&Wissen

Aargauer Zeitung

Dabei sollten wir uns wenigstens an Silvester überlegen, ob nächstes Jahr nicht irgendetwas besser werden könnte. Und ob sich dafür nicht etwas tun liesse. Eine grosse Demo gegen den wachsenden Populismus zu organisieren, das wär was. Oder wenn ich das nicht anpacke, dann halt wenigstens dem rassistischen Grossonkel widersprechen und wider besseres Wissen am nächsten Familienfest eine politische Diskussion vom Zaun brechen.

Oder zuallermindest den Grossonkel überhaupt mal wieder einladen. Trotz seiner Hasstiraden – wenn ich mich schon nicht traue, ein paar Asylbewerber zu Hause zu bekochen, um etwas für ihre Integration und gegen meinen eigenen, inneren Rassismus zu tun. Einen Grossonkel einladen, das müsste doch drinliegen. Und wenn jemand anderes sich etwas Grösseres vornimmt und die Demo gegen Populismus tatsächlich organisiert: Ich wär dabei. Ich würde nicht grad ein Plakat malen und wahrscheinlich auch keinen Flyer verteilen. Aber ich würde mir den Nachmittag freihalten und hingehen.

Es liegt was drin im 2017. Etwas Gutes. Nehmen wir uns einen kleinen, gerne auch einen grösseren Vorsatz. Der Jahreswechsel ist mehr als eine erfundene, kleine, numerische Veränderung. Er ist eine Zäsur zwischen 365 einander nachgaloppierenden Tagen: Am Samstag, wenn die Glocken das lausige 2016 ausgeläutet haben und die Uhr noch nicht zwölf geschlagen hat, ist ein guter Zeitpunkt optimistisch zu sein.

Nur eins wird trotzdem nicht passieren: dass ich nächstes Jahr aus all meinen gespeicherten Fotos endlich ein Buch mache. Oder regelmässig jogge.

KONTRA von Samuel Schumacher, Reporter: «Wir sind die Versuchskaninchen unseres Perfektionismus»

«Gute Vorsätze sind ein lästiges Symptom unseres Selbstoptimierungszwangs. Sie wegzulassen, wirkt unglaublich entspannend. »

Wissen Sie noch, was Sie sich an Silvester 2015 für das neue Jahr vorgenommen hatten? Keine Sorge, ich auch nicht. Irgendwas mit mehr Sport oder weniger Stress wahrscheinlich. Diese Vorsätze lagen jedenfalls im Trend.

Laut einer Umfrage des Forschungsinstituts Forsa nahmen sich 61 Prozent der Befragten vor, Stress abzubauen, und 54 Prozent wollten sportlich einen Zacken zulegen.

Samuel Schumacher, Reporter

Samuel Schumacher, Reporter

ZVG

Für 2017 nehme ich mir bewusst nichts vor. Denn wenn wir ehrlich sind, dann ist doch dieses immer wiederkehrende Getue rund um die guten Vorsätze nichts als ein Symptom unseres fanatischen Selbstoptimierungszwangs. Wir haben uns kollektiv zu Versuchskaninchen unseres eigenen Perfektionismus erklärt und streben wie die Verrückten dem Ziel entgegen, das Maximum und wenn möglich noch mehr aus uns rauszuholen.

Wir verfallen jeden Silvester aufs Neue der Idee, dass wir eigentlich mehr sein sollten, als wir nun mal eben sind. «Be a better You» nennen das die Amerikaner. Jedes Jahr kommen dutzende neue Bücher auf den Markt, die den nach dem individuellen Optimum Strebenden aufzeigen, wie sie schnellstmöglich zu ebendiesem besten «You» werden können.

Und jedes Jahr schiessen die Zahlen für die verkauften Fitness-Abos und gesunden Kochbücher nach Neujahr in die Höhe. Die Fitnesspäpste und Kochkursleiter reiben sich über das ganze Trallala rund um die Neujahrsvorsätze die Hände. Und wir? Wir sind nicht einmal im besinnlichen Moment des Jahreswechsels gefeit vor dem aufgesetzten Zwang etwas sein zu müssen, was wir nicht sind.

2011 hat der Trendforscher David Bosshart den Begriff «Age of the Less» geprägt. Wir müssten der Vorstellung des Immer-mehr-Wollens und des Immer-schneller-Wachsens abschwören, wenn wir alle in Zukunft friedlich und fair mit- und nebeneinander existieren wollten, sagte Bosshart. Man mag das rein ökonomisch verstehen.

Vielleicht aber lässt sich Bossharts Gedanke auch auf den glühenden Selbstoptimierungszwang unserer Ära anwenden. Es täte uns allen ganz gut, uns zum Ende des Jahres darauf zurückzubesinnen, dass wir nun mal sind, was und wer und wie wir sind. Diese Erkenntnis hat etwas Entspannendes und baut ziemlich viel Stress ab. Und das war es doch eigentlich, was sich letztes Jahr 61 Prozent der Befragten vornahmen.