Spielgruppe weist Zwillinge von Schwulen ab – jetzt reden die Papis: «Was den beiden Buben passiert ist, sollte niemandem passieren»

Eine Spielgruppe aus Lenzburg wies die Zwillinge eines homosexuellen Paares ab. Jetzt sprechen die Eltern über den Vorfall, der die Schweiz bewegt.

Pascal Ritter
Drucken
Teilen
Die beiden Väter Michael und Rhosan in der Lenzburger Altstadt mit ihren Zwillingskindern Rafael und Rahul. (Carolin Frei)

Die beiden Väter Michael und Rhosan in der Lenzburger Altstadt mit ihren Zwillingskindern Rafael und Rahul. (Carolin Frei)

Die dreieinhalbjährigen Zwillinge Rafael und Rahul wurden von einer Spielgruppe in Lenzburg abgewiesen. Der Grund: Sie haben nicht einen Papi und ein Mami, sondern zwei Papis. Der Fall, über den der Lenzburger Bezirks-Anzeiger zuerst berichtet hatte, löste Empörung aus. «Diskriminierendes Verhalten ist in Spielgruppen nicht erwünscht», sagte Regula Aeschbach vom Verein Spielgruppen Aargau. Der Dachverband Regenbogenfamilien und Pink Cross kritisierten den Ausschluss aus Spielgruppe ebenfalls.

Wie kam es zum Ausschluss der Knirpse? Die Redaktion von CH Media hat mit den Papis der Zwillinge gesprochen. Der 48-jährige Roshan ist erst vor kurzem nach Lenzburg gezogen, wo er in der Nähe des Bahnhofes zusammen mit seinem Partner Michael und den Buben lebt. Der Brite arbeitet in einer Pharma-Firma in Zürich.

«Diskriminierung hätte ich vielleicht in einem abgelegenen Bergdorf erwartet»

Roshan ist der biologische Vater der Zwillinge. Geboren wurden sie von einer Leihmutter im Ausland. Sein Partner Michael, 35, stiess erst später zur Familie. Die beiden sind weder verheiratet noch in einer eingetragenen Partnerschaft. Roshan ist alleine erziehungsberechtigt. Die Kinder haben aber gemäss den Papis auch zu Michael eine enge Bindung. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er sie adoptiert, sollten die beiden einst ihre Partnerschaft eintragen lassen. Dass die Partner von homosexuellen Vätern oder Müttern, deren Kinder adoptieren, ist seit dem 1. Januar 2018 möglich.

Sowohl Michael als auch Roshan hatten geplant, die Buben von der Spielgruppe abzuholen. Doch dazu kommt es nun zumindest vorerst nicht. Weil die Zwillinge abgewiesen wurden, überlegen die beiden Papis, ob sie warten, bis die Buben in den Kindergarten kommen.

«Dass meine Kinder wegen meiner sexuellen Orientierung nicht in eine Spielgruppe dürfen, hätte ich vielleicht in einem abgelegenen Bergdorf erwartet. Aber doch nicht in Lenzburg, mitten in der Schweiz», sagt Roshan. Den Kindern spiele es keine Rolle, ob Mutter und Vater oder zwei Väter beziehungsweise zwei Mütter sich um sie kümmerten. Irritiert zeigt er sich über die Rechtslage. Offenbar ist es Spielgruppen freigestellt, Kinder abzuweisen, wenn deren Hintergrund nicht in das Weltbild der Betreiber passt. Spielgruppen sind nicht bewilligungspflichtig und müssen sich kaum an Vorgaben halten.

Den Kindern spiele es keine Rolle, ob Mutter und Vater oder zwei Väter beziehungsweise zwei Mütter sich um sie kümmerten

Im Lenzburger Bezirks-Anzeiger wird die Spielgruppenleiterin so zitiert, dass die Konstellation in der die Buben lebten «weder normal noch natürlich» sei. Den Vorwurf der Homophobie mag Roshan aber nicht erheben. Er hatte den Eindruck, dass sich die Spielgruppenleiterin vor den Reaktionen der anderen Eltern fürchte. Und diese Furcht sei wahrscheinlich sogar unbegründet gewesen.

«Es geht nicht um die einzelne Spielgruppe»

Das Ziel der beiden Papis ist denn auch nicht ein einzelne Spielgruppe oder Region anzuprangern. «Wir wollen eine Diskussion anregen über dieses Thema, damit in Zukunft andere Kinder nicht mehr das Gleiche erleben müssen», sagt Roshan. Er appelliert auch an die Politik, die Gesetze derart anzupassen, dass eine Diskriminierung von Kindern homosexueller Paare künftig verhindert würde. «Was den beiden Buben passiert ist, sollte niemandem passieren.»

Ob das Paar in Lenzburg wohnen bleibt, ist offen. «Es gefällt mir hier gut und ich hatte auch nie ein negatives Erlebnis, aber ich mache mir schon Gedanken, ob es die Buben in einer grösseren Stadt vielleicht leichter hätten, wenn sie älter werden».

Roshan hofft auch, dass sich das gesellschaftliche Klima in nächster Zeit in dieser Frage in den nächsten Jahren verbessert.

«Heute bekommen die Buben noch nicht alles mit. Ich hoffe, dass wir weiter sind, wenn sie in die Schule kommen.» 

Die Spielgruppenleiterin war am Freitag nicht bereit, mit dieser Zeitung zu sprechen.