Sorgen-Telefon: Mehr Anrufe wegen Gewalt an Frauen

Das Chat-Angebot der Dargebotenen Hand wird stark genutzt. Sie sucht neue Freiwillige.

Pascal Ritter
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Eine Mitarbeiterin der Dargebotenen Hand nimmt das Telefon (Tel. 143) ab. (Bild: Severin Bigler)

Eine Mitarbeiterin der Dargebotenen Hand nimmt das Telefon (Tel. 143) ab. (Bild: Severin Bigler)

Morde an Frauen haben die Diskussion über Gewalt in Beziehungen – insbesondere gegen Frauen – in den letzten Wochen neu angeheizt. Recherchen zeigen nun, dass das Thema Gewalt in Beziehungen auch bei Anrufen und Chat-Anfragen an den Seelsorgedienst Dargebotene Hand häufiger zur Sprache kommt.

«Sowohl am Telefon wie auch online hat das Thema Gewalt deutlich zugenommen. Am Telefon ist es immer noch auf tiefen Niveau, im Chat und Mail geht es hingegen bei fast jedem zwölftem Kontakt ums Thema Gewalt», sagt Matthias Herren. Er leitet die Dargebotene Hand Zürich, die Anlaufstelle mit dem grössten Einzugsgebiet. In diesem Jahr gab es bis Ende August in Zürich bereits 594 Gespräche, Chats oder E-Mail-Wechsel zum Thema Gewalt. Im gleichen Zeitraum waren es letztes Jahr nur deren 398. Dabei gehe es gemäss Herren ausschliesslich um häusliche Gewalt. Es sind zudem rund 80 Prozent Frauen, die anrufen.

Online kommt das Thema eher zur Sprache

Im Vergleich zu anderen Themen, die am klassischen Sorgentelefon zur Sprache kommen – wie etwa psychische Leiden oder Alltagsbewältigung –, ist Gewalt zwar mit einem Anteil von 1,6 Prozent eher unbedeutend. Der Anteil hat sich aber im Vergleich zur Vorjahresperiode (1,1 Prozent) gesteigert. Es zeigt sich zudem, dass Gewalt eher online thematisiert wird. Denn bei E-Mail-Kontakten und Chats kommt das Thema Gewalt bei acht Prozent der Schriftenwechsel zur Sprache. Im Vorjahr betrug der Anteil noch fünf Prozent. Per E-Mail oder Chat melden sich vor allem junge Menschen. Seit Januar kann man sich zwischen 10 Uhr morgens uns 22 Uhr abends in einem Livechat melden. Das Angebot wird derart stark genutzt, dass die Dargebotene Hand nun zusätzliche Freiwillige sucht.

Ob der erhöhte Gesprächsbedarf zum Thema Gewalt auch auf eine reale Zunahme von Gewalt in Beziehungen zurückgeht, bleibt offen. Möglich wäre auch eine erhöhte Sensibilisierung und Enttabuisierung des Themas. Darauf deutet auch hin, dass das Thema Gewalt eher online zur Sprache kommt.

Schweiz hat keine nationale Hotline für Frauen

Im Unterschied zu vielen anderen Ländern verfügt die Schweiz über keine spezielle nationale Hotline, an die sich Frauen wenden können, wenn sie Beratung oder Hilfe zum Thema Gewalt brauchen. Es gibt aber regionale Angebote, etwa von Frauenhäusern. Viele sind rund um die Uhr erreichbar. Allerdings besteht nicht in allen Kantonen eine solche Not-Nummer.