Spionage: Schlapphüte und Maulwürfe

Dominik Buholzer, Leiter «Zentralschweiz am Sonntag» über das Thema Spionage.

Dominik Buholzer, Leiter «zentralschweiz Am Sonntag»,
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Dominik Buholzer (Bild: Pius Amrein / LZ)

Dominik Buholzer (Bild: Pius Amrein / LZ)

Mata Hari ging als bekannteste Spionin in die Geschichte ein. Die Nackttänzerin aus den Niederlanden hat im Ersten Weltkrieg für den deutschen Geheimdienst unter anderem französische Soldaten ausgehorcht und wurde später deswegen zum Tode verurteilt. Bis heute ist allerdings nicht klar, ob sie je brisantes Material verraten hat. Unklar ist, ob wir dies auch in einem anderen Fall je wissen werden.

Es geht um Daniel M., den Spion in Schweizer Diensten, der im Finanzamt von Nordrhein-Westfalen einen Maulwurf platziert haben soll. Sicher ist dies nicht mehr. Über zu vielem schwebt der Nebel des Ungewissen. Klar ist nur, dass Daniel M. in Deutschland für die Schweiz schnüffelte und letzte Woche in Frankfurt verhaftet worden ist. Norbert Walter-Borjans, Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, spricht von einem «handfesten Skandal», das deutsche Aussenministerium bestellte die Schweizer Botschafterin Christine Schraner Burgener ein, und Sigmar Gabriel telefonierte mit Didier Burkhalter. In der Schweiz sehen die Politiker bereits die guten Beziehungen zu Deutschland auf dem Spiel stehen.

So ernst ist die Lage (noch) nicht. Gewiss: Dass ausgerechnet der Schweizer Nachrichtendienst einen Maulwurf in einem deutschen Finanzamt platziert, haben viele – insbesondere zahlreiche Schweizer – nicht erwartet. So aussergewöhnlich ist dies letztendlich nicht. Staaten setzen regelmässig Spione ein, um ihre Interessen zu verteidigen oder an Informationen zu gelangen. Eine glückliche Hand haben sie dabei längst nicht immer. Anna Chapman verfügte über mehr optische Reize als geheimdienstliche Raffinesse; sie flog 2010 zusammen mit einem russischen Spionagering in den USA auf. Genau gleich ging es einem US-Spion, der 2014 dem deutschen Bundesnachrichtendienst eine Liste mit den Namen von 3500 Agenten entwendete.

Beidseits der Grenzen dürfte spätestens nach der deutschen Wahl wieder Vernunft einkehren. Spätestens dann wird Walter-Borjans hoffentlich gemerkt haben, dass es nicht geschickt war, eine CD mit illegal beschafften Daten von mutmasslichen Steuersündern gekauft zu haben. Denn dieser Kauf steht ganz am Anfang dieser unseligen Geschichte.

Dominik Buholzer, Leiter «Zentralschweiz am Sonntag»,

dominik.buholzer@luzernerzeitung.ch