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SOZIALWERKE: Im Sommer auf den Bau, im Winter aufs RAV

In einzelnen Kantonen nimmt fast jeder zweite Arbeitslose seine Tätigkeit beim früheren Arbeitgeber wieder auf. Wirtschaftspolitiker sehen darin einen Missbrauch der Arbeitslosenkasse.
Roger Braun
Ein Bauarbeiter beim Entwässern einer Baugrube. (Bild: Salvatore di Nolfi/Keystone)

Ein Bauarbeiter beim Entwässern einer Baugrube. (Bild: Salvatore di Nolfi/Keystone)

Roger Braun

Derzeit ist auf dem Arbeitsmarkt alles in bester Ordnung. Die Baumaschinen brummen, die Hotels sind gut gefüllt, die Arbeitslosigkeit liegt tief. Doch je weiter das Jahr voranschreitet, desto mehr Leute werden ohne Arbeit sein. Die Arbeitslosigkeit erreicht im Winter regelmässig Höchststände, während sie im Sommer sinkt. Besonders ausgeprägt ist das im Wallis der Fall (siehe Grafik), wo die saisonalen Branchen des Baus und des Gastgewerbes eine grosse Bedeutung haben.

Auffallend ist: Sehr oft heuern die entlassenen Bauarbeiter und Serviceangestellten nach einigen Monaten in der Arbeitslosenkasse bei derselben Firma wieder an. Gemäss Studien ist das im Wallis und in Graubünden fast bei jedem zweiten Arbeitslosen der Fall. Schweizweit liegt die Quote im Bauwesen (36 Prozent) sowie in der Gastronomie (29 Prozent)am höchsten.

FDP-Ständerat Ruedi Noser (ZH) sieht darin «einen klaren Missbrauch der Arbeitslosenkasse». Er sagt: «Die Arbeitslosenversicherung soll einspringen, wenn jemand in Not ist, und nicht um Saisonbetriebe zu finanzieren.» Der IT-Unternehmer beklagt eine Ungerechtigkeit. «Es kann doch nicht sein, dass die Allgemeinheit dafür bezahlen muss, wenn ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter während einiger Monate in der Arbeitslosenkasse parkiert und sie später wie versprochen wieder anstellt.»

Wirte und Baumeister sehen sich zu Unrecht kritisiert

Das Gastgewerbe weist den Vorwurf zurück. «Tatsache ist, dass viele Betriebe vor allem in Saisongebieten zwischen den Saisons mehrere Monate schliessen, weil keine Nachfrage besteht», sagt der Präsident von Gastrosuisse, Casimir Platzer. Dadurch hätten die Mitarbeitenden keine Arbeit mehr. Ob sich diese dann bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) melden oder nicht, sei ihnen überlassen. Zudem sagt er: «Es wäre geradezu paradox, wenn Betriebe bei Saisonbeginn nicht jene Mitarbeitenden berücksichtigen würden, die beim RAV gemeldet sind, und jedes Mal neue rekrutieren würden.»

Die Baumeister weisen ebenfalls alle Schuld von sich. «Wir Unternehmer sind Opfer, nicht Verursacher», sagt der Direktor des Walliser Baumeisterverbands, Serge Métrailler. Verantwortlich für die saisonale Arbeitslosigkeit seien die tiefen Auftragsbestände im Winter. Das liege in erster Linie am kalten Wetter, aber auch an der öffentlichen Hand, die sich als Bauherrin im Winter ebenfalls zurückhalte, um die Touristen nicht zu stören.

Die höchsten Quoten von Arbeitslosen, die wieder beim selben Arbeitgeber unterkommen, weisen das Wallis, Graubünden, das Tessin sowie Uri auf. «Diese Leute sind unseren RAV wohl bekannt», sagt der Urner Volkswirtschaftsdirektor, Urban Camenzind. Sie melden sich in der touristischen Zwischensaison von April und Mai beim RAV an und nehmen danach die Arbeit beim angestammten Betrieb wieder auf. «Illegal ist das nicht», sagt Camenzind, «aber das System wird ausgenutzt.» Verantwortlich macht Camenzind dafür vor allem die Firmen. Die Arbeitnehmer hätten aufgrund ihrer mangelnden Ausbildung meist gar keine andere Chance, als befristete Verträge zu erhalten. «Doch von den Arbeitgebern würde ich erwarten, dass sie die Leute ausbilden und bei Ausländern insbesondere dafür sorgen, dass sie Deutsch lernen», sagt Camenzind. «Manchmal scheint es mir allerdings, als hätten die Arbeitgeber daran gar kein Interesse, da sie sonst ihre saisonalen Arbeitskräfte verlieren.»

Politik sucht nach Lösungen, findet sie aber nicht

Einfach ist es nicht, die saisonale Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Dies zeigt ein Pilotprojekt des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco und dem Kanton Wallis. Seit Anfang Dezember fasst der Kanton Stellensuchende aus der saisonalen Wirtschaft härter an. Zahl und Qualität der Bewerbungen werden strenger kontrolliert, der zumutbare Arbeitsweg wurde verlängert. Bisher ist der Erfolg allerdings bescheiden. Die Zahl der Stellensuchenden, die wieder beim gleichen Arbeitnehmer unterkommen, ist sogar gestiegen, wie eine Zwischenbilanz Anfang August ergab.

Etwas Hoffnung weckt dagegen das Projekt «Mitarbeiter-Sharing» der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Gemäss dem Motto «im Sommer am See, im Winter im Schnee» spannen 44 Hotel- und Gastronomiebetriebe aus Graubünden und dem Tessin zusammen und tauschen Mitarbeiter saisonal aus. Noch steckt das Projekt allerdings in der Anfangsphase.

Bleibt das Problem bestehen, dürften in der Politik bald extremere Forderungen auf den Tisch kommen. Noser könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass saisonale Betriebe höhere Lohnbeiträge an die Arbeitslosenkasse abliefern müssten, um ihre Kosten selbst zu tragen. Das Seco ist allerdings skeptisch, da die Arbeitslosenversicherung auch eine Ausgleichsfunktion zwischen Branchen und Regionen habe.

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